Die digitale Welt folgt anderen Gesetzen, gerade bei Lebensmitteln. Für Ware, die im Netz bestellt und im Markt gekauft wird, hat der saarländische Händler Globus eine eigene Logistik aufgebaut. Johannes Scupin, Sprecher der Geschäftsführung, verrät Details der Onlinestrategie und sagt, was man aus Misserfolgen gelernt hat.

 

Herr Scupin, Globus führt die einzelnen Geschäftsbereiche selbstständig. Wo arbeiten Sie mit Ihren Kollegen in Russland, Tschechien oder den Fachmärkten zusammen?

Johannes Scupin: Wir kooperieren zum Beispiel im Bereich Multichannel mit unseren Kollegen in Tschechien und Russland. Dort sind die Voraussetzungen vergleichbar, denn auch im Ausland entwickelt sich der digitale Markt kräftig neben dem stationären Geschäft.

Bei Ihnen kann man Ware online bestellen und im Markt abholen. Wie funktioniert die interne Logistik, etwa bei der Kommissionierung?

Bei der Entwicklung unseres „Globus Drive“ hat uns der Blick über die Grenzen geholfen. In Frankreich etwa gibt es die Kommissionierung im Markt durch die eigenen Mitarbeiter - und die in einem separaten Gebäude, mit separater Warenversorgung. Mit beiden Konzepten haben wir uns befasst.

Was ist Ihr Favorit?

Wir wollten keine Kommissionierung im Markt, sondern bevorzugen die Lösung in einem separaten Gebäude. Dies haben wir in unserem Konzept „Globus Drive“ realisiert. Dafür haben wir eine eigene Logistik aufgebaut, mit eigener Regalplatzführung.

Wie kann man sich das vorstellen?

Während die Produkte in den stationären Märkten nach zusammengehörenden Warenwelten sortiert sind, orientieren wir uns bei „Globus Drive“ an der Absatzgeschwindigkeit und Optimierung der Wege. Dort stehen völlig unterschiedliche Artikel nebeneinander.

Warum ist die Optimierung der Wege wichtig?

Weil diejenigen, die sich mit der Kommissionierung der Warenkörbe befassen, ihre Zeit hauptsächlich mit Laufen verbringen. Das fordert andere Lösungen als im klassischen Supermarkt.

"Wir haben in allen drei Ländern Entwicklungsteams, die auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Dort, wo die beste Idee entsteht, wird auch die Führung eines Projektes angesiedelt."

Also findet man ganz vorne im Click & Collect-Lager die Renner und hinten die Penner?

Im Prinzip stimmt das. Allerdings spielen bei Lebensmitteln die Temperaturzonen eine Rolle. Schließlich gibt es allein für Lebensmittel immer mindestens drei verschiedene Temperaturzonen.

Welche Rolle spielt das Thema Digitalisierung bei Ihren Investitionen?

Eine große Rolle, dafür setzen wir erhebliche Mittel ein.

Wie viel genau?

Wir behalten bei dem Thema die Wirtschaftlichkeit stark im Auge, weshalb unsere Investitionen in die Digitalisierung sicher auch nicht so hoch liegen wie beim Wettbewerb.

Inwiefern?

Wir sparen an zusätzlichen Kosten, indem wir, wie eingangs erwähnt, eng mit den Geschäftsbereichen Russland und Tschechien zusammenarbeiten.

Schicken Sie dafür Ihre Entwickler nach Russland oder ist das ein gegenseitiger Prozess?

Das ist ein gegenseitiger Prozess. Der Chef unserer Multichannel-Abteilung ist international tätig. In allen drei Ländern haben wir Entwicklungsteams, die auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Dort, wo die beste Idee entsteht, wird auch die Führung eines Projektes angesiedelt. Die Teams sind international.

Wie nehmen Sie die Mitarbeiter mit, die nicht onlineaffin sind?

Noch sind wir nicht in der Phase, in der große Entwicklungselemente integriert werden. Das Multichannel-Entwicklerteam ist ein eigener Unternehmensbereich geworden, ein eigener Fachbereich, nicht nur ein Teil der IT- oder Marketingabteilung.

"Die Kunden erwarten bei Lebensmitteln die stunden- oder zumindest taggleiche Lieferung. Bisher haben wir dafür noch keine wirtschaftlich tragfähige Lösung gefunden."


Besteht bei der Digitalisierung eine Verknüpfung zwischen Lebensmittel- und Baumärkten?

Wir tauschen uns zwar aus, arbeiten jedoch getrennt voneinander.

Sie hatten bereits die Baumärkte als Abholpunkte für online bestellte Lebensmittel genutzt. Warum haben Sie das wieder eingestellt?

Mit „Globus Drive“, unserem Onlineangebot, wollen wir Erfahrungen auf dem Gebiet des Onlinehandels sammeln. Die Abholstation im Baumarkt hat gezeigt, dass die Kunden, die einen Fachmarkt für Heimwerkerprodukte ansteuern, dort keine Lebensmittel erwarten und sich vorher online eher weniger mit dem Lebensmitteleinkauf befassen. Die Abholangebote wurden kaum genutzt, deshalb haben wir das Projekt eingestellt.

Was lernen Sie von den Baumärkten?

Unsere Baumärkte konnten mit relativ einfachen Mitteln ins Internet starten. Insofern war dort von Anfang an eine gute Basis für die Wirtschaftlichkeit gegeben. Wie generell im Nonfood-Bereich liegt der Onlineanteil in den Baumärkten deutlich über dem der Lebensmittelgeschäfte.

Warum halten Sie sich beim Thema Lieferung nach Hause zurück?

Weil dies bei Lebensmitteln eine andere Herausforderung ist als bei Nonfood. Nonfood braucht keine Kühlung, außerdem geht es bei Lebensmitteln um ganze Warenkörbe, das ist ein anderes Geschäft. Zumal die Kunden bei Lebensmitteln die stunden- oder zumindest taggleiche Lieferung erwarten. Das sind andere Voraussetzungen für die Zustellung und macht das Ganze sehr aufwändig und kostenintensiv. Bisher haben wir dafür noch keine wirtschaftlich tragfähige Lösung gefunden.

"Wir müssen auf jeden Fall investieren, in Software wie auch in die Menschen. Im Fokus steht dabei der unmittelbare Kundennutzen."


Und wenn die Kunden dafür bezahlen?

Der Lebensmittelhandel in Deutschland ist extrem preisgetrieben. Deshalb sehen wir keine Möglichkeit, den Kunden die vollen Lieferkosten zuzumuten. Dies ist allerdings nur eine Momentaufnahme, die nicht für die Zukunft festgeschrieben ist. Globus wird an dieser Stelle nicht der Vorreiter in Deutschland sein. Das überlassen wir anderen.

Abholpunkt im Baumarkt
© Globus
Abholpunkt im Baumarkt

Man muss ja kein Vorreiter sein und kann trotzdem sein eigenes Konzept verfolgen?

Gerade in den Ballungszentren gibt es bereits einige Anbieter. In den Ballungszentren beginnend, bauen Unternehmen wie die Rewe ihr Onlinegeschäft nach und nach weiter aus. Doch bisher habe ich noch nicht davon gehört, dass es ein Lebensmittelhändler geschafft hat, mit dem E-Commerce auch Geld zu verdienen.

Kommen für Sie Kooperationen in Frage, so wie zum Beispiel zwischen Amazon und Shell?

Auch hier schließen wir nichts aus, selbst wenn derzeit nichts in dieser Richtung geplant ist.

Wo sehen Sie beim Thema Digitalisierung im Unternehmen den größten Nachholbedarf?

Von Nachholbedarf muss nicht unbedingt die Rede sein. Aus unserer Sicht stellt sich zum Beispiel mit Blick auf die Zusammenarbeit mit der Industrie die Frage, wer nun den Nachholbedarf hat: der Handel oder die Industrie. Denken Sie an das Produktinformationsmanagement.

Informationsmanagement setzt voraus, dass Informationen und Daten vorliegen…

Im Kern geht es darum, welche Informationen Kunden benötigen, um sich im stationären oder Onlinehandel für einen Kauf zu entscheiden.

Und welche sind das?

Wenn ich im stationären Handel ein Produkt kaufe, kann ich es in die Hand nehmen, mit anderen Produkten vergleichen und mich zum Beispiel über Inhaltsstoffe informieren. Es hilft, wenn das Produkt physisch zur Verfügung steht. Die digitale Welt erfordert eine andere Produktdarstellung. In beiden Fällen können Stammdaten helfen, den Kunden genau dargestellte Produkte anzubieten.

Daten gelten als das Gold der Zukunft. Wie analysieren Sie Ihre Kundendaten?

Dort, wo wir bereits in die genaue Datenanalyse gehen, nutzen wir derzeit noch das Know-how externer Dienstleister. Daran arbeiten wir, denn unser klares Ziel ist eindeutig die interne Lösung.

...die aber auch Geld kostet.

Richtig, dafür müssen wir auf jeden Fall investieren, in Software wie auch in die Menschen. Im Fokus steht dabei der unmittelbare Kundennutzen. Das Schöne ist, dass wir als stationärer Händler unmittelbar im Geschäft sehen können, wie der Kunde reagiert, und uns sofort darauf einstellen. Das ist die Art, wie wir uns entwickeln wollen.

Sie bieten in Märkten technische Unterstützung wie Touchscreens, die bei der Navigation und Produktsuche helfen. Wie kommt das an?

In einigen unserer Märkte bieten wir einen sogenannten Kiosk an, ein Screen, der unsere Kunden mit Informationen versorgt und Fragen beantwortet. Unsere Kunden nutzen das gerne, wenn auch nicht überall gleich intensiv. Die Art der Nutzung gibt uns Aufschluss, was bereits gut entwickelt ist und wo Verbesserungsbedarf herrscht.

Das Interview erschien zuerst in der Ausgabe 12/2016 von "Der Handel".


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