In Baden-Württemberg ist der Verkauf von Alkohol in den Nachtstunden seit März dieses Jahres verboten. Über Sinn und Unsinn der Regelung gehen die Meinungen auseinander. Lesen Sie hier den Contra-Beitrag.

Auch vor dem Gesetz zum "Alkoholverkaufsverbot ab 22 Uhr" war die rechtliche Situation eindeutig geregelt: Jugendliche erhalten keinen Alkohol - zu keiner Uhrzeit. In meinem Markt stelle ich dies durch ein vollelektronisches Kontrollsystem an der Kasse und die kontinuierliche Schulung meiner Mitarbeiter sicher.

Das neue Gesetz verschärft oder erweitert also nicht den Jugendschutz, sondern richtet sich gegen volljährige Erwachsene, die es gewohnt sind, ihre Einkäufe innerhalb der Ladenöffnungszeiten vollständig und selbstbestimmt zu erledigen.
 
Für mich als Kaufmann ist es schwer nachvollziehbar, warum ich mein Sortiment nach 22 Uhr für meine erwachsenen Kunden einschränken muss. Und die Kunden reagieren ebenso mit Unverständnis.

Handel soll gesellschaftliche Probleme lösen

Das erleben meine Mitarbeiter an den Kassen Tag für Tag, wenn sie zu erklären versuchen, was schwer zu erklären ist: Warum beispielsweise der ältere Herr seine Flasche Wein oder der Arbeiter nach Schichtende sein Bier an meiner Kasse zurücklassen muss, in der Kneipe um die Ecke und der Tankstelle mit Gaststättenlizenz aber bis zur Sperrstunde Alkoholika erhält.

Und was den Verkauf von likörhaltigen Pralinen betrifft: Ab 22 Uhr darf ich an meine volljährigen Kunden weder Mon Chérie noch Eierlikörostereier verkaufen. Das zeigt die ganze Absurdität der Situation.

Ob die Öffnungszeiten nach 22 Uhr sich weiterhin als wirtschaftlich erweisen, muss sich zeigen. Nicht, weil der Alkoholumsatz wegfällt. Dieser macht nur einen geringen Prozentsatz aus, das können wir verkraften. Aber die Kunden beginnen sich bereits umzuorientieren, weg von der Zeit nach 22 Uhr hin zu Zeiten, in denen sie ihren kompletten Einkauf erledigen können.

Mir persönlich bereitet auch die Willkür dieses Gesetzes Sorgen: Wenn der Handel schon ein so komplexes gesellschaftliches Problem wie den Alkoholmissbrauch von Jugendlichen alleine lösen soll, was kommt als Nächstes: Ist das "Alkoholverkaufsverbot" nur der Auftakt und sind vielleicht demnächst auch Tabakwaren, Medienträger oder Süßigkeiten betroffen?

René Güntner, selbstständiger Rewe-Kausfammn aus Filderstadt.


Dieser Artikel ist im Rahmen eines Pro&Contra-Beitrages zum Verkaufsverbot in der April-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen.

Lesen Sie hier den Pro-Beitrag des Landesvorsitzenden der Deutschen Polizei­gewerkschaft in Baden-Württemberg Joachim Lautensack.