Mit dem viertürigen Kompaktcoupé CLA beweist Mercedes-Benz Mut zur Lücke. Vielfahrer werden die praktischen Talente sehr, Mitreisende das Design weniger schätzen.

Die Zeremonie in Brescia passt ins Bild: Vor wenigen Tagen hat Dieter Zetsche den "World Top Manager Award 2013" erhalten. Eine Jury aus italienischen Wirtschafts- und Automobiljournalisten würdigte "die Fähigkeiten, den Mut und die Entschlossenheit" des Vorstandsvorsitzenden von Daimler, trotz des schwankenden weltweiten Automobilgeschäfts die Marke Mercedes-Benz weiterentwickelt zu haben.

Es ist noch gar nicht lange her, da stand der Mann mit dem markanten Schnauzbart im permanenten Kreuzfeuer der Kritik. Selbst die eigenen Aktionäre sprachen dem 61-Jährigen ausgerechnet jene "Fähigkeiten, Mut und Entschlossenheit" ab, für die er nun ausgezeichnet wurde. Doch Zetsche hat hoch gepokert - und vieles gewonnen.

Dass die Marke Mercedes-Benz ihr verstaubtes Design ablegte, dass die Kompaktklasse in eine ganze Modellfamilie (A-, B-, CLA-, GLA-Klasse) aufgefächert wurde, dass das Unternehmen massiv in technische Innovationen (neue S-Klasse) und Produktqualität (neue C-Klasse) investierte - all das trägt Zetsches Handschrift. Und so eilen die Schwaben weltweit derzeit von Monat zu Monat zu neuen Verkaufsrekorden. Zuletzt im April mit einem Plus von 14,2 Prozent.

Große Ziele bis 2020

Alles gewonnen hat der Daimler-Chef, der in Stuttgart nun schon seit 2006 das Zepter schwingt, nach eigenem Selbstverständnis aber erst, wenn Mercedes bei Absatzvolumen und Umsatzrendite wieder an den ewigen Premium-Widersachern BMW und Audi vorbei gezogen ist. 2020 soll es soweit sein.

Natürlich gilt in erster Linie die neue S-Klasse als Insigne für den Markenclaim "das Beste oder nichts" und sorgt alleine in Deutschland in den ersten vier Monaten des Jahres mit einem Absatzplus von 179,6 Prozent für Furore. Doch bei genauer Betrachtung belegt die deutliche kleinere Coupé-Limousine CLA die jetzt in Italien gepriesenen Eigenschaften der Daimler-Führung viel mehr. Vor allem den Mut.

"Ist das wirklich ein Mercedes?"

Schließlich gilt die Linienführung von Designchef Gorden Wagener bei diesem Modell, vor allem bei eingefleischten Mercedes-Fahrern, als polarisierend. Auf jeden Fall zieht der Viertürer auch ein knappes Jahr nach seinem Debüt noch die Blicke der Passanten auf sich, wie sich jetzt beim Test von Der Handel allerorten zeigte. Man kann den Betrachtern die Frage förmlich im Gesicht ablesen: "Ist das wirklich ein Mercedes?"

Ist es! Und tatsächlich mit allen Zutaten, auch wenn man die Marke in diesem Modell buchstäblich neu erfährt. Schließlich ist der CLA die erste Limousine des Traditionsherstellers mit Frontantrieb. So direkt und dynamisch lenkt sonst kein Sternenträger ein, die Federungsabstimmung ist entsprechend straff, geht aber gerade noch als komfortabel durch.

Kreativabteilung mit Liebe zum Detail

Passend dazu gibt sich die Inneneinrichtung sportlich-modern mit einem kompakten Lenkrad, das das "Gokart-Feeling" noch unterstreicht. Die Materialien wirken edel, mit reichlich Aluminiumblenden verziert und auch die indirekte Beleuchtung in den Kopfstützen bezeugt die Detailbesessenheit der Kreativabteilung. Der Tacho ist bei Tag mit eingeschaltetem Licht allerdings schwer ablesbar, nachts leuchten die Ziffern hingegen klar und deutlich.

Der auf dem Armaturenbrett stehende Navigationsbildschirm (3.510 Euro für das gesamte "Comand"-System) ist ausreichend dimensioniert und das siebenstufige Automatikgetriebe versieht seinen Dienst reibungslos – wenn es auf ebener oder  steigender Strecke voran geht. Bei Gefälle bremst der Automat im Schiebebetrieb hingegen zu stark. Erst ein vorsichtiger Tritt aufs Gaspedal sorgt für einen Gangwechsel.

Fondpassagiere leiden unter der Form

"Wer schön unterwegs sein will muss leiden". Diese Zitatabwandlung gilt besonders für die Fahrgäste auf der Rückbank. Selbst eher klein gewachsene Personen stoßen mit dem Kopf an. Lange Strecken sollte man seinen erwachsenen Mitfahrern keinesfalls antun. Und die schnittige Form fordert auch bei der Sicht nach hinten ihren Tribut. Die Rückfahrkamera (374 Euro) müsste daher in der Aufpreisliste auf jeden Fall angekreuzt werden.

Vergleichsweise praktisch nimmt sich hingegen das Gepäckabteil mit 470 Litern Volumen, umklappbaren Rücksitzlehnen und einem "Keller" für Kleinutensilien aus. Damit lässt sich die Dienstreise antreten.

220 CDI mit Automatik serienmäßig

Das gilt auch für den derzeit stärksten der drei angebotenen Dieselantriebe im 220 CDI (125 kW/170 PS), der das ansonsten 2.165 Euro teure Automatikgetriebe serienmäßig mit an Bord hat. Verbrauchswerte im oberen Fünf-Liter-Bereich sind bei moderater Fahrweise realistisch. Der Normwert von 4,2 Litern ist dagegen selbst von ausgewiesenen Sparfüchsen kaum zu erreichen.

Eine Empfehlung für Vielfahrer ist der Abstandsregeltempomat "Distronic plus“ (1.023 Euro), der vor allem im dichten Kolonnenverkehr oder bei Stau viel Arbeit abnimmt und so zumindest teilautonomes Fahren ermöglicht. Mit weiteren Assistenz- und Komfortfeatures kann der ohnehin schon selbstbewusst kalkulierte Einstandspreis von 38.466 Euro mühelos nach oben getrieben werden.

Wogegen Dieter Zetsche bestimmt keine Einwände hat, um seinen Renditezielen näher zu kommen.

Bernd Nusser

Einen Fahrbericht zur S-Klasse von Mercedes-Benz lesen Sie in der Juli-Ausgabe von Der Handel, die am 9. Juli erscheint. Zum Probeabo geht es hier.