Noch immer hat Deutschland keine neue Regierung. Aber Kanzlerin Merkel versprach, was es künftig auf keinen Fall geben soll: Höhere Steuern, neue Schulden. Auf dem Handelskongress kam das gut an.

Angela Merkel hatte es eilig. Ob sie noch etwas Zeit für Nachfragen habe, wollte Stefan Genth wissen. Ein kurzes Kopfschütteln brachte dem Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschlands (HDE) schnell Gewissheit: die Bundeskanzlerin wollte schnell weiter. Einen wichtigen Grund dafür nannte sie zuvor: "Es stehen heute noch Koalitionsverhandlungen an."

Merkels CDU und die SPD ringen seit Wochen um das Zustandekommen einer neuen Regierung, HDE-Präsident Josef Sanktjohanser fühlte sich deswegen geehrt, dass die Kanzlerin "in dieser heißen Zeit" den Weg fand zum 13. Deutschen Handelskongress in Berlin.

Nichts Neues, aber viel Applaus

Es sollte dann eine nette gute halbe Stunde werden, in der Angela Merkel auf dem Kongress redete, dass die Kanzlerin dabei nicht viel Neues sagte, stellte später auch Genth fest. Ihre Versicherung, dass es mit ihr weder Steuererhöhung noch Einführung einer Vermögenssteuer geben werde, quittierten die Zuhörer trotzdem mit viel Applaus. Den gab es auch für Merkels Ziel, im künftigen Bundeshaushalt keine neuen Schulden zu machen. Ihre Ankündigung, die bisher stetig steigenden EEG-Abgaben "massiv" zu bremsen, kam gleichfalls gut an. Und dass die neue Bundesregierung viel in Verkehrswege und Infrastruktur investieren wolle, dürfte ebenfalls kein Handelsunternehmer beklagen.

Man hätte schon ein bisschen Reibung zwischen Merkel und Sanktjohanser erwarten können an diesem Donnerstag, denn am Vortag war der HDE-Präsident mit einigen kernig-kritischen Worten in Richtung Regierung in Vorlage getreten. Der gesetzliche Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro war dabei einer seiner Kritikpunkte. Doch im Angesicht der Kanzlerin blieb Sanktjohanser lammfromm und vermied somit eine peinliche Situation wie sich vor einigen Tagen bei der Verabschiedung von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt zugetragen hatte: Hundts Nachfolger Ingo Kramer erntete für seine forsche Rede eine giftige Replik det Kanzlerin.

"Mindestlohn nicht Teil des Unionsprogramms"

Selbstverständlich ging Merkel auf den Mindestlohn ein - um den Schwarzen Peter der SPD zuzuschieben, die das Thema zur Voraussetzung einer Koalitionsvereinbarung gemacht hätten. "Der Mindestlohn ist nicht Teil des Unions-Programms." Damit aber Deutschland eine Regierung erhält, müsse eben jeder Kompromisse machen.

Dass sich die Bundeskanzlerin in diesen Tage mit dem Einzelhandel beschäftigt, bewies sie nicht nur bereits in ihrem Videopodcast am Wochenende, sondern auch mit ihrem Hinweis, dass die Branche mehr Tarifbindung benötige. Freilich seien hier die Rahmenbedingungen schwierig, räumte sie ein, "dennoch ist es nicht gut, wenn es zu viele weiße Flecken gibt". In Gesprächen mit der Gewerkschaft wolle sie darauf hinweisen, dass es unfair wäre, wenn im Einzelhandel nicht mehr Tarifverträge entstünden. Das wird die Gewerkschaft gerne hören - seit Monaten ringt Verdi ohne jedes Zeichen auf Annäherung mit den Arbeitgebern um einen neuen Manteltarifvertrag im Einzelhandel.

Auch Merkel kennt den Onlinehandel

Insgesamt zum dritten Mal sprach Merkel als Kanzlerin auf einem Handelskongress, das zeigt, dass sie die Branche Ernst nimmt, die rund 3 Millionen Beschäftigte hat. Nicht nur das: Auch die Kanzlerin hat verstanden, dass Einkaufen heute mehr ist, als das Besuchen von stationären Läden. Folglich hieß auch das Motto des diesjährigen Kongresses "Smart Retail – Kunden binden auf allen Kanälen".

David Bosshart beschrieb dabei gut, was auf die Branche zukommen wird. "Omni-Channel ist Standard für Wachstumslösungen", hieß eine der zehn Thesen des Geschäftsführers des Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Instituts. Der Zukunftsforscher warnte Handelsbranche vor Technikfeindlichkeit, "denn Maschinenintelligenz schlägt künftig menschliche Intelligenz", weil etwa ein Smartphone jede Menge über die Eigenschaften seines Besitzers verrate.

Kundenbindung? Kundenbefreiung!

Gleichfalls riet der Schweizer aber davon ab, die Läden mit technischen Innovationen zu überfrachten. "Technik soll das Einkaufserlebnis intensivieren", erläuterte Bosshart, der auch Verblüffendes zum Besten gab: "Kundenbindung funktioniert nicht mehr, es gibt nur noch Kundenbefreiung." Was das heißt? Von Informationen und Angeboten überfrachtete Konsumenten sollen sozusagen vom Händler beruhigt werden, er soll ihnen Orientierung beim Einkaufen geben.

"Der Mensch von morgen ist gestresst." Aber auch kritischer, bezogen auf die Herkunft von Produkten und die Art und Weise des Vertriebs. Für Bosshart ist daher das Zeitalter der Nachhaltigkeit angebrochen. Händler stellen sich diesem Anspruch entweder heute freiwillig, oder man werde sie morgen autoritär dazu zwingen.

Und schließlich seien Daten, also Informationen über Kunden, künftig laut Bosshart wichtiger als Geld. Denn, verkürzt, sind viele gute Infos der Schlüssel zum Unternehmenserfolg. "Amazon kapitalisiert derzeit seinen Vorsprung an Daten", meinte der GDI-Vordenker. Sein Fazit: Damit Handelsunternehmen künftig bestehen können, werden sie noch mehr als bisher im strategischen Denken gefordert. "Aber das ist nicht unbedingt die Stärke des Handels."

Steffen Gerth, Berlin