Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub hatte zum 4. "e-day" in die Konzernzentrale des Traditionshändlers geladen, damit die alte Handelswelt ein Gespür für die Zukunft bekommt.

Es kann schon mal passieren, dass der Hausherr klitzekleine Probleme mit dem selbst ausgegebenen Dresscode hat: "Ich bin kein Digital Native. Ich muss mich noch daran gewöhnen, mit Jeans auf der Bühne zu stehen", sagte der Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub zur Begrüßung des diesjährigen "e-Day" der Unternehmensgruppe in Mülheim. In der Einladung stand nämlich "Casual – no suits", also locker, keine Anzüge.

Denn der Handelsmanager, der selbst in Start-ups wie Zalando investiert, will von der jungen, wilden Internetbranche lernen und holte am 13. März 2014 zum 4. Mal zumindest ein bisschen Silicon Valley an die Ruhr. Zum Auftakt ließ er sich und den gut 400 geladenen Teilnehmern erst einmal von dem Internet-Investor Dr. Klaus Hommels die Leviten lesen. "Deutschland und Europa sind beim E-Commerce auf dem Standstreifen stehen geblieben. Amerikaner, Chinesen und sogar die Russen haben's hingekriegt, eigene Suchmaschinen und Soziale Netzwerke aufzubauen. Nur wir sind so blöd und sagen, die amerikanischen Technologien sind ja so toll", polterte der Partner der Investorengruppe Lakestar, die früh Internetgrößen wie Skype, Facebook, king.com, Xing oder Spotify finanziell unterstützt hat.

Sein Rezept lautet, immer in unkonventionelle Geschäftsideen zu investieren und diese mit genug Geld auszustatten: "Die Deutschen dürfen nicht in den Rückspiegel schauen, sondern nach vorne. Denn wenn wir die Kurve nicht kriegen, exportieren wir den Wohlstand von in 20 Jahren. Investieren Sie! Man muss auch mal mit der flachen Hand auf das Apfelmus hauen!"

Shopkick-App will Menschen in den Laden locken

Auf dem e-Day hatten zudem auch junge Unternehmen die Gelegenheit, ihre Geschäftsideen vorzustellen. Beispielsweise Cyriac Röding, der seit neun Jahren in den USA lebt und die dort meistgenutzte Smartphone-App "Shopkick" erfand, an die 10.000 Shops angeschlossen sind. "Stationärer Handel wird nie out sein. Denn das virtuelle Shoppen hat einen Haken: Man will am Wochenende doch auch mal raus aus dem Haus", erläuterte er sein Konzept, für das er nun deutsche Händler begeistern will. Die App biete dem Kunden einen Anreiz, "echt" einkaufen zu gehen, die (patentierte) Technologie erkennt das Smartphone des Kunden im Eingangsbereich des Ladens:

"Wenn ich beispielsweise ein Produkt auf einer Website mit meinem Smartphone angesehen habe, erinnert mich das Telefon daran. Betrete ich dann irgendwann den Laden, begrüßt es mich und schreibt mir vielleicht sogar einen Bonus-Rabatt gut", nannte Röding als Beispiel.

Bild-Chef Diekmann über das Silicon Valley

Matthew Brown, Chef des Beratungsunternehmens echochamber, zeigte an zahlreichen Beispielen die internationalen Trends der Marken- und Wareninszenierung: "Auch wenn der stationäre Handel oft totgesagt wird, gibt es doch immer wieder Händler, die es schaffen, dass die Leute für Dinge anstehen, die sie nicht brauchen", argumentierte er. "Das ist das Geheimnis des Einzelhandels."

Zum Abschluss der Veranstaltung sprach Bild-Chefredakteur und -Herausgeber Kai Diekmann von seinem Aufenthalt im kalifornischen Silicon Valley: "Was mich überrascht hat war, dass in einer durch und durch digitalisierten Welt dort die physische Nähe entscheidend ist. Man läuft sich ständig über den Weg und tauscht sich aus", berichtete er. Sein Fazit zum Überleben im digitalen Zeitalter: "Wir erleben das Ende des Suchzeitalters. Was mich interessiert, findet mich von selbst."