Einst verpönt, heute in der Renaissance: Lebensmittelhändler haben die Ost-Produkte entdeckt. Spreewaldgurken oder Hallorenkugeln stehen dabei nicht mehr für DDR - sondern für Regionalität.

Ein Halberstädter Würstchen mit Bautzner Senf und dazu ein kühles Radeberger. Gut zwanzig Jahre nach der Wende sind auch Hallorenkugeln aus Halle, Teigwaren aus Riesa und Knäckebrot aus Burg wieder angesagt.

Waren die alten DDR-Marken lange kaum in den Regalen der Supermärkte zu finden, sprechen Handelsexperten jetzt sogar von einer Renaissance. "Wer zu Ostprodukten greift, ist längst nicht mehr der Ewiggestrige", sagt Hubertus Pellengahr vom Einzelhandelsverband HDE. Es werde immer weniger zwischen Ost und West unterschieden.

Raus aus der ideologischen Ecke...

Kathis Kuchenmehl, Wernesgrüner und Spreewaldgurken hätten zudem längst nicht mehr das Ost-Image. "Die ideologische Ecke haben sie verlassen", sagt Pellengahr. Ohnehin sei oft nur der Name alt, Inhalt und Verpackung aber völlig neu.

Anfang der neunziger Jahre kämpften viele Osthersteller noch darum, bei den großen Handelskonzernen gelistet zu werden. Die wenigen Artikel, den der Einzug in die Westsupermärkte gelang, wurden damals oft unattraktiv platziert. Mittlerweile wird das Angebot aus ostdeutschen Landen immer mehr geschätzt, und das nicht nur zwischen Rügen und Erzgebirge.

...rein in die neue Regionalität

"In einer globalisierten Welt setzen die Unternehmen auf Regionalität, davon profitieren auch die Produkte aus Sachsen oder Mecklenburg", sagt Pellengahr.

"Die Sehnsucht nach einem Stück Heimat und den guten alten Werten wächst", beobachtet auch Konsumexperte Wolfgang Twardawa vom Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK. Dieser Trend werde sich in der Wirtschaftskrise sogar noch verstärken.

Penny setzt auf den Osten

Mit einem Anteil von 30 Prozent führt Penny mittlerweile eines der größten Ostsortimente unter den Lebensmittelbilligheimern. Ziel des Rewe-Discounters ist es, die Vielfalt der verschiedenen Regionen in Deutschland abzubilden.

Ostdeutschland gelte dabei als Vorreiter für dieses Konzept. Unter dem Motto "Östlich gleich köstlich" hatte Penny schon im vergangenen Sommer begonnen, den Anteil von Ostwaren ausbauen.

Vita Cola schlägt Coca-Cola

Alte Ost-Marken wie Radeberger Pils oder Spee-Waschmittel gingen schon kurz nach der Wende in den Besitz von großen Westkonzernen. So übernahm Henkel die DDR-Monopolmarke Spee, Radeberger wurde von der Frankfurter Binding-Brauerei geschluckt. Mittlerweile ist das schon zu DDR-Zeiten beliebte Pils Flaggschiff der gleichnamigen Brauerei-Gruppe des Oetkerkonzerns.

Auch die Florena Handcreme, die 2002 an Beiersdorf ging, konnte sich behaupten. Die "Nivea des Ostens" aus dem sächsischen Waldheim steht heute immer noch bei den ostdeutschen Kunden hoch im Kurs. Vita Cola gehört seit 2005 zur hessischen Hassia-Gruppe. Mit ihrem ungewöhnlichen Zitronengeschmack konnte sich die Ostbrause gegen die amerikanische Weltmarke Coca-Cola durchsetzen und wird im Osten auch weiter gerne getrunken.

Erfolgsgeschichte Rotkäppchen

Eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte ganz anderer Art schrieb der zunächst für Westgeschmack als viel zu süß verschriene Rotkäppchen-Sekt. 1993 stieg der Spirituosenhersteller Harald Eckes als Privatmann bei der Kellerei aus Freyburg in Sachsen-Anhalt ein.

2001 übernahm der ostdeutsche Sektproduzent die westdeutschen Traditionsmarken Mumm und MM und entwickelte sich zum gesamtdeutschen Marktführer. Allein 2008 wurden 186 Millionen Flaschen Sekt, Spirituosen und Wein abgesetzt. In Sachsen-Anhalt, Hessen, Baden-Württemberg und Thüringen beschäftigt Rotkäppchen-Mumm heute 500 Mitarbeiter.

DDR-Pakete im Internet

Auf Ostalgie setzen zahlreiche Angebote im Internet. Im "Ostmarkt" können in Anlehnung an die Westpakete zu DDR-Zeiten Ostpakete mit Russisch Brot, Schlagersüsstafeln und Brockensplitter geordert werden. Im "Ossiladen" gibt es auch Original DDR-Federbälle, Soljanka-Würzer und den Früchtetee Kindertraum TKH. Die legendäre Dederon-Kittelschürze, Salmiakpastillen und Huhn-Sonja-Eierbecher bekommt man beim Ostprodukte-Versand in Sachsen-Anhalt.

2003 gründete der gelernte Kaufmann Torsten Klipp aus Tangermünde den Internet- Verkauf. Mittlerweile werden dort rund 1.200 Ostprodukte online vertrieben. In der Kartei stehen gut 30.000 Stammkunden. "Der Nachfrageboom ist ungebrochen", sagt Klipps Mitarbeiter Christoph Bauditz. Renner seien auch Knusperflocken und Tangermünder Nährstangen - ein Schokoriegel mit Cremefüllung.

Bei Konsum-Dresden heißt es: "Let's go west"

Aber nicht nur die Produkte aus Ost-Deutschland kommen im Westen an: Bei der Handelskette Konsum-Dresden heißt es seit November 2007 "Let's go west": Der ehemalige DDR-Lebensmittelhändler eröffnete damals in der fränkischen Universitätsstadt Erlangen sein erstes Geschäft in den alten Bundesländern.

Im Oktober vergangenen Jahres folgte in Nürnberg eine Filiale der eigenen Marke "Frida".