Die Onlinekonkurrenz sorgt für eine Ausdünnung des stationären Einzelhandels. Immer mehr Städte versuchen sich mit Outlet-Centern zu retten. Der GfK-Experte Manuel Jahn warnt vor Auswüchsen und hat ganz andere Ideen.

Die Prognosen sind alarmierend: Rund 45.000 Ladengeschäften in Deutschland droht nach Schätzung des Instituts für Handelsforschung (IfH) in Köln bis zum Jahr 2020 das Aus. Mehr als jeder zehnte Laden könnte damit für immer seine Tore schließen.

Besonders bedroht vom Ladensterben sind der Studie zufolge ländliche Regionen, Kleinstädte und Mittelzentren. Ihnen setzt nicht nur der Boom des Onlinehandels zu, sondern auch der Bevölkerungsrückgang. Doch immer mehr Kommunen versuchen, sich gegen das allmähliche Sterben ihrer Innenstädte zu wehren.

Vorbild Bad Münstereifel

Beispiel Rietberg: Die ostwesfälische Stadt mit ihren 28.000 Einwohnern leidet schon heute unter einer wachsenden Zahl leerstehender Geschäfte an der Rathausstraße im Stadtzentrum. Deshalb plant der Stadtrat nun einen Befreiungsschlag. Auf einer Sondersitzung im August votierte das Gremium einstimmig dafür, die Gründung eines City-Outlet-Centers in der idyllischen Kleinstadt voranzutreiben. Mit zusätzlich 4.000 Einkaufstouristen täglich rechnet die Stadt.

Vorbild ist Bad Münstereifel. In dem Städtchen mit seinen 19.000-Einwohnern (verteilt auf alle Stadtteile) wurde vor gut einem Jahr ein City-Outlet eröffnet. Seitdem haben nach Angaben des Betreibers mehr als eine Million Kauflustige das in den Ort integrierte Outlet besucht. Rund 250 neue Arbeitsplätze seien geschaffen worden, heißt es. Und eine Erweiterung der Verkaufsfläche ist bereits in Planung.

Wie viele Schnäppchen-Center braucht das Land?

Doch nicht nur in Rietberg, auch im bayerischen Zwiesel, im hessischen Usingen und andernorts wird mit dem Gedanken gespielt, dem Beispiel Bad Münstereifel zu folgen. Mit Wuppertal und Remscheid werden künftig zwei Outlet-Center in rund 30 Kilometer Entfernung miteinander konkurrieren.

Dabei fragen sich Experten längst, für wie viele derartige Schnäppchen-Paradiese tatsächlich noch Platz ist in Deutschland. "Wenn die eine oder andere Stadt so etwas umsetzen kann, ist das ein Einzelfall. Von solchen Produkten braucht man ja nicht viel", urteilt etwa Manuel Jahn, der Experte für Einzelhandelsimmobilien bei der für Unternehmensberatung GfK Geomarketing ist.

Andere Städte gehen die Probleme vor der Haustür denn auch auf andere Art an. Wuppertal versucht, den boomenden Online-Handel mit den eigenen Waffen zu schlagen. Das Projekt "Online-City Wuppertal" (OCW) bietet den lokalen Händlern die Möglichkeit, mit einem gemeinsamen Internetauftritt um Kunden zu werben. Eines der Highlights: Viele Produkte im Wuppertaler Online-Angebot können noch am selben Tag zugestellt werden.

Von Wuppertal lernen

Auch hier gibt es bereits Nachahmer. Noch in diesem Jahr sollen drei weitere lokale Internet-Marktplätze ans Netz gehen: im niedersächsischen Wolfenbüttel, im nordrhein-westfälischen Attendorn und im baden-württembergischen Göppingen. Wieder andere Kommunen setzen auf ein verstärktes City-Marketing, das die Verbraucher in die Einkaufsstraßen locken soll.

Ob all diese Maßnahmen im Zeitalter des Internets reichen, um das Leben in den Einkaufsstraßen abseits der Metropolen zu erhalten, wird sich wohl erst in Zukunft zeigen. Der Handelsexperte Jahn warnt jedenfalls gerade kleinere Kommunen davor, sich allzu einseitig auf den Handel als Lebenselixier der Innenstädte zu verlassen. "Der Einzelhandel soll es richten, aber der ist selber im Strukturwandel", mahnt der Experte. Man dürfe nicht zu viel von ihm erwarten.

Für Jahn stellt sich längst die Frage: "Muss jede Fachwerkstadt nur Einzelhandel haben?" Es gebe schließlich auch andere Wege, für Leben in den Straßen zu sorgen - von der Gastronomie bis zu Dienstleistungsangeboten. "Schaut man nach Osteuropa, da gibt es in den Altstädten kaum Einzelhandel. Da gibt es überwiegend Gastronomie, Kultur, Museen, und die Straßen sind voller Leben", sagt Jahn.

Mehr Chancengleichheit zwischen online und stationär gefordert

In 82 Großstädten über 100.000 Einwohner wiederum ist der innenstädtische Einzelhandelsumsatz zwischen 2010 und 2014 um rund sieben Prozent gestiegen, berichtete Marktforscher Jahn auf einer Pressekonferenz des Immobilienwirtschaftsverbandes ZIA in Berlin.

Außerhalb der Innenstädte und in vielen kleineren Kommunen seien die Umsätze dagegen zurückgegangen. Der Branchenverband ZIA forderte mehr Chancengleichheit zwischen stationärem Einzelhandel und Onlinehandel.