Die Computer-Nutzung verlagert sich vom PC immer mehr auf mobile Geräte. Das hat Folgen nicht nur für die IT-Branche - sondern auch für den Einzelhandel. 2013 werden diese deutlicher spürbar sein.

Der Personal Computer ist noch nicht einmal 40 Jahre alt, steckt aber schon mitten in einer Midlife-Krise. Smartphones und Tablet-Computer laufen dem PC den Rang ab und bringen damit auch Branchenriesen wie Microsoft, Intel, HP oder Dell in Verlegenheit.

Die Folgen dieser neuen Computer-Revolution sind noch nicht absehbar. Das Jahr 2012 zeigt aber überdeutlich Trends auf, die der IT-Industrie Sorgen bereiten. Die PC-Verkäufe brachen spürbar ein. Die Zahlen der Unternehmen, die bei neuen mobilen Geräten und Geschäftsmodellen nicht so stark sind, gerieten unter Druck.

Dabei stehen wir erst am Anfang der Entwicklung. Bis Ende 2018 werde sich die Zahl der weltweit genutzten Smartphones auf 3,3 Milliarden verdreifachen, prognostizierte jüngst der weltgrößte Telekom-Ausrüster Ericsson. In entwickelten Märkten wie Westeuropa oder Nordamerika dürften dann Computer-Telefon das einfache Handy quasi komplett verdrängen, in Afrika oder Asien soll immerhin jedes dritte Mobiltelefon ein Smartphone sein.

Bildschirm - der kleine Unterschied

Dieser Trend wird deutliche Spuren in einer Branche hinterlassen, die bislang vor allem auf den Personal Computer gesetzt hat. Die über zwei Milliarden Smartphones, die in den kommenden sechs Jahren hinzukommen dürften, sind mehr als es heute PC-Nutzer gibt. Der Absatz von Laptops und Desktop-Computern sinkt hingegen stetig.

Zuletzt lag das Minus weltweit bei neun Prozent - und in Deutschland brach sogar die Hälfte des Marktes weg. Spätestens zum Jahr 2015 dürften mehr neue Tablets als Laptops und Desktop-Computer verkauft werden, prognostizieren Marktforscher wie Gartner.

Allein schon die kleineren Bildschirme der mobilen Geräte machen den Unterschied: Sie bieten weniger Platz für klassische Online-Werbung. Diese Perspektive hielt im Jahr 2012 auch die Aktie des weltgrößten Online-Netzwerks Facebook im Kurs-Keller gefangen. Und selbst Suchmaschinen-Primus Google merkt erste Einschläge, weil der Durchschnittspreis pro Klick auf eine Anzeige sinkt.

Klassische Branchengrößen abgehängt

Viel dramatischer ist die Entwicklung jedoch für die Großen der klassischen PC-Branche wie Intel, Microsoft oder Hewlett-Packard. Intel dominiert bei Prozessoren für Notebooks oder Tisch-Rechner - aber hat bisher gerade einmal eine Zehenspitze ins Geschäft mit Smartphones und Tablets bekommen.

Hier dominiert die stromsparende Technologie des britischen Chipentwicklers ARM, Spitzenreiter wie Apple oder Samsung entwickeln auf dieser Basis zunehmend eigene Prozessoren. Die Chips nach ARM-Muster arbeiten sich auch ihren Weg in Server und erste Laptops wie die Netz-basierten Chromebooks von Google. Und Apple soll intensiv daran arbeiten, auch seine Computer von der Technologie antreiben zu lassen.

Das alles sind schlechte Nachrichten für den Halbleiter-Primus Intel, bei dem im Mai 2013 mit dem Abgang von Chef Paul Otellini der Weg für einen Generationswechsel frei wird. Bei einer anderen tragenden Säule der PC-Welt - dem Windows-Riesen Microsoft - hält sich hingegen Langzeit-Chef Steve Ballmer noch fest im Sattel, auch weil nahezu alle angeblichen Kronprinzen in den vergangenen Jahren das Unternehmen verließen. Zuletzt ging der einflussreiche Windows-Chef Steven Sinofsky, der den radikalen Umbau des Betriebssystems mit Windows 8 durchgesetzt hatte.

Kampf der Betriebssysteme

Microsoft will sich mit der neuen Software in die mobile Ära
rüberschwingen: Egal ob auf Smartphone, Tablet oder PC gibt es jetzt eine gemeinsame technische Plattform sowie ein einheitliches Windows-Design mit den großen interaktiven Kacheln. Das sich manche eingefleischten Windows-Nutzer damit zumindest anfangs unwohl fühlen, nimmt der Konzern angesichts der mobilen Zukunft in Kauf.

Microsoft und seine Partner sprechen von einem "PC plus"-Modell, während Apple-Gründer Steve Jobs vor einigen Jahren schon die "Post-PC-Ära" eingeläutet hatte. "Der PC wird seine Vormachtstellung im Computer-Universum an eine Vielzahl verschiedener Geräte verlieren", lautete Jobs' Vision. Apple fand mit dem iPhone 2007 ein Bedienkonzept, das die Smartphones aus der Nische in den Massenmarkt führte.

Das Google-Betriebssystem Android mit seiner breiten Palette an Modellen und auch günstigeren Geräten wurde dann zum ultimativen Rammbock für die mobilen Computer. Im dritten Quartal liefen drei von vier verkauften Smartphones mit Android. Apple ist jedoch mit seiner Doppelspitze aus iPhone und dem nach zweieinhalb Jahren immer noch dominierenden iPad-Tablet weiterhin der mit Abstand profitabelste Player der Branche.

Stationär versus online

Letztlich geht es allerdings nicht nur darum, wer wie viele Geräte verkauft, sondern um die neue Realität, die mit der Ausbreitung von Smartphones und Tablets einhergeht und ganze Branchen umpflügen kann.

Wie wird der Einzelhandel verdauen, dass immer mehr Kunden direkt im Laden den günstigsten Preis prüfen und sich eine Ware bei einem Onlinehändler bestellen können? Wie wird sich das Fernsehen mit dem Abfluss der Werbegelder ins Internet verändern?

Kann die Buchbranche dem Schicksal der Musikindustrie entgehen, die durch Zögern bei neuen Geschäftsmodellen und Internet-Piraterie dezimiert wurde? Werden mobile Bezahldienste die Tür für neue Geschäftsmodelle öffnen, die bisher nicht möglich waren?

Im Jahr 2013 dürften zumindest Konturen der Antworten auf diese Fragen sichtbar werden.

Andrej Sokolow, dpa