Concardis-Geschäftsführer Manfred Krüger über die Regulierung der Interchange-Gebühren, die Zukunft der Onlinezahlungen und das Smartphone als Geldbörse.

Foto: Visa
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Die EU-Kommission hat im Juli die lange erwartete Regulierung der Interchange-Gebühren bei Kartenzahlungen angekündigt. Was bedeutet das Vorhaben für den bargeldlosen Zahlungsverkehr?

Der Vorschlag der Kommission, die Interchange-Sätze für grenzüberschreitende Kartenzahlungen auf 0,3 Prozent für Kreditkarten und 0,2 Prozent für Debitkarten herabzusenken ist ein tiefer Eingriff in den Markt, der Chancen und Risiken beinhaltet. In keinem europäischen Land lagen die Interbanken-Entgelte für Kreditkarten bislang unter 0,3 Prozent vom Umsatz. Die bisherigen Geschäftsmodelle der Kartenherausgeber werden damit in Frage gestellt. Was mich an dem Vorschlag der Kommission wundert, ist die Übergangsfrist von zwei Jahren nach deren Ablauf die Gebührensätze auch in den nationalen Märkten gelten sollen.

Welche Konsequenzen wird die Übergangsfreist haben?
Unternehmen mit einem hohen Volumen an Kartenzahlungen wie große Handels-, Tankstellen- und Hotelketten werden ihre Akzeptanzverträge bei Acquirern mit Sitz im Ausland abschließen. Auf diese Weise kommen sie in den Genuss der günstigeren Interchange-Sätze, da ihre inländischen Transaktionen dann als grenzüberschreitende Zahlungen abwickelt werden. Das ist absurd, aber auch wir müssen entsprechend reagieren und werden eine Niederlassung im Ausland gründen, um unsere Großkunden zu halten. Eine spannende Frage ist natürlich auch, wie die Kartenherausgeber auf die neue Situation reagieren werden. Denn spätestens nach Ablauf der Übergangsfrist werden auch sie sich in der Breite mit den neuen Interchange-Sätzen arrangieren müssen.

Werden auch mittelständische Händler von den Gebührensenkungen profitieren?
Für einen Händler mit 20.000 Euro Kartenumsatz geht es vielleicht um rund 200 Euro Ersparnis im Jahr. Ich glaube nicht, dass sich deshalb viele auf den Weg machen, um einen Acquirer im Ausland zu finden - zumal die Gebühren nach den zwei Jahren ohnehin auch für sie sinken werden.

Können Sie eine konkrete Zahl nennen? Um wie viel Prozent werden die Kreditkartenzahlungen durch den Kommissionsvorschlag für Handelsunternehmen günstiger?
Das lässt sich pauschal kaum beantworten. Wir haben ein durchschnittliches Disagio in Deutschland von rund 1,2 Prozent, der neue Durchschnittswert läge bei etwa rund 0,3 Prozent. Da die Spanne jedoch je nach Branche und Volumen derzeit von 0,7 Prozent bis hinauf zu 1,7 Prozent reicht, sind solche Werte kaum aussagekräftig.

Wann wird die neue Richtlinie für Zahlungsdienste (PSD II) und damit die neue Gebührenstruktur Ihrer Einschätzung nach in Kraft treten?
Wir planen intern mit dem Sommer 2014. Der Zeitpunkt könnte sich durch die kommenden Wahlen zum Europäischen Parlament noch verschieben, wir stellen uns aber derzeit auf Mitte 2014 ein.

Foto: Concardis
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Welche weiteren relevanten Neuerungen hält die PSD II für den bargeldlosen Zahlungsverkehr bereit?

Der Wegfall der so genannten "Honor all cards rule" wird dazu führen, dass Händler nicht mehr alle Karten einer Marke akzeptieren müssen. Im Gegenzug ist es ihnen aber verboten, Gebühren vom Kunden für die Kartenzahlungen zu verlangen. Nur bei Commercial Cards wird Surcharging noch zulässig sein. Von ihren Acquirern können Händler darüber hinaus künftig sehr viel detailliertere Abrechnungen verlangen, in denen die einzelnen Kostenpositionen des Disagios aufgeschlüsselt sein müssen. Gravierend für den Zahlungsverkehr im Internet wird sicherlich das Erfordernis der so genannten "strong authentification".

Was verbirgt sich dahinter?
Nach den Vorstellungen der Kommission, aber auch nach denen der Europäischen Zentralbank - Stichwort:
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- müssen Internetzahlungen ab Februar 2015 aus Sicherheitsgründen immer auf mindestens zwei verschieden Wegen autorisiert werden. Der Kunde soll Zahlungen stets zweifach legitimieren mit einer Kombination aus Wissen, Besitz oder biometrischen Merkmalen - also beispielsweise einem Passwort und einer Karte oder einem Fingerabdruck und einem Hardware-Token. Wie dies in der Praxis umgesetzt werden soll, vermag derzeit noch niemand zu sagen.

Themawechsel: Seit Jahren heißt es, Mobile Payment steht vor dem Durchbruch, doch an der Ladenkasse wird nach wie vor mit Bargeld und Karte bezahlt. Kommt das Bezahlen mit dem Handy nach dem Start von Edeka und Rewe nun in Schwung?
Offenbar geht es jetzt richtig los. Es wird zwar sicherlich noch einige Startschwierigkeiten geben, aber ich glaube, das schwingt sich schnell ein. Kassenpersonal und Kunden werden sich rasch an QR-Codes gewöhnen, und die NFC-Technik ist noch unkomplizierter. Schon heute zahlen viele insbesondere jüngere Konsumenten auch Kleinstbeträge mit der Karte, ich denke daher, dass sich Mobile Payment schnell durchsetzen wird.

Die Lösungen der Lebensmittelhändler beruhen nicht auf Kreditkarten - eine Gefahr für das Geschäftsmodell von Concardis und anderen Acquirern?
Meines Erachtens werden sich langfristig Wallet-Lösungen durchsetzen, bei denen der Kunde das Zahlungsmittel im Hintergrund festlegen kann - wie wir es von PayPal und auch Yapital kennen. Bei beiden Verfahren kann auch eine Kreditkarte hinterlegt werden. Wir arbeiten jedoch auch an einem eigenen Mobile-Payment-Konzept, damit wir unseren Kunden eine eigene Lösung bieten können, denn wir wollen langfristig nicht nur von den Provisionen anderer Zahlverfahren leben.

Wie soll Ihre Lösung aussehen?
Wir führen Gespräche mit Partnern aus unterschiedlichen Bereichen mit dem Ziel, kleinen und großen Händlern eine Mobile-Payment-Lösung zu bieten, die von der Infrastruktur der Kreditwirtschaft getragen wird. Mehr kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verraten.

Glauben Sie noch an den Durchbruch der Near-Field-Communication-Technologie als Brückentechnologie zwischen kontaktloser Kartenzahlung und Mobile Payment oder ersetzen die neuen Bluetooth-Lösungen von Apple und PayPal nun die NFC-Technik?
Ich kann bislang keinen Mehrwert in der Bluetooth-Technologie für Verbraucher oder Handel erkennen. Die NFC-Technologie kommt dagegen auch händlerseitig in den Markt und bietet eine gute Basis für mobile Zahlungslösungen. Aber auch für QR-Codes gibt es sinnvolle Praxisanwendungen - etwa im Restaurant oder im Fußballstadion.

Interview: Hanno Bender


Zur Person
Manfred Krüger ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Concardis. Das Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Kreditwirtschaft ist der marktführende Vermittler von Verträgen für die Kreditkartenakzeptanz (Acquirer). Darüber hinaus ist Concardis auch als Payment Service Provider im E-Commerce aktiv. In diesem Jahr feierte der Zahlungsdienstleister mit Sitz in Eschborn sein zehnjähriges Bestehen. Manfred Krüger, der das Unternehmen seit der Gründung leitete, wird Ende des Jahres in den Ruhestand gehen. Rainer Sureth, ebenfalls seit zehn Jahren in der Geschäftsführung, übernimmt zum 1. Januar 2014 den Vorsitz der Geschäftsführung. Mit Marcus W. Mosen (49), ehemaliger Chief Commercial Officer von Ogone und vormaliger Geschäftsführer von easycash, bekommt die Gesellschaft Anfang 2014 einen neuen Geschäftsführer für den operativen und kaufmännischen Bereich.

Dieses Interview ist in gekürzter Fassung in der Oktober-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier.