Sigmar Gabriel war nicht anwesend. Aber per Videobotschaft machte der Wirtschaftsminister den Teilnehmern des Mittelstands-Kongresses Hoffnung auf verbesserte Rahmenbedingungen.

Rom statt Berlin. G7-Krisensitzung statt Mittelstandsgipfel. Sigmar Gabriel musste kurzfristig andere Proritäten setzen. Vor vier Wochen noch hatte der Bundeswirtschaftsminister in einem Gespräch mit Wilfried Hollmann, Präsident des Mittelstandsverbundes ZGV, seine Teilnahme am 8. Peak-Symposium zugesichert. Aber nun gibt es die Krise in der Ukraine - und für einen Bundespolitiker verschieben sich deswegen schnell die Proritäten. In Rom diskutieren an diesem Dienstag die Wirtschaftsminister aus den G7-Staaten, welche Alternativen es zu einer Energieversorgung aus Russland gibt.

Immerhin, Gabriel schickte den Peak-Teilnehmern in Berlin eine Videobotschaft. So etwas ist freilich nur ein schwacher Ersatz, zumal 2013 der damalige Umweltminister Peter Altmaier ebenfalls davon Gebrauch machte, weil auch ihm damals ein anderer Termin kurzfristig wichtiger war. 

"Bei der Energiewende wurde Manches überschätzt"

Es war die erwartbare Grußadresse, die Gabriel sendete, mit viel Lob für den kooperierenden Mittelstand, "der maßgeblichzue guten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland beiträgt". Konkret wurde der Minister nur ein bisschen, etwa, als er zugab, dass die Politik bei der Energiewende "Manches unterschätzt hat". Die am 8. April verabschiedete Novelle des Gesetzes für Erneuerbare Energie (EEG) soll Vieles begradigen: Einereits die Energieversorung in Deutschland sichern - andererseits die Kostendynamik bremsen.

Gabriel versprach zudem, dass in der Wirtschaftspolitik nicht nur die großen Konzerne, sondern auch verstärkt kleine und mittelständische berücksichtigt würden. Bezogen auf die diversen Tricks, mit der sich Konzerne Steuerschlupflöcher in Europa suchen, forderte der Minister eine "fairere Besteuerung" der Unternehmen.

"Rente mit 63 ist eine sozialpolitische Wohltat"

Was damit gemeint sein könnte, versuchte die "Anwältin des Mittelstands" zu erläutern, wie Iris Gleicke (SPD) von Präsident Hollmann bezeichnet wurde. Die Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung war für Gabriel eingesprungen und schlug den großen thematischen Bogen von EEG bis zu einem veränderten Wettbewerbs- und Insolvenzrecht.

Gleicke zeigte sich kundig, dass filialisierte Unternehmen einfacher Onlinehandelskonzepte umsetzen können als Verbundgruppen. Gleicke betonte weiter, dass das Verbot der Preisabsprachen ein "Kernbestand des Kartellrechts bleibt". Dennoch ziegte sich die Staatssekretärin offen für kartellrechtliche Initiativen, die den Bedürfnissen mittelständischer Verbundgruppen stärker entgegenkommen.geben habe. Zudem solle dafür gesorgt werden, dass vor allem im Osten Deutschlands die "weißen Flecken" bei der Tarifbindung beseitigt werden.

Staatssekretärin Gleicke, Foto: Annett Melzer
Staatssekretärin Gleicke, Foto: Annett Melzer
Vehement verteidigte die Staatssekretärin den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro, den Hollmann ebenso energisch kritisierte wie die Rente mit 63. Der Chef der Apothekerverbundgruppe Noweda bezeichnete frühere Verrentung als speziellen Wunsch von Bundesarbeitsministern Andrea Nahles (SPD), ohne dass es dafür eine breite Forderung in der Gesellschaft gebe. 

Gleicke wiederum pries die Rente mit 63 als "sozialpolitische Wohltat", gab freilich zu, dass sie sich bei diesem Thema mit Hollmann wohl nicht einigen werde. Trotzdem setzt der ZGV-Chef auch Hoffnung in die Juristin und die von der Bundesregierung neu geschaffene Arbeitsgruppe Mittelstand. 

Euronics-Chef Kober: Rabatte reichen nicht mehr

Nach soviel politischem Geplänkel war es dann an Benedict Kober zu zeigen, wie pragmatisch Einzelhändler die Herausforderungen für die Branche angehen können. Der Vorstandssprecher der Elektronikhandelskooperation Euronics präsentierte einen regelrechten Masterplan für den modernen stationären Handel, der als Blaupause für alle Handelsbranchen gelten könnte. Klares Ziel: Alle verfügbaren Vertriebskanäle müssen bespielt werden. 

Acht Punkte umfasst seine Strategie. Das sind etwa: "Multichannel funktioniert nur mit einem starken stationären Auftritt." Oder: "Verkauf von Lösungen statt Verkaufen von Produkten." Kobers Warnung: Die Konsumenten sind nicht mehr mit Rabatten zu aktivieren, weil es heutzutage im Web täglich jede Menge Preisbrecher gibt. Für den Euronics-Chef gilt: Den Kunden per Beziehungsmangement binden, und dies nicht mit Billigangeboten.

1,8 Prozent Wirtschaftswachstum vorhergesagt

Gleicke hinterließ den Peak-Teilnehmern noch eine Zahl, die optimistisch stimmen sollte. Um 1,8 Prozent wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr wachsen, prognostiziert das Bundeswirtschaftsministerum.

Die Herausforderung für den stationären Handel ist nun, ebenfalls davon zu profitieren. Ohne Verknüpfung von digitaler und realer Einkaufswelt, wird das kaum noch zu schaffen sein. Dazu passt der Satz von Robert Hackl, Geschäftsführer Costumer Operations beim Mobilfunkbetreiber Vodafone: "Die wertvollsten Kunden sind die, die online aussuchen und offline kaufen." 

Steffen Gerth, Berlin