Nach der gescheiterten Rettung von Neckermann richtet sich die Wut der Mitarbeiter und Gewerkschaft gegen den Eigner Sun Capital. Intern wird bereits mit dem Schlimmsten gerechnet. Das Geschäft läuft derweil weiter.

Die Kritik an Sun Capital wächst: Am Widerstand des Neckermann-Eigentümers waren die Pläne zur Umstrukturierung des angeschlagenen Unternehmens gescheitert, der Versender musste Insolvenz anmelden.

Selbst das Management kritisierte indirekt den US-Finanzinvestor in der Pressemitteilung, die den Gang zum Insolvenzrichter verkündet.

"Die Geschäftsführung hatte einen Weg gefunden, die dazu notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen", heißt es dort. Jedoch halte der Eigentümer "das Ergebnis der Verhandlungen nicht für tragfähig und wird keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung stellen."

Mitarbeiter "eiskalt abserviert"

In letzter Minute soll Sun Capital den Daumen gesenkt und somit eine Einigung unmöglich gemacht haben. "Wir wurden eiskalt abserviert", klagt nun Logistik-Betriebsrat Thomas Schmidt.

Laut Gewerkschaft war der Eigentümer stets in den Verhandlungen involviert und wusste, was auf ihn zukam. "Erst sagt Sun Capital 'einigt euch' - und wenn man sich einigt, gibt es einen Tritt", äußerte Verdi-Sprecher Christoph Schmitz in einem Tweet.

Die Ernüchterung ist bei den rund 2.400 Mitarbeitern groß. "Das ist eine Riesenenttäuschung", sagte Betriebsrat Schmidt am Donnerstag in Frankfurt. Viele hätten jetzt Angst vor der Zukunft, im Versand seien die Mitarbeiter im Schnitt seit 20 Jahren im Unternehmen.

Intern wird nun bei Neckermann mit dem Schlimmsten gerechnet. "Eine Lösung wie bei Schlecker wird immer wahrscheinlicher: Profitable Teile werden verkauft, als Ganzes hat das Unternehmen keine Chance mehr", sagte ein Insider gegenüber derhandel.de.

Die Umsatzsituation hätte sich seit Beginn der Krise dramatisch verschlechtert: "Die Kunden haben Angst, dass sie die bestellte Ware nicht bekommen". Dass der Versand auch in der Insolvenz weiter läuft, wüssten viele Käufer nicht.

"Das Geschäft läuft weiter", betont das Unternehmen auch von offizieller Seite. Ein Sprecher des Amtsgerichts Frankfurt rechnete am Donnerstagmittag mit einer schnellen Entscheidung über die Zahlungsunfähigkeit.

Ob ein Insolvenzverwalter bestellt wird oder es ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung gibt, sollte bis zum frühen Nachmittag bekanntgegeben werden. Unklar war dem Unternehmen zufolge zunächst, ob auch Tochterunternehmen wie die Versandhäuser im Ausland von der Insolvenz betroffen sind.

Neckermann.de betreibt auch Standorte in Belgien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz. Europaweit sind rund 3.100 Mitarbeiter für die Gruppe tätig, 2400 davon in Deutschland.

Otto ist nicht interessiert

Derweil zeigt der Hamburger Versand- und Onlinehändler Otto kein Interesse an einer Übernahme des insolventen Konkurrenten. "Es ist jetzt Aufgabe des Insolvenzverwalters und des Neckermann-Managements, für die Mitarbeiter eine Lösung zu finden", teilte das Unternehmen laut dpa am Donnerstag mit.

"Otto wird sich an keinerlei Spekulationen zur Fortführung des Geschäfts oder einzelner Geschäftsbereiche beteiligen", hieß es. Das verwundert nicht: Nach der Pleite der einstigen Neckermann-Konzernschwester Quelle im Jahr 2009 hatte Otto einige Teile aus der Insolvenzmasse übernommen, darunter Namensrechte.

Heute gibt es einen Internet-Marktplatz unter dem Namen Quelle.de als Otto-Tochtergesellschaft. Otto-Chef Hans-Otto Schrader sagte unlängst, er sei mit der bisherigen Entwicklung von quelle.de unzufrieden. Mit neuen Sortimenten will das Internetplattform nun den Umsatz steigern.

Marcelo Crescenti mit Material von dpa