Mitbestimmung ist vielen Handels­firmen ein Greuel - zu Unrecht. Erfolgreiche Händler zeigen, wie moderne Mitsprache funktionieren kann.

Andreas Ratzmann macht ein ungewöhnliches Geständnis: "Ich erinnere mich gar nicht mehr daran, wann ich das Betriebsverfassungsgesetz das letzte Mal in der Hand hatte." Hoppla, mag man da meinen. Ratzmann ist immerhin Vorsitzender des Konzernbetriebsrats der Rewe Group.

"Heute braucht keiner mehr Paragrafen aus dem Gesetz zu zitieren, um seinen Standpunkt zu untermauern", beschreibt er seinen Alltag. Die Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung funktioniere "auf Augenhöhe".

So partnerschaftlich geht es freilich nicht überall im Einzelhandel zu. Beim Thema Mitbestimmung herrscht oft noch ein Klima des gegenseitigen Misstrauens. Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi hat nur rund jedes zehnte Handelsunternehmen hierzulande einen Betriebsrat. Arbeitgeber versuchen immer wieder, Betriebsratsgründungen zu verhindern.

Zudem umgehen einige Firmen die Mitbestimmung, indem sie in eine ausländische Rechtsform wie die englische Limited (Ltd.) umfirmieren.

"Kein Schreckgespenst"

Nach einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung nutzten diese Möglichkeit im Jahr 2006 erst 17 Unternehmen. 2009 waren es bereits 37, darunter die Drogeriemarktkette Müller, die Supermarktkette K+K Klaas & Kock, der Landmaschinengroßhändler John Deere sowie die Modehäuser H&M und Esprit.

Dabei ist die Furcht vor Einmischung nicht immer berechtigt. Im Gegenteil. "Mitbestimmung ist für uns kein Schreckgespenst und keine bloße Pflichterfüllung, sondern ein entscheidender Erfolgsfaktor für eine gute Unternehmensführung", sagt Bernfried Dornseifer, Leiter Personal bei Rewe. "Ohne Betriebsrat würden wir nicht so gut mitbekommen, was unsere Mitarbeiter bewegt."

Mit dem Betriebsrat aber findet er meist "schnelle und pragmatische Lösungen" für die unterschiedlichsten Themen von der ­Videoüberwachung der Mitarbeiter über den Haustarifvertrag bis zu Freundlichkeitsseminaren.

"Reden ist besser als Schriftsätze auszutauschen", findet auch Hauke Horstmann, Leiter Arbeitsrecht und Soziales bei Ikea Deutschland. Denn bei dem Möbelhändler sind nicht nur die Kunden beim Mitmachen gefragt, sondern auch die Mitarbeiter.

Rossmann-Wikipedia

So stieß der Betriebsrat die Idee an, ein Projekt "Älter werden mit Ikea" einzuführen. Die Personalabteilung hatte das Thema ebenfalls schon auf der Agenda. Jetzt suchen beide Seiten gemeinsam nach Lösungen, wie man nach dem Auslaufen der gesetzlichen Altersteilzeitregelung für ältere Arbeitnehmer einen flexiblen Ausstieg aus dem Berufsleben gestalten kann. Zu den Sitzungen werden möglicherweise auch externe Berater hinzugezogen.

Ähnliche Gemeinschaftsprojekte widmeten sich dem Kantinenessen und der Arbeitszeit bei Ikea. Als Folge können Mitarbeiter nun anhand von neuen Nährwerttabellen selber entscheiden, ob sie die legendären Frikadellen "Köttbullar" oder lieber vegetarisch essen. Und nach der Spätschicht werden sie an einigen Standorten mit Sammeltaxen nach Hause kutschiert, wenn der öffentliche Nahverkehr das Möbelhaus nicht mehr anfährt.

Auch für die Angestellten der Drogeriemarktkette Rossmann zahlt sich die Mitbestimmung aus - manchmal sogar auf dem Konto. Das Ideenmanagement dort belohnt Mitarbeiter, die realisierbare Verbesserungsvorschläge machen, mit bis zu 2.000 Euro. Firmenchef Dirk Roßmann versucht so, das Potenzial seiner Mitarbeiter optimal zu nutzen.

Aus diesem Grund stimmte er nach anfänglicher Skepsis auch einer neuen Idee zu: dem Rossmann-internen Wikipedia. Seit Anfang des Jahres können Mitarbeiter jobbezogene Stichworte ins Intranet einstellen, ändern und kommentieren. Das neue Intranetlexikon kommt gut an.

Kurzer Draht zum Chef

Allein im ersten Quartal wurden 1.500 Einträge registriert. Damit keine vertraulichen Informationen wie Mieten oder Umsätze auftauchen, haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer vorher Spielregeln wie die Trennung von offenen und geschlossenen Bereichen festgelegt.

Partnerschaftliches Aushandeln steht auch bei der Sportartikelkette Runners Point hoch im Kurs. "Wir setzen nicht auf einen Betriebsrat, sondern auf den kurzen Dienstweg", sagt Personalleiter Reiner Titzrath. So kann jeder Mitarbeiter jederzeit die beiden Geschäftsführer anrufen - auch auf deren Mobiltelefonen.

Als einmal Ware zum Schnäppchenpreis eingekauft worden war, die überhaupt nicht zum Sortiment passte, klingelten gleich drei Mitarbeiter unabhängig voneinander an. Die Ware wurde daraufhin schnell wieder aus den Filialen entfernt.

Der kurze Draht zwischen Chefetage und Filialen klappt auch bei Sorgen und Problemen. Seit Mitte 2009 kümmert sich darum ein Mannschaftsrat mit rund 50 gewählten Mitgliedern aus den Filialen. Er verhandelt mit den Ressortleitern in der Zentrale und sucht gemeinsam nach Lösungen.

Partnerschaftliche Zusammenarbeit

So sorgt der Rat etwa für Klärung, wenn die Filialmitarbeiter aus der Zentrale mal wieder mit Dienstanweisungen überflutet werden und nicht wissen, was sie zuerst machen sollen. Oder er nimmt Einfluss auf die Qualitätskriterien, nach denen die rund 120 Filialen im Rahmen einer Zertifizierung dreimal im Jahr überprüft werden. Juristisch erzwingbar sind seine Forderungen zwar nicht - es kommt allerdings auf die Ergebnisse an.

Ähnlich sieht das auch Rewe-Betriebsrat Ratzmann. "Wir wissen, dass uns vieles rechtlich nicht zusteht", sagt er. "Aber durch eine partnerschaftliche Zusammenarbeit erreichen wir gemeinsam Erfolge für alle Mitarbeiter."

Der neueste Coup: In der zweiten Jahreshälfte haben die Rewe-Mitarbeiter die Möglichkeit, an einer Nachhaltigkeitswoche teilzunehmen, auf der sie sich über Klimaverträglichkeit und Umweltfreundlichkeit in ihrem Job informieren können.

Judith-Maria Gillies

Dieser Artikel ist in der Mai-Ausgabe von Der Handel erschienen. Klicken Sie hier um ein kostenloses Probeexemplar anzufordern.