Der Strahlemann von einst ist unsicher geworden: Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wird Aktienmanipulation vorgeworfen. Vor Gericht wird nun seine Vergangenheit als Konzernchef aufgearbeitet.

Immerhin, gelegentlich hat er im Gerichtssaal vorsichtig gelächelt. Aber meist war er ernst, wirkte für einige Beobachter gar verunsichert - und das ist ein großer Unterschied zu den früheren Auftritten von Thomas Middelhoff.

Als Vorstandschef des untergegangenen Arcandor-Konzerns liebte er die große Inszenierung nach dem Motto: Ich habe alles im Griff, die Zukunft wird großartig. Kritische Fragen nach der Zukunft von Karstadt oder Quelle bügelte er auf Pressekonferenzen regelmäßig ab. Middelhoff war der Kapellmeister auf der Arcandor-Titanic. Er ließ weiter musizieren, auch wenn das Schiff längst sank.

In der Gegenwart muss sich der Ex-Manager nun mit dem Aktenzeichen 4 O 244/09 des Landgerichts Essen beschäftigen. Am Donnerstag war in Essen der erste Verhandlungstag in der Sache gegen den früheren Arcandor-Chef, ihm wird Aktienmanipulation vorgeworfen..

Anleger vorsätzlich in die Irre geführt?

Der Vorwurf: Middelhoff soll durch Aussagen in einem Interview mit der Berliner Zeitung "Tagesspiegel" Anleger vorsätzlich über die wirtschaftliche Lage der Arcandor-Warenhaustochter Karstadt getäuscht haben.

Der Kläger: Jan-Eric Peters, Chefredakteur der zum Axel-Springer-Konzern gehörenden Tageszeitung "Die Welt". Der Journalist fordert fordert rund 5.000 Euro Schadenersatz von Middelhoff, weil er sich von ihm und der Arcandor-Öffentlichkeitsarbeit getäuscht fühlt.

Peters klagt als Privatmann. Das Geld spiele für ihn nur eine untergeordnete Rolle, sagte er, vielmehr fände er es nicht in Ordnung, dass Middelhoff die Öffentlichkeit mit Interviewäußerungen in die Irre geführt habe. Aus diesem Grund habe er eine Zivilklage angestrengt.

Es geht um ein Interview aus dem September 2008, in dem es um die wachsenden finanziellen Probleme von Karstadt ging. Middelhoff wurde damals gefragt, ob er über eine Kapitalerhöhung für den angeschlagenen Warenhauskonzern nachdenken würde.

"Das ist völliger Quatsch. Eine Kapitalerhöhung ist nicht geplant. Karstadt trägt 20 Prozent zu unserem Umsatz bei, mehr nicht. Wir lösen unsere Probleme aus eigener Kraft", war die Antwort.

Nach Aktienkauf 50.000 Euro verloren

Peters, der sich als routinierter Anleger versteht, hatte daraufhin in zwei Schritten 70.000 Arcandor-Aktien im Wert von etwas mehr als 220.000 Euro gekauft. Er sei natürlich davon ausgegangen, dass die Angaben Middelhoffs der Wahrheit entsprachen, ließ er am Donnerstag über seinen Anwalt vor Gericht erklären.

Dummerweise gab Arcandor eine Woche nach Erscheinen des Interviews doch eine Kapitalerhöhung bekannt, der Aktienkurs fiel weiter ab - als Peters seine Wertpapiere im November dann abstieß, betrug sein Verlust 50.000 Euro.

Middelhoff wies die Anschuldigung, in dem Zeitungsinterview bewusst falsche Angaben gemacht zu haben, um den unter Druck geratenen Arcandor-Aktienkurs wenigstens noch ein paar Tage zu stabilisieren, als falsch zurück.

"Unsere Aufgabe war es damals, die Finanzierung zu sichern, und nicht, Kurspflege zu betreiben", sagte er vor dem Landgericht. Zum Zeitpunkt des Interviews sei eine Kapitalerhöhung tatsächlich noch nicht geplant gewesen. Dies habe sich erst Tage später nach weiteren Krisengesprächen mit den Kredit gebenden Banken ergeben. "Das waren chaotische Zeiten", so Middelhoff.

Wenn sich ein Pressesprecher irrt

Chaotisch war auf jeden Fall die Öffentlichkeitsarbeit, wie vor dem Landgericht offenkundig wurde. Denn am 24. September 2008 hatte der damalige Arcandor-Pressesprecher Jörg Howe öffentlich den Verkauf der Arcandor-Touristiksparte Thomas Cook ausgeschlossen.

Daraufhin habe Peters nochmal Aktien des Konzerns nachgekauft, wie er vor dem Landgericht mitteilen ließ. Allerdings am Abend des besagten 24. Septembers hatte Arcandor mitgeteilt, auch eine Reduzierung der Beteiligung bei Thomas Cook zu prüfen.

Vor dem Landgericht wertete Middelhoff die Äußerungen als persönliche Interpretation von Howe, der vor seiner Arcandor-Zeit Sat1-Chefredakteur gewesen war. In die Erwägungen über einen Verkauf der Touristiksparte sei der Sprecher nicht eingeweiht gewesen. "Das war höchste Geheimhaltungsstufe", betonte Middelhoff.

Das Zivilverfahren wird mit der Befragung von Zeugen fortgesetzt. Ein Termin für die Urteilsverkündung ist noch nicht bekannt.