In Baden-Württemberg ist der Verkauf von Alkohol in den Nachtstunden seit März dieses Jahres verboten. Über Sinn und Unsinn der Regelung gehen die Meinungen auseinander. Lesen Sie hier den Pro-Beitrag.

Ruft sich ein Polizeibeamter vielfältige Straftaten, Gewaltexzesse, Aggression oder Situationen und Verhaltensweisen alkoholisierter Kinder, Jugendlicher oder Heranwachsender - von der Orientierungslosigkeit bis hin zur Bewusstlosigkeit - ins Gedächtnis, steht er einigermaßen fassungs- und ratlos vor der Argumentation, dass wirtschaftliche Interessen in dieser Debatte den Vorrang haben sollen.

Überdies hat sich mittlerweile auch in der Öffentlichkeit die Erkenntnis durchgesetzt, dass Alkohol der Gewaltkatalysator Nummer eins ist. Mehr als ein Drittel aller Gewalttäter sind alkoholisiert.

Wie wollen wir jungen Menschen eigentlich ein Gefühl für Anstand, gutes Benehmen und Rücksichtnahme vermitteln, wenn wir gleichzeitig dulden, dass sie betrunken, pöbelnd und mit Bier- und Schnapsflaschen in der Hand nachts durch unsere Straßen ziehen?

Das teure Disko-Vergnügen wird durch "Vorglühen" an der Tankstelle - begleitet von Ruhestörungen und Pöbeleien im Umfeld - erschwinglich, nächtliches "Komasaufen" insbesondere an Wochenenden zum fast schon üblichen Ritual.

Richtiger Schritt vom Gesetzgeber

 
Die Zeche zahlen im wahrsten Sinne des Wortes wir alle. Steigende Kriminalität und Gewalt, Hunderte eingelieferter Jugendliche, die den Stehkragen bis zur Besinnungslosigkeit voll haben und im Krankenhaus wieder aufgepäppelt werden müssen. Die Kosten dafür trägt der Steuer- und Beitragszahler.

Der Gesetzgeber in Baden-Württemberg hat einen wichtigen und richtigen Schritt getan. Nach den positiven Erfahrungen in Freiburg, wo die Verhängung eines räumlichen und zeitlichen Alkoholverbots in der Öffentlichkeit vom Gericht leider gestoppt wurde, ist das generelle Verkaufsverbot zur Nachtzeit eine angemessene, aber auch notwendige Antwort auf das Problem.

Niemand macht sich Illusionen. Findige Tankstellenpächter werden die Ausnahmetatbestände für sich nutzen und natürlich können sich Jugendliche auch tagsüber mit Alkohol eindecken. Auch die Frage der Kontrollmöglichkeiten ist nicht ausreichend geklärt. Die Polizei wird das nicht leisten können, dafür ist das Personal zu knapp.

Joachim Lautensack, Landesvorsitzender der Deutschen Polizei­gewerkschaft in Baden-Württemberg

Dieser Artikel ist im Rahmen eines Pro&Contra-Beitrages zum Verkaufsverbot in der April-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen.

Lesen Sie hier den Contra-Beitrag des selbstständigen Rewe-Kaufmanns René Güntner aus Filderstadt.