Kioske bieten Kommunikation, Champagner - und manchmal sogar Waffen. Ihre Betreiber verdienen nicht viel Geld damit. Vereine versuchen trotzdem, die skurrilen Läden vor dem Aussterben zu retten.

Sie sichern den Nachschub für feuchtfröhliche Feten oder den kleinen Snack am Sonntagabend: Spätkauf-Läden, in Berlin kurz Spätis genannt, prägen das Straßenbild der Hauptstadt. Doch seit die Ladenschlussgesetze 2006 zunehmend gelockert wurden, mischen auch Tankstellen, Supermärkte oder Imbisse bei den zuvor exklusiven Verkaufszeiten am Feierabend und am Wochenende mit. Wegen der Konkurrenz ist die Anzahl der Kioske in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken.

In Deutschland gibt es noch fast 40.000 Kioske, wie eine Studie des "Competence Center for Convenience" von 2011 ergab - neuere Zahlen liegen nicht vor. Aber die kleinen Notfall-Versorger sind für manch einen nicht nur Geschäfte, sondern ein kulturelles Phänomen mit einem sozialen Faktor. So bemühen sich Initiativen, Vereine und Kunstschaffende um ihren Erhalt.

Nachbarschaftliche Kommunikation

Als Christian Klier mit seiner Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee über Spätis in Berlin anfing, trieb ihn zunächst seine ganz persönliche Vorliebe für die kleinen Läden an. Herausgekommen ist Ende 2013 das Buch "Der Späti - Eine Ortsuntersuchung in Berlin".

Klier zufolge gibt es in Berlin rund 900 Spätis mit einem monatlichen Netto-Durchschnittsverdienst von 1.100 Euro bei täglich rund 150 bis 250 Besuchern. Die meisten kaufen Alkohol und Zigaretten. Doch vor allem habe der Späti eine soziale Funktion. "Ich glaube, Spätis sind sehr wichtig für die nachbarschaftliche Kommunikation."

Dortmund ist Kiosk-Hochburg im Westen

Sie seien Kulturgut, Treffpunkt und kleine Wirtschaftsunternehmen. Dabei finde man mitunter die ungewöhnlichsten Geschäftsmodelle: So gibt es Spätis mit Internet- oder Backwarenangebot, mit integriertem Reisebüro oder Heimwerkerladen. Sogar Spätis mit Beauty-Salon oder Waffen im Angebot konnte Klier ausfindig machen. "Auch wenn sich die Spätis ähneln, sind sie immer Unikate."

Ganz anders nähert sich dem Thema der Dortmunder Kioskclub "KCMO 06", der 2006 von Jörg Wagner und Kurt Wettengl gegründet wurde. Laut Wagner ist Dortmund eine Kiosk-Hochburg in der Region. Während es dort Anfang der 1980er Jahre noch über 600 Kioske gab, hat sich die Zahl mittlerweile auf knapp 300 reduziert. "Kioske spielen in der Stadtplanung keine Rolle mehr. Aber sie bereichern das Stadtleben", betont Wagner.

Champagner und Billigbier

Daher müsse man die soziale Funktion des Kiosks kultivieren. Denn der Kiosk sei "ein Ort, wo man für kurze Zeit aufgehoben ist", wo man das lokale Geschehen erfährt und bespricht. Auch würdigt sein Verein, dass das Angebot auf die Kunden zugeschnitten und somit immer auch Abbild des jeweiligen Milieus sei. Je nach Sozialstruktur bieten manche Champagner an, andere wiederum vermehrt günstige Biersorten.

Seit nunmehr fast acht Jahren biete der Verein Kiosk- und Fahrradtouren an, organisiert Filmabende über städtische Ästhetik, hält Vorträge und veranstaltet Ausstellungen zu Kiosklandschaften weltweit. "Man findet sie überall auf der Welt in unendlicher Vielfalt", sagt Wagner.

"Die Tante-Emma-Läden unserer Zeit"

In Frankfurt am Main haben Oliver Tepper und Freddy Löbig ähnliche Touren unternommen. Nachdem sie auf ihren Fahrten mit der Straßenbahnlinie 11 ihre Liebe für Frankfurts Kioske - hier Wasserhäuschen genannt - entdeckten, gründeten sie 2010 den Verein "Linie 11". Auf diese Weise wollten sie eine Wasserhäuschen-Lebensart kultivieren, so Löbig.

Hier kämen Menschen aus allen gesellschaftlichen Milieus zusammen - für ein Feierabendbier oder für die einzigen sozialen Kontakte des Tages. Tepper sieht in den Kiosken "die Tante-Emma-Läden unserer Zeit". Aber immer mehr Wasserhäuschen müssen ihren Betrieb einstellen. "Linie 11" schätzt, dass es nur noch circa 300 Wasserhäuschen gibt. Ende der 1970er Jahren waren es noch etwa 800.

Zurück zum Kult

Und das, obwohl man gerade hier von einer Wasserhäuschen-Tradition sprechen kann. Denn schon 1899 gab es nach Angaben der Homepage der Stadt Frankfurt rund 200 solcher Häuschen. Manche dieser oft frei stehenden Holz- oder Steinbauten stehen unter Denkmalschutz. Allerdings reicht das allein nicht, um den Niedergang abzubremsen.

Dagegen versucht der Verein vorzugehen. Zum Beispiel mit einem Internetstadtführer für Wasserhäuschen-Suchende, in dem knapp 100 Standorte eingetragen sind. Oder mit T-Shirts, Aufklebern oder Flyern mit Aufschriften wie "Nein Tanke! Ich hol' mein Bier am Büdchen".

Mittlerweile gibt es sogar regelmäßig Gruppen, die mit der Straßenbahnlinie 11 auf eigene Faust Wasserhäuschen-Touren unternehmen. Damit mache man sich eben die "Hipster-Mentalität" zunutze, sagt Löbig. "Zurück zum Kult, zurück zur Tradition. Lieber wieder die kleineren Unternehmen unterstützen."

Baran Korkmaz, dpa