Flip-Flops sind Pflicht, Taschen werden durchsucht - und überall wachen Kameras. Die Methoden der Modekette Hollister bringen sogar hartgesottene Arbeitsrechtsexperten zum Staunen.

Die Welt von Hollister soll vor allem schön sein. Mode für schöne, erfolgreiche Menschen, die sich beim Tragen eines T-Shirts fühlen sollen, als säßen sie an einem Strand in Kalifornien. Auch in den 13 deutschen Filialen wird der Kunde in halbdunklem Licht und bei lauter Musik von jungen, hübschen Verkäufern bedient, die "Models" heißen und jeden Konsumenten mit dem Satz anreden müssen: "Hey what’s up, welcome to the pier."

Doch der Alltag ist weniger schön.

Die Welt der Marke, die zum US-amerikanischen Modekonzern Abercrombie & Fitch gehört, ist ein gewaltiger Mitarbeiterüberwachungsapparat, wie Der Handel bei Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern, Betriebsräten und Arbeitsrechtlern erfuhr.

Man mag über Vorschriften für Frisuren und Fingernagellänge noch schmunzeln. Viele Anweisungen, die Hollister in einem 24 Seiten starken Mitarbeiterhandbuch, das Der Handel vorliegt, auflistet, kollidieren aber mit dem deutschen Arbeitsrecht. "Das Unternehmen muss sich noch an die Spielregeln hierzulande gewöhnen", sagt Joachim Dax, Hauptgeschäftsführer im Bundesverband des Textileinzelhandels (BTE).

Seit dem 4. November 2012 gibt es für die rund 200 Mitarbeiter in der Hollister-Filiale im Frankfurter Einkaufszentrum MyZeil einen Betriebsrat – es ist der erste in Deutschland überhaupt. Luthfa Rahman hat als Sekretärin der Gewerkschaft Verdi in Frankfurt die schwierige Wahl dieses Gremiums begleitet. "Das Unternehmen hat unter den Mitarbeitern Angst geschürt", sagt Rahman zu Der Handel.

Kämpferischer Betriebsrat

Ohne Erfolg, denn die Wahl fand statt. Doch leichter ist es für die Mitarbeitervertreter nicht geworden. "Das Unternehmen ist überhaupt nicht kooperativ", klagt ein Mitglied im Gespräch mit Der Handel. So sei es für die Arbeitnehmervertreter belastend, dass der Büroraum, den ihnen der Arbeitgeber zur Verfügung stellen muss, sich in einem Frankfurter Bürogebäude befindet, das 20 Gehminuten von der Hollister-Filiale entfernt liegt.

Trotzdem sind die sieben Arbeitnehmervertreter kämpferisch. Zu tun gibt es ohnehin genug. Denn manche im Mitarbeiterhandbuch verankerte Regeln verblüffen selbst hartgesottene Arbeitsrechtsexperten. Eines der gravierendsten Themen ist wohl der Punkt 7 in der Rubrik "Schadenverhütung und Sicherheit".

Dort steht, dass jeder Mitarbeiter nach Arbeitsende eine Prüfung der Taschen, Mäntel "und anderer Gegenstände" über sich ergehen lassen muss. Die Kontrolle hat ein sogenannter Manager, also Vorgesetzter, vorzunehmen. Aber nicht diskret im Laden – sondern an der Vordertür der Filiale, wo auch die Kunden hereinkommen.

Per einstweilige Verfügung wollte der Betriebsrat bereits im Dezember 2012 diese Kontrollen unterbinden, scheiterte aber vor dem Arbeitsgericht Frankfurt. Die Begründung: Der Betriebsrat sei noch nicht lange genug im Amt gewesen und solle erst versuchen, sich gütlich einigen. Tania Ihle, Anwältin der Arbeitnehmervertretung, spricht auf Anfrage von Der Handel von einer "peinlichen, täglichen Kontrolle von Mitarbeitern, ohne jeglichen konkreten Diebstahlverdacht", die umgehend gestoppt werden müsse. Die Anwälte haben gegen das Urteil Berufung eingelegt.

Ständige Mitarbeiterüberwachung

Für den Arbeitsrechtsanwalt Wolfgang Lipinski von der Münchner Kanzlei Beiten Burkhardt ist dieses Prinzip der ständigen nicht anlassbezogenen Taschenkontrolle ohne Einwilligung als Eingriff ins Persönlichkeitsrecht des Mitarbeiters bedenklich.

Nach dem Hollister-Prinzip wird zudem nicht nur die Verkaufsfläche, sondern auch das Lager mit Dutzenden Kameras ständig überwacht. Angeblich soll damit Diebstahlprävention betrieben werden, sagt ein Betriebsratsmitglied – faktisch werden dadurch auch die Mitarbeiter ständig überwacht.

Kameras zur Leistungskontrolle sind mit Einwilligung des Mitarbeiters oder bei Vorliegen einer Betriebsvereinbarung grundsätzlich zulässig, betont Lipinski. Unabhängig hiervon verweist der Jurist auf ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts aus dem Jahr 2003, in dem eine generelle Kameraüberwachung verboten wurde.

Nur bei konkretem Verdacht

Nur wenn ein konkreter Verdacht auf ein strafbares Verhalten eines Mitarbeiters vorliegt und keine anderen Mittel der Beweisführung möglich sind, darf ein Unternehmen zur (heimlichen) Kameraüberwachung greifen (BAG, Urteil v. 27.3.2003, 2 AZR 51/02). Diese Grundsätze wurden, so Lipinski, in einer aktuellen Entscheidung des BAG vom 21.06.2012 (2 AZR 153/11) bestätigt.

Der Betriebsrat kämpft nun darum, dass wenigstens im Lager, wo kein Kundenbetrieb herrscht, die Kameras abmontiert werden. Auch die Taschenkontrollen sollen ein Ende haben. Doch für beides braucht es eine Betriebsvereinbarung zwischen Betriebsrat und Unternehmen – und bei der Verabredung eines solchen Papiers lasse sich Hollister viel Zeit, klagen die Arbeitnehmervertreter.

Endlich nicht mehr Flip-Flops tragen

Einen Anfangserfolg hat der Betriebsrat bereits erzielt: Der Zwang, dass das Verkaufspersonal während der Arbeit nur Flip-Flops tragen darf, gilt nicht mehr. Zwar wurde im Mitarbeiterhandbuch auch anderes Schuhwerk gestattet, wenngleich neben Flip-Flops nur modische "Chucks" oder einfarbige "Lo-Top Slip-on Vans".

Doch im Alltag hätten die Manager auf die Models Druck ausgeübt, ausschließlich Flip-Flops zu tragen, berichten der Betriebsrat und frühere Beschäftigte. Die Folge: Viele Mitarbeiter hätten aufgrund der niedrigen Raumtemperatur ständig kalte Füße gehabt und seien oft erkältet gewesen.

Immer im Hollister-Outfit auf der Fläche

Doch das Thema Bekleidung ist umfassender. Mag das Mitarbeiterhandbuch hier Freiheiten einräumen – in der Praxis gab es ebenfalls Druck auf das Personal, bei der Arbeit ausschließlich aktuelle Hollister-Mode zu tragen, berichten Betriebsrat und ehemalige Beschäftigte der Frankfurter Filiale Der Handel.

Die Textilien müssen demnach stets gekauft werden, und zwar alle drei Monate, und immer in einem sogenannten Outfit mit drei Teilen. Auf diese Outfits gibt es zwar einen Sonderrabatt von 50 Prozent – doch nur über einem Zeitraum von zwei Wochen. Wer gerade im Urlaub oder krank ist, hat Pech – und kommt nur in den Genuss des normalen Rabatts, der für das "Nicht-Management" 20 Prozent beträgt.

Eine ehemalige Verkäuferin berichtet im Gespräch mit Der Handel, dass sie monatlich im Schnitt 100 Euro für Hollister-Bekleidung ausgegeben habe – bei einem Stundenlohn von 8,70 Euro.

Der Verkäufer als Modepuppe

Der Arbeitsrechtler Lipinski hält das Prinzip, Mitarbeitern eine von ihnen bezahlte Arbeitskleidung aufzunötigen "tendenziell für unzulässig". Die Logik, die hinter dem Kleiderzwang steckt, ist klar: "Die Verkäuferinnen sind die Modepuppen", erzählt ein ehemaliges Frankfurter Model, das wie die meisten ihrer Kollegen nur einen befristeten Arbeitsvertrag hatte. In ihrem Fall für zehn Stunden wöchentlich.

So pingelig Hollister bei der Aufsicht der Belegschaft ist, so verschlossen ist man offenbar, wenn die Mitarbeiter Probleme haben. Wer etwas von der Personalabteilung will, muss sich an die Zentrale in Düsseldorf melden – entweder per E-Mail, oder per Telefon-Hotline. Doch schriftliche Antworten bekommen die Mitarbeiter oft erst nach Wochen, "und über die Hotline erreicht man faktisch nie jemanden", klagt der Frankfurter Betriebsrat.

Viele Fragen, keine Antworten

Auch Der Handel hatte dabei keinen Erfolg, Hollister zu einer Stellungnahme zu den Vorwürfen zu bewegen. Zwar versprach Eric May, deutscher Personalchef des Unternehmens, einen Kontakt zu einer Hollister-Pressestelle herzustellen – doch daraus wurde nichts.

So bleibt auch unklar, warum das Unternehmen in seinem Mitarbeiterhandbuch zum Thema Schadensverhütung unter anderem Folgendes vorschreibt: "Abercrombie & Fitch behält sich das Recht vor, die folgenden Maßnahmen zur Schadenverhütung einzusetzen: 4. Telefonanrufe bei Kunden, um Transaktionen zu überprüfen." Und warum bei Verdacht auf Ladendiebstahl die Mitarbeiter den verdächtigen Kunden weder festhalten noch verfolgen dürfen, ist ebenso merkwürdig.

Für Joachim Dax ist Hollister ein "closed shop". "Wir haben keinen Ansprechpartner im Unternehmen." Der BTE-Geschäftsführer hält Hollister in Deutschland letztlich für weniger erfolgreich als die Textilhandelsbranche anfangs befürchtet hatte. "Sie haben niemandem Marktanteile abgegraben", betont Dax.

Steffen Gerth

Dieser Artikel ist in der März-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten Sie hier.