Moralisch verwerflich, aber rechtlich kaum zu beanstanden - so der Standpunkt von Verdi zur Praxis bei Schlecker, Listen über Mitarbeiter zu führen. Das Procedere gehöre der Vergangenheit an.

Die Drogeriemarkt-Kette Schlecker verstößt mit ihren Mitarbeiterlisten aus Sicht der Gewerkschaft Verdi zwar nicht gegen Recht, aber gegen den Anstand.

"Der angekündigte Wandel im Unternehmen ist noch nicht überall angekommen", sagte der Stuttgarter Verdi-Landesfachbereichsleiter Handel, Bernhard Franke, am Montag der Nachrichtenagentur dpa. "Allerdings sind solche Abschusslisten vor allem in Discountern trauriger Alltag."

Schlecker hatte zwar die Existenz von Namenslisten bestätigt, als Grund aber die Beurteilung von Beschäftigten angegeben. Der Schlecker-Beauftrage von Verdi Achim Neumann sagte zu derhandel.de, dass solche Listen beim Ehinger Drogeriediscounter heute nicht mehr üblich seien.

"Das ist ein Relikt aus der alten Zeit. Die Unternehmenskultur dreht sich mittlerweile." Dafür verantwortlich seien die Geschwister Meike und Lars Schlecker, die ihre Eltern Christa und Anton an der Unternehmensspitze abgelöst haben. Allerdings verweist auch Neumann darauf, dass das veränderte Personalmanagement noch nicht in allen Bereichen des Großunternehmens greifen würde.

Mitarbeiter loswerden wollen...

Neumanns Kollege Franke vermutet hinter den umstrittenen Mitarbeiterleisten wurden die Versuche, missliebige Mitarbeiter unter fadenscheinigen Begründungen loszuwerden. "Da werden dann schon Abmahnungen verschickt, wenn der Laden mal nicht tipp-topp aufgeräumt ist oder Produkte falsch ausgezeichnet wurden", erläuterte der Gewerkschafter.

Es sei auffällig, dass vor allem im Betriebsrat engagierte Mitarbeiter sowie ältere Arbeitnehmer in höheren Gehaltsgruppen auf den Listen vermerkt seien. "Das ist moralisch höchst bedenklich. Das hat nichts mit Mitarbeiterführung zu tun." Doch weder vonseiten des Betriebsrates noch von der Gewerkschaft könne in großem Umfang dagegen vorgegangen werden.

Bei Abmahnungen oder Kündigungen sei der Betriebsrat nicht beteiligt, er könne erst dann tätig werden, wenn die Betroffenen Hilfe suchten. Dies sei aber oft gar nicht der Fall, weil diese sich so unter Druck gesetzt fühlten, dass sie selber kündigten oder eine Kündigung unwidersprochen hinnähmen.

Die Interpretation der Daten in der 20-seitigen Liste ist umstritten. Nach Meinung von Betriebsräten markiert die Kennzeichnung der Namen mit zwei Daten den Zeitpunkt, zu dem ein Mitarbeiter ins Fadenkreuz der Schlecker-Führung geraten sei, sowie das Datum eines erhofften Austritts aus dem Unternehmen.

...oder systematische Beurteilung?

Ein Schlecker-Sprecher hatte dagegen am Wochenende gesagt, es gehe um "eine systematische Beurteilung wie in vielen Unternehmen", wobei die zweite Zahl in den Listen das Datum der Wiedervorlage angebe. Der Sprecher hatte ergänzt: "Wir suchen einen guten wie kooperativen Umgang mit Mitarbeiter wie Arbeitnehmervertretern."

Im vergangenen Jahr hatte es bei Schlecker einen Streit über die ausgesetzte Auszahlung von Überstunden gegeben. Zuvor hatte das Unternehmen mit Stundenlöhnen von 6,50 Euro für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Schlecker setzte 2010 rund 6,55 Milliarden Euro um.