Kann man heute noch mit Kleingeld in den Onlinehandel starten, gerade als stationärer Händler? Die bittere Botschaft von Alexander Graf (Kassenzone, Sprycker) in aller Kürze: Nö. Das ist natürlich - mit Verlaub – Quatsch.

20.000 Euro, 100.000 Euro – wie viel darf es denn sein, damit sich der Einstieg in den E-Commerce oder gar ins Multichannel-Geschäft für den Schreibwarenladen an der Ecke, für das Gardinenlädchen in der 1b-Lage doch noch lohnt?

„Der initiale Aufwand wird massiv unterschätzt“, mahnt Alexander Graf im Video-Talk bei eye2eye und basht zugleich kleine Agenturen, die das Budget manch stiefmütterlicher Versuche gleichwohl mitnehmen.

„Chancen und Risiken stehen in keinem ökonomisch sinnvollen Verhältnis zueinander. Es dürfte mittlerweile erfolgsversprechender sein, einen Würstchenstand in einer sterbenden Einkaufsstraße aufzubauen, als blind in das Abenteuer E-Commerce zu starten“, schreibt Graf denn auch im Upload-Magazin und lässt zugleich ein Hintertürchen („Blind“) offen.

Also doch noch Chancen?

Vielleicht. Ein bisschen. Gleichwohl rät Graf dem stationären Handel im etailment-Video, sich lieber darauf zu konzentrieren, sein bestehendes Geschäftsmodell exzellent weiterzuentwickeln, statt sich auf mehreren Baustellen zu verhaspeln.

Nun wiederhole ich gerne auch bei etailment, dass für einen stationären Onlinehändler ein weiteres Jahresgehalt für eine Top-Verkäuferin oder einen Top-Verkäufer in der Regel besser investiert ist, als digitales Spielzeug jedweden Kanals.

Aber chancenlos ist der engagierte Händler gleichwohl nicht im Web und er muss auch nicht als letzten Ausweg den Kauf von Zalando-Aktien erwägen, um irgendwie im E-Commerce mitzumischen.

Sehen wir die Lage lieber einmal positiv: Shop-Plattformen und Shop-Software gibt es schon für kleines Geld, sogar für umme. Und auch mit solchen Lösungen lässt sich eine zeitlang ordentlich arbeiten. Für jeden Arbeitsschritt, für den ein Händler früher Stunden verbrachte, gibt es heute bezahlbare und brauchbare Tools und Software-Lösungen. Marktplätze sind zudem immer noch eine, wenn nicht die Option für erste Gehversuche und Testläufe in Sachen Multichannel.

Ein Beispiel wie Kavaj, Hersteller hochwertiger Lederhüllen für iPhones und iPads, der fast aus­schließ­lich über Ama­zon ver­kauft, sich nahezu vollständig mit Google-Werbung und Social Media begnügt und es binnen weniger Jahre auf einen Millionenumsatz gebracht hat, ist da vielleicht einer der extrem herausragenden Mutmacher.

Was dort auffällt: Die Gründer Jörg Kund­rath und Kai Kle­ment haben aber schon lange vor dem ersten Verkauf Zahlen, Daten und Fakten gewälzt, weiß Online-Marketing-Rockstars.

Denn das ist womöglich des Pudels Kern, ist womöglich das Bit in den Bytes: Noch vor ein paar Jahren genügte es, einfach loszulegen. Heute geht nichts ohne das Wissen um den Markt, um das Wissen um die Zielgruppe und die Wettbewerber oder auch die passenden Kanäle und Keywords. Professionelle Vorbereitung zählt also - in allen Bereichen. Lange bevor die erste Shop-Domain beantragt wird. Das gilt auch für das Marketing. Da können Ideen manchmal weiter helfen als Budget.  Display-Marketing? Teuer. Google? Teuer oder komplex oder beides. Das Beispiel eines Shopify-Webshops für Macha-Tee zeigt sehr schön, wie eine erste Planung aussehen kann und weit eine clevere Idee und virales Marketing tragen kann.



Apropos Idee. Ist die vielbeschworene Nische die Lösung? Rund 100.000 Euro haben Waldemar Zeiler und Philip Siefer mit einer Crowdfunding-Kampagne bei Startnext zusammengetragen. Das reichte für den Start von Einhorn. Shop und Marke vom schrill verpackten Kondomen, die noch dazu fair und nachhaltig produziert werden. Hintergründe erzählt t3n.

Doch auch in Sachen Nische hat Buchautor Graf („Das E-Commerce Buch“) so seine Zweifel.

„Welcher Kunde braucht heute noch (einen weiteren) Onlineshop? Denken Sie mal zurück, wann Sie zuletzt einen neuen Onlineshop entdeckt haben, sich gefreut haben über die Art des Shops und die Produkte und dann dort auch gekauft haben. Fein. Wie oft waren Sie seitdem wieder dort und haben eingekauft? Kein Mal? Das ist aber schlecht, weil das Geschäftsmodell E-Commerce zu großen Teilen auf der Anzahl der Wiederkäufe basiert“, heißt es bei Upload.

Ganz chancenlos sieht Graf aber auch die Nische nicht.  Die Ideen müssten eben „extrem gut“ sein und in der Lage sein, sich zu verändern.

Dann klappt es, so sein Rat bei eye2eye, vielleicht auch mit dem kleinen Webshop, beispielsweise auf Wordpress-Basis, des stationären Händlers, der mit ein wenig Mühe gleich Geld verdienen kann, um dann Monat zu Monat zu schauen wie es weiter geht und was man in der Zwischenzeit lernen kann. Das aber klingt nach einem Fulltime-Job und macht das eigentliche Problem vieler Händler klar. Es ist scheitert manchmal nicht am Geld, sondern oft einfach an der Zeit.

Wen dennoch oder gerade trotzdem der Eifer packt, dem sei der Newsletter von eBay-Guru und Wortfilter-Macher Mark Steier empfohlen. Tipps für kommenden Millionäre inklusive.

Weiterer Lesetipp:  "Praxisführer E-Commerce: Schritt für Schritt zum erfolgreichen Einstieg in die Online-Welt". Autor Joachim Stoll, Geschäftsführer von koffer24.de und dem Traditionshaus Leder-Stoll in Frankfurt am Main, gilt als einer der Pioniere im deutschen Onlinehandel. Co-Autorin Sybille Wilhelm ist IT-Redakteurin beim Wirtschaftsmagazin „Der Handel". Das Buch erscheint im Buchverlag der dfv-Mediengruppe.

Offenlegung: Alexander Graf ist Referent beim Kongress etailment 2.015 im November in Frankfurt. Soeben ist von ihm "Das E-Commerce-Buch" (Co-Autor Holger Schneider) im Buchverlag der dfv Mediengruppe, zu der auch etailment gehört, erschienen. Graf ist Mitgastgeber des etailment-Videoformats "eye2eye".