Apple Pay startet doch noch nicht in Deutschland. Gerüchten zufolge soll der mobile Bezahldienst frühestens im Frühjahr nächsten Jahres kommen. Ob jetzt oder dann: Die Wallet von Apple dürfte es hierzulande schwer haben. Schon auf dem Heimatmarkt fristet der Service ein Nischendasein – und die Konkurrenz breitet sich bereits aus.

Da haben die Apple-Jünger und Netzbeobachter die Anzeichen leider doch falsch gedeutet: Der mobile Bezahldienst Apple Pay kommt (noch) nicht nach Deutschland.

Die Gerüchte im Web hatten sich in den vergangenen Tagen überschlagen, seitdem die Anleitung zur Installation der Apple-Payment-App sowie Support-Seiten für Einzelhändler auf Deutsch zu lesen waren. Bisher gab es diesen Text nur auf Englisch.

Apple Pay: In der Schweiz bereits gestartet.
© Apple
Apple Pay: In der Schweiz bereits gestartet.

Einen weiteren Hinweis wollten maclife.de und andere entdeckt haben: Demnach war Deutschland auf einer Karte, auf der blau hinterlegt ist, in welchen Ländern man mit Apple Pay bezahlen kann, ebenfalls blau markiert. Apple korrigierte das aber einige Stunden nach der Berichterstattung. Es wurde wild spekuliert, ob das Unternehmen aus Cupertino auf seiner „Hello again“-Veranstaltung am 27. Oktober, bei der unter anderem die neuen Macbooks und Macs vorgestellt wurden, auch den Start des mobilen Bezahldienstes in Deutschland verkünden würde.

Russland, Japan - Deutschland?

Das hat der Konzern nicht getan. Nun laufen Gerüchte, dass die Verhandlungen mit den Banken noch laufen und der Service im Frühjahr nächsten Jahres hierzulande starten sollen.

Zuletzt launchte das Unternehmen aus Cupertino den mobilen Bezahldienst in Japan und Russland, im Juni startete Apple Pay in der Schweiz. Bisher ist der Dienst in folgenden Ländern verfügbar: USA, Großbritannien, Kanada, Australien, China, Singapur, Schweiz, Frankreich, Hongkong, Russland, Neuseeland und Japan.

Apple Pay funktioniert über den NFC-Chip, der ab dem iPhone 6, dem iPad und der Apple Watch verbaut ist. Wer die digitale Wallet aktiviert hat, muss das Gerät mit etwa 2,5 Zentimeter Abstand an ein NFC-fähiges Bezahlterminal halten und dabei den Finger auf den Touch-ID-Fingerabdrucksensor halten – schon funktioniert die Transaktion. Das soll nicht nur bequem, sondern durch die Authentifikation über den Fingerabdruck auch besonders sicher sein.

So funktioniert Apple Pay


Wer Apple Pay verwenden will, registriert seine Kredit- oder Debitkarten-Daten bei Apple und bekommt eine eigene Kontonummer für das Endgerät. Die Daten werden via Token, ein einmalig gültiger Code, übermittelt. In Deutschland sind immer mehr Bezahlterminals im Einzelhandel NFC-fähig, bis 2018 sollen flächendeckend alle Bezahlterminals mit der neuen Technik ausgestattet sein.

Apple Pay auch im Heimatmarkt noch Nischenprodukt

Ob Apple den Dienst nun noch dieses Jahr, im Frühjahr oder im Sommer 2017 in Deutschland anbietet: Wer nach dem Start von Apple Pay den großen Run auf die NFC-Terminals an den Ladenkassen erwartet, dürfte enttäuscht werden. Das zeigt ein Blick auf den Heimatmarkt: Apple hat seine Mobile Payment Variante dort 2014 eingeführt – Beobachter erwarteten den großen Durchbruch. Bis jetzt ist Apple Pay aber auch dort noch eher ein Nischenprodukt.

Zwar verkündete Apple-Chef Tim Cook im Rahmen der Bekanntgabe der Zahlen für das vierte Quartal, dass die Zahl der Apple-Pay-Transaktionen um fast 500 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen seien; doch hier sollte man zum einen bedenken, dass allein die Zahl der potenziellen Nutzer durch die Ausweitung auf immer mehr Länder steigt. Darüber hinaus steigt auch die Zahl derjenigen, die ein iPhone 6 oder 6s nutzen und damit Apple Pay verwenden können. Nicht zuletzt schreitet zudem der Austausch der Bezahlterminals weltweit voran, das heißt, immer mehr Geräte sind NFC-fähig.


Und dass Cook keine absoluten Zahlen nennt, könnte man auch als Hinweis darauf werten, dass diese noch so gering ausfallen, dass der Konzern lieber darüber schweigt.

Diese Annahmen bestätigen folgende Zahlen: Zwanzig Monate nach dem Start von Apple Pay in den USA habe die Zahl der Nutzer, die Apple Pay installiert und einmal ausprobiert haben, zwar zugenommen; doch die Zahl derjenigen, die den Service mehr als einmal nutzen, habe abgenommen, schreibt pymnts.com, eine US-amerikanische B2B-Webseite, die über die neuesten Trends in der Paymentbranche berichtet. Lediglich eine von zwanzig Personen nutze Apple Pay regelmäßig. Das sind die Ergebnisse einer regelmäßigen Befragung von mehr als 4.000 Konsumenten seit dem Start von Apple Pay in den USA, die pymnts.com gemeinsam mit den Konsumforschern von Infoscout erhoben hat, Stand Juni 2016.

Die Support-Seite für Apple Pay ist kürzlich auf Deutsch aktualisiert worden.
© Apple
Die Support-Seite für Apple Pay ist kürzlich auf Deutsch aktualisiert worden.

Rund 50 Prozent, also die Hälfte der befragten US-Konsumenten, sagen darüber hinaus, sie bevorzugen für den Bezahlvorgang immer noch andere Methoden – Bargeld, Karten oder Services, die einen Bonus versprechen.

Wenn schon die Nutzer in den USA laut dieser Umfrage sagen, sie sehen in dem Service im Vergleich zu anderen Alternativen keinen Mehrwert – wie sollen ausgerechnet die Deutschen von Apple Pay überzeugt werden?

Für den Durchbruch von Mobile Payment braucht es einen Mehrwert

Die hiesigen Konsumenten gelten nicht gerade als Vorreiter in Sachen Mobile Payment. Schon das kontaktlose Bezahlen – quasi die Vorstufe des Zahlens per Smartphone – ist mit niedrigen einstelligen Nutzungsraten hierzulande wenig verbreitet, im Gegensatz zu Ländern wie Polen oder Schweden. Zwar ändert sich das Bezahlverhalten nach und nach, noch fließt aber über 60 Prozent des Umsatzes im deutschen Einzelhandel als Bargeld in die Kassen.

Um den Deutschen das mobile Bezahlen näher zu bringen, braucht es einen Mehrwert. Apple Pay verspricht eine schnellere und sicherere Bezahl-App im Vergleich zu anderen digitalen Wallets wie Android Pay von Google oder Samsung Pay, die seit August mit Hilfe der Targobank reanimierte My-Wallet-App der Deutschen Telekom, O2 Deutschland (Mpass), Vodafone (Smartpass), Mastercard (Masterpass) und wie sie alle heißen. Aber das reicht den Kunden offensichtlich nicht. Er will für die Nutzung der Wallets belohnt werden.


Mehrwert bietet beispielsweise Payback Pay. Seit Juni können die 28 Millionen Kunden des Bonusprogramms mit der App mobil bezahlen und gleichzeitig Punkte sammeln. Payback Pay nutzt nicht die NFC-Technologie, sondern einen vom Smartphone generierten QR-Code zur Kommunikation mit dem Terminal. Und dabei stellt das Unternehmen bei der Kommunikation nach außen nicht die Bezahlfunktion in den Vordergrund – nein, das Aktivieren von Coupons und die Punktesammelfunktion, die „digitale Payback Karte“, ist der primäre Zweck.

Gestartet mit dm Drogeriemarkt und Real, sind mittlerweile auch Alnatura, Aral und Galeria Kaufhof eingestiegen. Und trotzdem haben sich Beobachter auch hier bereits wesentlich mehr Nutzer erhofft. Bislang haben die Betreiber 10 Millionen Downloads registriert. „Die App zählt … zu den beliebtesten Applikationen in Deutschland", sagt Payback-Geschäftsführer Dominik Dommick. "Auch die Pay-Nutzung liegt bereits jetzt über unseren Erwartungen." Zahlen, wie viele dieser Nutzer die Mobilzahlungs-Funktion tatsächlich regelmäßig nutzen, gibt das Unternehmen nicht heraus.

Zu viele Insellösungen verwirren Konsumenten

Da stellt sich dann doch die Frage, wie Apple Pay hierzulande den Mobile Payment Markt umkrempeln soll, wie einige nicht müde werden, zu predigen. Wozu sollen die iPhone-User eine weitere App ohne scheinbaren Mehrwert herunterladen, wenn sie doch schon seit Jahren andere Bezahlmethoden erfolgreich nutzen? Und sollte man sich für eine Mobile Payment-Funktion entscheiden, ist es dann nicht näherliegend, eine derjenigen zu wählen, die noch mehr bietet als das bloße Bezahlen?

Zudem ist der Markt derzeit auch noch viel zu verwirrend, um für den Durchschnittsverbraucher wirklich attraktiv zu sein. Zu einen gibt es jede Menge sogenannter Insellösungen, sprich, Apps von einzelnen Shops oder Ladenketten wie bei Aldi-Nord, Edeka, Rewe oder Starbucks; diese funktionieren oft über Wallet-Apps von Mobilfunkanbietern. Dazu kommen die zahlreichen technischen Varianten für die Übertragung der Daten via QR-Codes, Barcodes oder NFC-Technologie und Tokens. Den geneigten Kunden eine Menge Apps herunterzuladen lassen, die alle mit unterschiedlichen Software-oder Hardware-Lösungen den Transfer vornehmen – das ist nicht gerade verbraucherorientiert.

Zartes Pflänzchen Mobile Payment

Es ist wie mit jeder neuen Technik: Erst muss sich ein technischer Standard durchsetzen, dann das Angebot ausdünnen. Und dann kommt die wichtigste Aufgabe: Den Kunden überzeugen. Das EHI Retail Institut kommt in seiner Studie „Kartengestützte Zahlungssysteme im Einzelhandel 2016“ zu dem Schluss, dass der Kunde der entscheidende Faktor beim Aufbau mobilen Bezahlens sei – lange vor Apple, Google, Amazon und Co. und der Kreditwirtschaft.

„Beim Kunden muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden“, schreiben die Autoren. „Die Systemnutzung muss sowohl auf Seiten der Kassierkräfte als auch auf Seiten der Kunden geübt werden, um zukünftig als selbstverständlich betrachtet zu werden.“ Und nicht zuletzt spiele das Vertrauen in die Sicherheit mobiler Zahlungen eine wichtige Rolle, gerade in Deutschland.

Der Einzelhandel könnte von einer breiteren Akzeptanz des kontaktlosen und mobilen Bezahlens profitieren: Der Bezahlvorgang mit Karte dauert in der Regel länger als der Barzahlungsvorgang – dieser dauert je nach Branche laut EHI zwischen 15 und 28 Sekunden. Das kontaktlose Zahlen, bei dem Beträge bis 25 Euro ohne zusätzliche Authentifizierung per PIN oder Unterschrift bezahlt werden können, dürfte zu einer deutlichen zeitlichen Entlastung an der Kasse führen.

Das Potenzial für mobile Zahlungen im Einzelhandel ist also riesengroß, die technischen Lösungen sind sehr weit entwickelt. Jetzt gilt es, sich in Geduld zu üben, bis sich der Dschungel an Apps und Anbietern lichtet und sich der Markt konsolidiert hat. Dann wird man sehen, wie sich Apple Pay geschlagen hat.



Payback Pay: Bezahlen per QR-Code. Foto: Screenshot Payback.de
Bargeldloses Bezahlen

Ohne den Kunden geht nichts


Patrick Nassall Foto: Haufe-Lexware
Mobile Payment

Wenn der Kunde mit dem Smartphone zur Kasse kommt


Bezahlvorgang Laden Foto: Verifone / Apple Pay
Bezahlen mit dem Smartphone

Mobile Payment mit Aufklärungsbedarf