Das Ende von Schlecker ist die größte Insolvenz im deutschen Einzelhandel. Am meisten leiden darunter die ehemaligen Mitarbeiterinnen. Nicht einmal die Hälfte der "Schleckerfrauen" hat neue Jobs.

Die Gewerkschaft Verdi zieht knapp ein Jahr nach der Schlecker-Pleite eine kritische Zwischenbilanz. "Die Verantwortungslosigkeit der Eigentümer-Familie Schlecker hat bis heute dramatische Folgen für viele der Betroffenen. Auch wenn FDP-Politiker, der Handelsverband und andere ein rosiges Bild von den Zukunftsperspektiven der Frauen gezeichnet haben - die Realität sieht in vielen Fällen leider anders aus", kritisiert Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger.

Infolge des Zusammenbruchs des Drogeriefilialisten hatten 25.000 Menschen ihre Jobs verloren. Zu 90 Prozent waren davon Frauen betroffen.

100 Bewerbungen, aber keinen neuen Job

Deutlich weniger als die Hälfte der früheren Mitarbeiterinnen habe bislang eine neue Anstellung gefunden, heißt es in einer Untersuchung der Bundesagentur für Arbeit von Ende November. "Mehr als 30 Bewerbungen habe ich schon geschrieben, ohne Erfolg. Mein Ziel ist ein unbefristeter Job. Eine Umschulung bekomme ich auf keinen Fall, sagt meine Arbeitsberaterin", fasst etwa die frühere "Schleckerfrau" Sandra S. (38) aus Rostock ihre bisherigen Erfahrungen zusammen.

Marion S. (46) aus Unterfranken ergeht es nicht anders: "Es kommen keine Stellenangebote von der Agentur für Arbeit. Auf Bewerbungen bekommt man keine Antwort. Eigentlich ist man reif für die 'Klapse'!" Auch Ingrid W. (55) aus Oberhausen klagt: "Ich wurde in eine Qualifizierung als Verkäuferin gesteckt, obwohl ich 25 Jahre im Handel tätig war. Mittlerweile habe ich fast 100 Bewerbungen geschrieben und nur Absagen bekommen."

Ohne Branchenerfahrung wird es anderswo schwierig

Sabine P. (49) aus der Nähe von Bremen blickt ebenfalls wenig hoffnungsfroh in die Zukunft: "Eine Umschulung über die Arbeitsagentur bekomme ich nicht. Trotz über 60 Bewerbungen hat bis jetzt noch nichts geklappt. Die Chance beispielsweise im Textilbereich unterzukommen ist quasi null, wenn man keine Branchenerfahrung mitbringt."

Auch der Redaktion von derhandel.de sind viele ehemalige Schlecker-Beschäftigte bekannt, die sich bisher vergeblich um Anstellungen bei anderen Arbeitgebern beworben haben.

Schwierige Lage im ländlichen Raum

Doch es gibt auch positive Beispiele. "Mir gehts super. Ich habe schon nach 14 Tagen eine unbefristete 20-Stunden-Stelle bei einem Drogisten bekommen. Die Jahre bei Schlecker vergesse ich nie - sie haben mich stark gemacht und geprägt für die Zukunft", berichtet Sabine W. (33) aus Dresden. Und Eileen S. (36) aus Berlin sagt: "Ich habe drei Monate intensiv, aber erfolglos gesucht - absolut frustrierend. Jetzt hat mir der Schwerhörigen-Bund eine neunmonatige Weiterbildung zur Kommunikationsassistenz für Hörgeschädigte angeboten. Ich freue mich auf die neue Chance."

Christel Hoffmann, langjährige Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Schlecker, die bis heute in engem Kontakt zu zahlreichen ehemaligen Beschäftigten steht, berichtet: "Viele Kolleginnen haben mir erzählt, dass es fast nur befristete Arbeit, Arbeit auf Abruf oder geringfügige Jobs auf 400-Euro-Basis gibt - am Schlimmsten ist die Situation in ländlichen Gebieten."

Kritik an Ursula von der Leyen

Das finanzielle Elend bei vielen sei groß, doch die Politik verschließe die Augen. Außerdem kritisiert Hoffmann Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU): "Sie hat den Frauen Umschulungsmöglichkeiten zur Erzieherin und Altenpflegerin versprochen, aber sie verweigert eine unbürokratische Hilfe zur Umsetzung. So scheiterten die Nachfragen an den rechtlichen Rahmenbedingungen und der Finanzierungshürde", wettert Christel Hoffmann.

Doch die Betriebsrätin hat auch gute Nachrichten. So seien verschiedene Unternehmen auf sie zugekommen, um Arbeits- und Umschulungsplätze für ehemalige Schlecker-Beschäftigte anzubieten. Außerdem freut sich Hoffmann über die Spendenbereitschaft aus der Bevölkerung. So habe man über den von der Paul-Schobel-Stiftung "Arbeit und Solidarität" ins Leben gerufenen "Solidaritätsfonds für Schlecker-Frauen" zumindest hier und da die schlimmsten Notfälle einzelner Frauen lindern können.

Gewerkschafterin Nutzenberger betont: "Der wirtschaftliche Niedergang und die Unternehmenspleite sind eindeutig die Folgen von Anton Schleckers Missmanagement, unternehmerischen Fehlleistungen und jahrelangem unethischen Verhalten gegenüber seinen Beschäftigten."

Was macht die Politik?

Nun sei die Politik gefordert, dringend notwendige Konsequenzen aus der Schlecker-Insolvenz zu ziehen. "Die Politik, und hier besonders die FDP, haben die Finanzierung einer Bürgschaft in Höhe von 70 Millionen Euro für eine Transfergesellschaft verhindert - auf Kosten der ehemaligen Schlecker-Frauen", schimpft Nutzenberger. Dabei wäre die Rückzahlung der Bürgschaft etwa durch den Verkauf werthaltiger Auslandsgesellschaften von Schlecker gesichert gewesen.

Nach Berechnungen von Arbeitsmarktexperten werde der durch Arbeitslosigkeit entstehende Finanzbedarf für die Bundesagentur für Arbeit im Fall Schlecker mit tatsächlichen Kosten bis zu 180 Millionen Euro beziffert.

Verdi fordert: Unternehmensrecht überarbeiten

"So ist das Mindeste, was die Politik heute angesichts der Erfahrungen bei Schlecker in Angriff nehmen muss, das Ende der politischen Diskreditierung des arbeitsmarktpolitischen Instruments Transfergesellschaft. Aber auch das Insolvenz- und Unternehmensrecht muss auf den Prüfstand", betont Gewerkschafterin Nutzenberger. Diese müssten sich stärker an den sozialen Belangen der arbeitenden Menschen ausrichten und besonders die im Einzelhandel üblichen filialisierten Unternehmensstrukturen berücksichtigen.

Darüber hinaus sei es unverantwortlich, ein Unternehmen von der Größe Schleckers in der Rechtsform des "eingetragenen Kaufmanns" zu führen, das lediglich eingeschränkten Bilanzierungs- und Transparenzvorschriften unterliege. Dies sei ein offensichtlicher Fehler, wie er künftig nicht mehr passieren dürfe, zumal dadurch die Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten völlig ins Leere liefen. "Jetzt gilt es, zügig die gesetzlichen Grundlagen zu ändern mit dem Ziel, die Interessen der Beschäftigten besser zu schützen", fordert Nutzenberger. "Hier muss der Gesetzgeber Verantwortung übernehmen, damit sich ein 'Fall Schlecker' niemals wiederholt." Das sei die Politik den tausenden von Schlecker-Frauen schuldig - auch wenn diese selber davon nicht mehr profitierten.