Der Reifenhändler Pneuhage hat wechselvolle Erfahrungen mit Banken gemacht. Nun setzt das Unternehmen auf Unabhängigkeit und ein sehr spezielles Finanzierungsinstrument.

Peter Schütterle kann für jedes Fahrzeug den passenden Reifen besorgen. "Nur an die Pneus für die Formel 1 kommt man heute nicht mehr ran, die werden besser gehütet als ein Staatsgeheimnis", räumt der Geschäftsführende Gesellschafter von Pneuhage schmunzelnd ein.

Mehr als eine Million Reifen und 200.000 Felgen hat das Unternehmen ständig auf Lager. Vier Millionen unterschiedliche Rad-Reifen-Kombinationen kann sich der Kunde im Onlineshop theoretisch zusammenstellen. Seit 60 Jahren behauptet sich das mittelständische Unternehmen aus Karlsruhe im Wettbewerb. Schütterle führt den 1953 gegründeten Familienbetrieb in der dritten Generation. Mit 88 eigenen Filialen und 220 Vertriebspartnern ist der Reifenhändler bundesweit flächendeckend vertreten.

Zwei Produktionsstätten zur Runderneuerung von Lkw-Reifen, der international aufgestellte Großhandel Interpneu, eine 70.000 Quadratmeter große Logistikhalle in Speyer und ein starkes Standbein im Reifenservice für Nutzfahrzeuge sorgen dafür, dass das Unternehmen konjunkturellen Schwankungen ebenso trotzen kann wie anderen Risiken - etwa Veränderungen in der Vertriebspolitik eines Reifenherstellers.

Unabhängigkeit von Lieferanten, Kunden und Banken

"Wir wollen möglichst unabhängig sein und nicht in Abhängigkeit geraten - weder von Lieferanten, einzelnen Kunden oder Banken", beschreibt Schütterle seine Unternehmensphilosophie.

Mit seinen Bankenpartnern hat der engagierte Unternehmer wechselvolle Erfahrungen gemacht: Eine französische Bank kündigte 1999 quasi über Nacht einen Kredit über rund drei Millionen Euro, weil der deutsche Markt plötzlich nicht mehr ins Konzept passte. "Seither ist es unsere Strategie, immer mit mehreren Banken zusammenzuarbeiten", erläutert Johannes Kuderer, der in der Geschäftsführung von Pneuhage die Finanzen und das Controlling verantwortet.

Foto: Jörg Eberl
Foto: Jörg Eberl
Ein Bankenkonsortium fing die Finanzierung auf, die schließlich 2005 in eine sogenannte Asset-Backed-Security-Transaktion (ABS) der IKB Bank überführt wurde. Bei dieser ehemals insbesondere im Großhandel weit verbreiteten Finanzierungsform werden offene Forderungen als Wertpapiere verbrieft und an Investoren veräußert, um dem Forderungsverkäufer Liquidität zu verschaffen.

Nachdem die IKB im Zuge der Subprimekrise 2007 ins Trudeln geriet, wurde das ABS-Programm zunächst von der KfW und dann von der Helaba bis ins Jahr 2010 finanziert. "Eine Neuauflage scheiterte dann aber an den Konditionen", erinnert sich Kuderer. Der Verbriefungsmarkt war infolge der Finanzkrise fast vollständig zusammengebrochen.

Eine atmende Finanzierung auf Basis des Umlaufvermögens

Das Jahr 2009 war nicht gerade ein günstiger Zeitpunkt für Gespräche über eine Nachfinanzierung in zweistelliger Millionenhöhe. "Hinter viele Bankbeziehungen musste man damals ein Fragezeichen machen, weil der Fortbestand der Bank infrage stand", sagt Kuderer.

Vermittelt durch die Commerzbank AG befassten sich Schütterle und Kuderer dann erstmals mit einer "Borrowing Base"-Finanzierung. "Bei diesem Finanzierungsinstrument dient das gesamte Umlaufvermögen als Sicherheit", erläutert Carlo Wörner, Firmenkundenbetreuer der Commerzbank AG. "Das Unternehmen erhält eine atmende Kreditlinie, den Banken dienen die ausstehenden Forderungen und der Lagerbestand als Sicherheit."

Foto: Jörg Eberl
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Ein Konsortium aus sieben Banken stellte Pneuhage auf diese Weise eine Kreditlinie von bis zu 35 Millionen Euro über einen Zeitraum von drei Jahren zur Verfügung. "Diese Finanzierungsform kommt unserem Geschäftsmodell sehr entgegen, da wir starken saisonalen Schwankungen unterliegen. Im Herbst und im Frühjahr müssen die Lager voll sein", sagt Finanzchef Kuderer. Zudem sei man nicht von einer einzelnen Bank abhängig.

"Nicht für jedes Unternehmen geeignet "Borrowing-Base"-Finanzierungen sind ein gutes Instrument, da nicht nur die Forderungen einbezogen werden, sondern auch das Lager", sagt Bernd Papenstein, Finanzierungsexperte der Beratungsgesellschaft PWC. "Allerdings ist sie nicht für jedes Unternehmen geeignet. Der administrative Aufwand ist beachtlich und lohnt sich erst ab einem hohen einstelligen Millionenbetrag."

Darüber hinaus müsse das Lagergut, das als Sicherheit herangezogen wird, für eine Zweitverwertung geeignet sein. „Bei Autoreifen ist das kein Problem, bei anderen Handelsgütern wie Lebensmitteln oder Textilien wird dies schon schwieriger", so Papenstein.

Die Commerzbank hat dennoch eine ganze Reihe dieser Finanzierungen im Markt platziert: "Wir haben für rund 100 deutsche Mittelstandsunternehmen Borrowing-Base-Finanzierungen mit einem Volumen von insgesamt weit mehr als drei Milliarden Euro strukturiert", sagt Peter-Josef Becker, Leiter der Borrowing Base Finance in der Commerzbank-Zentrale (siehe auch Interview).

Foto: Jörg Eberl
Foto: Jörg Eberl
"Zu den Kunden gehören neben Stahl- und Rohstoffhändlern auch Handelsunternehmen, die internetbasierte Vertriebsplattformen für Konsumgüter, Lifestyle- und Elektronikartikel aufgebaut haben und signifikante Wachstumsstorys schreiben. Aber auch Unternehmen, die Lebensmittel aus aller Welt importieren und an die großen Retail-Ketten weiterveräußern."

Peter Schütterle und Johannes Kuderer sind mit ihrer Borrowing-Base-Finanzierung zufrieden und haben im Februar für die nächsten drei Jahre unterzeichnet - auf einem signifikant höheren Volumen.

Hanno Bender

Dieser Artikel ist in der März-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten Sie hier.