Nach und nach kristallisiert sich heraus, wie die Karstadt-Zukunft aussehen könnte: entweder als Erlebnishaus oder als Nahversorger. Filialschließungen sind immer wahrscheinlicher. So, wie es der mögliche neue Chef schon angekündigt hat.

Eigentlich wird es höchste Zeit für die gut 17.000 Karstadt-Beschäftigten, sich ganz auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft zu konzentrieren. Schließlich sind die Wochen vor dem Fest die wichtigste Einkaufszeit des Jahres. Doch muss man kein Prophet sein, um zu wissen, dass die Mitarbeiter des angeschlagenen Handelsriesen ganz andere Gedanken umtreiben.

Gleich zwei wichtige Termine könnten die kommenden Tage zur Woche der Wahrheit für die seit Jahren um ihre Arbeitsplätze bangenden Beschäftigten machen. Am Dienstag gehen die Tarifverhandlungen für die Karstadt-Belegschaft in eine neue Runde. Es geht um Arbeitsplatz- und Standortgarantien, aber auch um mögliche Sanierungsbeiträge der Arbeitnehmer. Und am Donnerstag tagt dann der Aufsichtsrat des Warenhausunternehmens. Mögliche Themen: Der Sanierungsplan der Konzernspitze und die Suche nach einem neuen Chef.

Fanderl als Mann für die Zukunft

Medienberichten zufolge soll der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Stephan Fanderl neuer Chef des Unternehmens werden. Dies meldeten am Wochenende der "Spiegel" und die "Lebensmittelzeitung". Über einen Wechsel des ehemaligen Rewe-Managers an die Firmenspitze war schon länger spekuliert worden. Der Handelsexperte hatte die Karstadt-Beschäftigten im Sommer unmissverständlich auf einen harten Sanierungskurs eingestimmt.

Die Woche könnte damit endlich etwas mehr Klarheit bringen, welche Pläne der neue Karstadt-Eigentümer René Benko für das ums Überleben kämpfende Traditionsunternehmen hat. Dass ein harter Sanierungskurs in ihren Augen notwendig ist, daran hat die Karstadt-Führung in den vergangenen Wochen keinen Zweifel gelassen.

Kein "Kahlschlag mit Machete"

Laut "Bild am Sonntag" seien 23 der noch 83 Warenhausfilialen von der Schließung bedroht, weil sie rote Zahlen schreiben würden. Es gäbe allerdings für die Häuser noch eine letzte Bewährungschance, heißt es in dem Bericht weiter.

"Einen Kahlschlag mit der Machete wird es nicht geben, mögliche Entlassungen werden sozialverträglich umgesetzt. Aber ohne deutliche Einschnitte gibt es keinen Neuanfang", zitiert die Zeitung einen nicht namentlich genannten Experten, der am Konzept mitgearbeitet habe.

Weiter schreibt das Blatt, dass Benko die restlichen Filialen in zwei Kategorien einteilen wolle. So solle es in Großstädten "Erlebnishäuser" geben. Für die kleineren Städte seien "Kaufhäuser der Stadt" geplant, die den täglichen Bedarf abdecken sollen.

Für Verdi geht es um 2.000 Jobs

Es gehe um rund 2.000 Arbeitsplätze, die in der Zentrale und in den 83 Filialen abgebaut werden sollen, fasst Verdi-Verhandlungsführer Arno Peukes die Pläne der Karstadt-Spitze zusammen. Mögliche Schließungen seien dabei noch gar nicht berücksichtigt. Er kündigte Widerstand an.

"Bei der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag erwarte ich keine Entscheidungen über Filialschließungen. Aber es könnte eine Vorentscheidung bei den geplanten Personalkosteneinsparungen geben, wenn der Aufsichtsrat das Sanierungskonzept der Karstadt-Führung billigt", sagt Peukes. Er gehört dem Kontrollgremium selbst als Gewerkschaftsvertreter an.

Auch der Handelsexperte und ehemalige Karstadt-Manager Gerd Hessert (heute Lehrbeauftragter an der Universität Leipzig) rechnet aktuell mit begrenzten Einschnitten. "Ich glaube nicht, dass die Karstadt-Führung kurz vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft eine große Zahl von Filialschließungen ankündigt. Wenn überhaupt, wird es einige wenige große Verlustbringer treffen", meint er. "Alles andere würde die Marke beschädigen und vielleicht sogar zu Streiks führen. Damit wäre niemandem geholfen."

"Es geht ums Ganze"

Aber es werde mit Sicherheit massive Sparbemühungen geben: Personalabbau, Verhandlungen über Mietpreissenkungen und günstigere Einkaufskonditionen nennt der Experte als Beispiele. Dass dabei auch die Beschäftigten Zugeständnisse machen müssen, steht für Hessert fest: "Es geht ums Ganze bei Karstadt. Da ist es besser, 65 Prozent der Arbeitsplätze zu erhalten als Karstadt ganz zu verlieren."

Ob die aktuellen Sparpläne am Ende das Überleben des Unternehmens sichern können, ist in den Augen des Handelsexperten ungewiss. Der Ausgang hänge nicht allein von Benko und seiner Firma Signa ab: "Auch Vermieter, Lieferanten und Mitarbeiter müssen mitmachen." Die Erfolgsaussichten lägen etwa bei 50:50, meint Hessert.

Auf konjunkturellen Rückenwind kann Karstadt bei der Neuausrichtung nicht hoffen. Die Geschäfte im für den Warenhauskonzern äußerst wichtigen Textilgeschäft laufen zurzeit branchenweit schlecht. Im dritten Quartal lagen die Umsätze im deutschen Modehandel nach Schätzungen der "Textilwirtschaft" um vier Prozent unter dem Vorjahresniveau.