Die Gartenbegeisterung der Deutschen beschert dem Fachhandel gute Geschäfte. Mit Dehner und Tengelmann wollen sich namhafte Händler jetzt auch online ihr Stück vom Umsatzkuchen sichern.

Noch steckt der Onlinehandel mit Gartenbedarf hierzulande in den Kinderschuhen. Das könnte sich aber bald ändern. Nach der Gartencenter-Gruppe Dehner hat jetzt auch die Tengelmann-Tochter Plus Online mit GartenXXL.de einen neuen Webshop für Gartenfreunde ins Netz gestellt.

Dass die Unternehmen hier Potenzial wittern, verwundert nicht.  Denn der Gartenmarkt ist ein Wachstumsmarkt. Die Deutschen lieben das Gärtnern: Gut ein Drittel besitzt einen Garten, der größer als 500 Quadratmeter ist, hat das Marktforschungs- und Beratungsinstitut YouGov herausgefunden.

Hinzu kommen rund fünf Millionen Kleingärtner sowie Städter, die unter dem Schlagwort "Urban Farming" auf Balkon & Co. unter die Selbstversorger gegangen sind.

Kultobjekt "Grünes Wohnzimmer"

In diesem Jahr hat der lange Winter den Händlern allerdings die Bilanz verhagelt. So ärgerte sich etwa Albrecht Hornbach, Chef des Baumarktbetreibers Hornbach Holding AG, über "die im Vorjahresvergleich ungünstigere Witterung", die sich negativ auf die Umsatzdynamik zum Jahresbeginn ausgewirkt habe.

Trotzdem werden die Umsätze im Gartenmarkt in diesem Jahr die 16-Milliarden-Euro-Hürde überspringen, prognostiziert das Forschungsinstitut marketmedia24 der BBE Handelsberatung. "Die Branche hat ihr Wachstumspotenzial längst noch nicht ausgeschöpft", ist zumindest BBE-Gartenexperte Dr. Ulrich Kollatz überzeugt.

Den Deutschen ist ihr Garten buchstäblich lieb und teuer: Die Pro-Kopf-Ausgabe  beträgt laut Kollatz 192,90 Euro. Das ist viel, wenn man diesen Wert mit den knapp 217 Euro vergleicht, die jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr für die Gestaltung seiner Wohnung ausgibt - Küchenausstattung ausgenommen.

Vor allem das "Grüne Wohnzimmer" entwickelt sich laut BBE zu einer Art Kultobjekt: Entsprechend dynamisch präsentierte sich das Marktsegment "Garden Living", dessen Marktvolumen von 2007 bis 2011 um 21,7 Prozent gestiegen ist. "Das Thema Grillen hat dabei die steilste Karriere hingelegt", berichtet Kollatz.

Gartencenter sind erste Anlaufstelle

Vom Gartenkult profitieren demnach auch die unter "Gardening" erfassten Gartengeräte, vor allem Innovationen wie kabellose Elektrorasenmäher oder Robotermäher kurbeln aktuell die Käufe an. "Allerdings sorgt hier ein Preisverfall dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen", dämpft der BBE-Gartenexperte allzu hohe Erwartungen.

Pflanzen sind demnach weiterhin das Schwergewicht im gesamten Gartenmarkt und wiesen 2012 mit rund zehn Milliarden Euro ein leichtes Plus aus. Die Renaissance der Nutzpflanzen könnte für neues Interesse in diesem Teilmarkt sorgen, schätzt Kollatz.

Noch ist der stationäre Handel für deutsche Hobbygärtner die wichtigste Quelle für Anregung und Ausrüstung: Rund sechs von zehn geben YouGov zufolge an, dass sie Anregungen für ihren eigenen Garten hauptsächlich im Gartencenter erhalten. Für drei von vier Befragten ist der Baumarkt die erste Anlaufstelle, wenn sie ein Gartengerät benötigen. "Die meisten Kunden schätzen sowohl die persönliche Beratung als auch die Möglichkeit, Produkte vor dem Kauf in Augenschein zu nehmen", erläutert YouGov-Vorstand Holger Geißler.

Branche hat Nachholbedarf im Netz

Doch Händler sollten sich nicht darauf verlassen, dass die Kunden nicht zu Onlinehändlern abwandern. "Neben ‚Wohnen‘ und ‚Do-it-Yourself‘ ist die Gartenbranche diejenige, die noch den größten Nachholbedarf im E-Commerce hat", begründet Bastian Siebers, Geschäftsführer von Plus Online, den Schritt ins Internet.

Von dem milliardenschweren Marktvolumen des Segments "Garten" entfielen derzeit nur rund 3 Prozent auf den Internethandel: "Wir erwarten einen Onlineanteil am Gesamtumsatz der Branche von rund 10 Prozent in vier Jahren", so Siebers. Er will GartenXXL als Online-Branchenprimus etablieren und ein dickes Stück vom Umsatzkuchen abhaben. Die Voraussetzungen dafür seien sehr gut, da es in Deutschland noch keinen eindeutigen Marktführer gebe, argumentiert er.

Dehner startet Multichannel-Angebot

Allerdings hat dabei Dehner auch noch ein Wörtchen mitzureden: Die Gartencenter-Gruppe hat im April einen Onlineshop eröffnet. Kunden können dort online bestellen oder die Verfügbarkeit in der nächstgelegenen Filiale prüfen - deren Standort der Onlineshop dem Kunden mittels Geotechnologie vorschlägt.

"Mit der Forcierung unserer Online-Aktivitäten wollen wir unseren Wachstumskurs weiter fortsetzen", erläutert Georg Weber, Geschäftsführender Gesellschafter von Dehner. Die meisten Käufer wollen seiner Meinung nach Blumen und Produkte im Geschäft sehen und erleben. "Aber eine immer größer werdende Anzahl von Kunden möchte sich schon vorher online informieren oder direkt im Netz bestellen", ist Weber überzeugt.

Zum Start des neuen Onlineshops sind 18.000 Artikel aus den Bereichen Garten und Zoo, darunter Saatgut, Blumenzwiebeln, Gartentechnik, -möbel und -zubehör, Wohndekoration sowie Tiernahrung verfügbar. Eine weitere Besonderheit: Alle Gartencenter wurden mit iPads ausgestattet, damit Mitarbeiter gemeinsam mit dem Kunden online weitere Produktinformationen abrufen oder weitere Anwendungsszenarien des Produktes zeigen können. Damit will Dehner zusätzliche Kaufanreize setzen und dem Kunden beispielsweise aus exklusiven Onlineshop-Sortimenten passende Produkte anbieten.

Sybille Wilhelm

Dieser Artikel ist in der Mai-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten Sie hier.