Friseur, Nagelstudio oder Metzger - an wenigen ehemaligen Schlecker-Standorten wird wieder mit Drogeriewaren gehandelt. Wer sich dafür entscheidet, braucht vor allem eins: einen langen Atem.

Dass Schlecker keine Stammkunden hatte, hält Daniela Snajdr für ein Gerücht. "In Iffezheim traf das nicht zu", sagt die 21-Jährige. Sie hat die Filiale im oberrheinischen Städtchen mit ihrer Mutter Jirina im März als "Dani’s Drogerie" neu eröffnet. Dass auch die Umsätze zu Schlecker-Zeiten stimmten, wussten beide, schließlich war Jirina Snajdr lange dort beschäftigt.

Vor allem Einzelunternehmer wie die Snajdrs haben alte Schlecker-Flächen bezogen - allerdings in den seltensten Fällen, um mit Drogeriewaren zu handeln. Von Nagelstudios, Cafés bis hin zu Tätowierern und Kinderbetreuung ist alles vertreten. Gut anderthalb Jahre nach der Insolvenz steht der überwiegende Teil der Schlecker-Flächen aber immer noch leer. Und daran wird sich so schnell wohl nichts ändern.

Schlecker-Läden sind zu klein für Filialisten

Das ist spätestens klar, seit die Pläne des Österreichers Rudolf Haberleitner geplatzt sind, der mehrere Hundert Schlecker-Standorte mit dem Nahversorgungsformat "Dayli" wiederbeleben wollte. Im Juli musste er selbst Insolvenz anmelden.

Dass sich unter den Schlecker-Nachmietern so wenige Drogeriemärkte finden, liegt an den Flächenansprüchen der großen Filialisten. dm-Drogeriemarkt eröffnet zwar in diesem Jahr 130 neue Standorte, winkt aber inzwischen bei weniger als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche und 40 Parkplätzen sofort ab. So mancher Bürgermeister einer unterversorgten Kommune bekam dies schon als Antwort auf seine Anfrage mitgeteilt.

Dieselben Bürgermeister rufen häufig auch bei Christina Frank an. Die Verdi-Sekretärin unterstützt ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen sowie Kommunen im Südwesten bei der Gründung von "Bürgerdrogerien" nach einem Genossenschaftsmodell. Der erste "Drehpunkt"-Markt öffnete Ende 2012 in Erdmannhausen bei Stuttgart.

Langer Leerstand erschwert den Neustart

Inzwischen hat sich bei Christina Frank Ernüchterung breit gemacht. "Es ist ein ständiger Kampf", sagt die Gewerkschafterin. Seit Monaten wirbt sie bei Gemeindevertretern, Kirchen, Privatleuten und Vermietern um Spenden, die als Darlehen an die Läden gehen. "20 Prozent Eigenkapital, die für die Bankfinanzierung erforderlich sind, zusammenzubekommen ist schwer", sagt sie.

Durch den Verkauf von Wertmünzen ("Stützlis") kommen pro Standort 5.000 bis 6.000 Euro zusammen. "Das reicht bei Weitem nicht." Von den angepeilten 100 Drehpunkt-Drogerien sind erst sechs in Betrieb, acht weitere sollen 2013 noch folgen. Christina Frank geht das zu langsam. "Jede Verzögerung ist ärgerlich. Je länger ein Markt geschlossen ist, desto schwieriger wird es, die Kunden zurückzuholen."

"Wir wollten unabhängig sein"

Probleme mit den Banken hatten die Gründerinnen von Dani's Drogerie nicht. 20.000 Euro brachten sie als Startkapital mit, ein Kredit über 70.000 Euro wurde anstandslos gewährt. Auf Unterstützung durch Gewerkschaft oder Unternehmensberater haben sie bewusst verzichtet. "Wir wollten unabhängig sein", sagt Daniela Snajdr, "auch in der Wahl unserer Lieferanten." Ihr umfangreiches Sortiment bezieht sie neben dem Hauptlieferanten Rewe Für Sie von verschiedenen Schreib- und Haushaltswarengroßhändlern, aber auch Restpostenanbietern.

Dass die Hausbank vom Geschäftsplan überzeugt war, lag daran, "dass wir von Anfang an realistisch kalkuliert haben, nämlich mit der Hälfte des früheren Umsatzes", sagt die Jungunternehmerin. Die Frauen leisten sich nur eine Aushilfe auf 450-Euro-Basis. Auch bei der Ladeneinrichtung blieben die Kosten im Blick. "Das Schlecker-Inventar einfach zu entsorgen, kam nicht infrage."

Ein Wochenende lang schrubbten die Frauen Regale und kratzten Schlecker-Aufkleber von 30 Präsentationsständern. "Wichtig ist, dass man so einen Schritt nicht aus Verzweiflung, sondern aus Überzeugung tut", sagt Snajdr. Für Dani's Drogerie hat die gelernte Automobilkauffrau ihre Stelle gekündigt - und den Schritt bislang nicht bereut.

Auch der Unternehmensberater Frank Marggraf glaubt, dass es Schlecker-Kunden gibt, die ihrem Markt bis heute nachtrauern. "Die Kundenbindung bestand vor allem aufgrund persönlicher Beziehungen." In Berlin-Karow hat er die Gründung des Drogeriemarktes "Hautnah" begleitet, der im März in einer ehemaligen Schlecker-Filiale eröffnete. Drei weitere Standorte sind in Vorbereitung, sagt Marggraf, der im Internet gezielt um ehemalige Schlecker-Angestellte wirbt.

Erwartungen mussten heruntergeschraubt werden

Das Beispiel des Karower Ladens zeigt aber erneut, dass bei Schlecker-Nachfolgekonzepten bisweilen auch falsche Hoffnungen geweckt werden. Der Unternehmer Stephan Friedrich hat ihn als zweites Standbein eröffnet, stolze 160.000 Euro in eine neue Ladeneinrichtung und den Warenerstbestand gesteckt und alle drei ehemaligen Mitarbeiterinnen in Vollzeit wieder eingestellt.

Einen herben Rückschlag gab es bereits wenige Wochen nach Geschäftsbeginn, als in 800 Meter Entfernung ein dm-Drogeriemarkt eröffnete. "Wir waren gezwungen, mit den Preisen runterzugehen", sagt Friedrich. Das Personal hat er auf einmal Vollzeit, einmal Teilzeit und einen Minijob heruntergeschraubt. "Und auch das ist bei der Umsatzlage eigentlich nicht drin", sagt Friedrich, der in der Zwickmühle steckt. Denn eigentlich sollte Hautnah, anders als Schlecker seinerzeit, mit Beratung punkten.

Ulrike Sanz Grossón


Dieser Artikel ist in der September-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier.