Das Kaufhaus Schickedanz steht für den Neuanfang des Versenders Quelle nach dem Krieg. In dieser Woche wird es in Hersbruck wieder eröffnet. Die Redaktion von Der Handel war vor Ort.

Der Gang über den Dachboden ist wie eine Zeitreise in die Siebzigerjahre. In den Pausenräumen stehen grellorange Plastikstühle, es riecht fremd nach Kunststoff früherer Jahre. Bis die Zukunft auch hier oben beginnt, wird noch eine Weile vergehen. Denn bisher hatte Harald Herbrig nur Zeit für das große Ganze - und das war die Rettung eines deutschen Einzelhandelsymbols.

Herbrig sagt, dass dieses kleine Kaufhaus für die Familie Schickedanz eine Herzensangelegenheit sei. 1946 hat Grete Schickedanz, die Frau des legendären Quelle-Gründers Gustav Schickedanz, in der Hersbrucker Braugasse einen Textilladen eröffnet, daraus wuchs das Kaufhaus, „Lädle" genannt, und zwei Jahre später startete Quelle den Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg.

Quelle machte das Kaufhaus 2008 dicht

Der Quelle-Konzern, der zuletzt dieses Objekt von der Grete Schickedanz-Tochter Madeleine gepachtet hatte, machte den Laden Ende 2008 dicht - und wollte ihn nach einem Umbau erst nach zwölf Monaten wieder neu eröffnen. „Das wäre der Tod des Kaufhauses gewesen", sagt Herbrig. „Wir sind ein Nahversorger. Wenn der für einen längeren Zeitraum schließt, sucht der Kunde andere Einkaufsstätten."

Auch die Familie Schickedanz wollte, dass er das Stammhaus in ihrem Heimatort so schnell wie möglich übernimmt - ab Herbst 2008 verhandelte Herbrig mit Quelle. Anfang Mai dieses Jahres löste der Konzern den Betreibervertrag auf - und Herbrig wurde neuer Pächter.

Der richtige Mann am richtigen Ort

Der hemdsärmlige Berliner ist in Hersbruck der richtige Mann am richtigen Ort. 30 Jahre lang war der heute 52-Jährige bei Quelle, stieg bis zum Vertriebschef Deutschland auf - und war bis 2002 unter anderem ausgerechnet für den Standort Hersbruck verantwortlich. Das Unternehmen verließ er 2006.

Im Juli vorigen Jahres übernahm Herbrig in Waldmünchen (7.100 Einwohner) in der Oberpfalz das kleine Kaufhaus Reitmeier, hat dort das Sortiment aufgefrischt, einen Technikladen sowie Internetversand angeschlossen und dem betagten Warenhaus innerhalb weniger Monate steigende Umsätze beschert.

Prinzip Waldmünchen

Was in Waldmünchen funktioniert, sollte auch in Hersbruck (12.500 Einwohner) nicht schief gehen - so lautet Herbrigs Plan. Er hatte die Familie Schickedanz überzeugt, Geld in das abgenutzte Kaufhaus zu investieren. Etwa 500.000 Euro wurden und werden daraufhin in neue Fenster, schönere Fassade und Inneneinrichtung gesteckt.

Am 23. Juli soll die Wiedereröffnung sein. „Grete-Schickedanz-Kaufhaus" soll das alte, neue Objekt in der gemütlichen Fußgängerzone heißen. Schon im Mai hatte Herbrig wenige Meter vom Kaufhaus entfernt ein Technikcenter mit Weißer und Brauner Ware eröffnet. Gegenüber ein Schnäppchen-Markt, der jetzt schon gut 1.000 Kunden am Tag anzieht. Auch ein Spiel- und Schreibwarengeschäft soll bald hinzukommen. Diese drei Immobilien gehören nicht der Familie Schickedanz, sondern anderen Vermietern.

Solider Nahversorger

Herbrig wird in einer veränderten Form das fortführen, was in Hersbruck einst verheißungsvoll einmal als „Schickedanz-Arkaden" geplant war, aber nie umgesetzt wurde. Für viele Millionen Euro wollte die Familie Schickedanz das „Lädle" zu einem Einkaufspalast umbauen mit verglastem Giebel und Rolltreppen. Noch im Januar dieses Jahres wurde diese Vision der ­Öffentlichkeit präsentiert.

Eine Kleinstadt wie Hersbruck braucht aber keinen Pomp, sondern ein solides Nahversorgungsangebot. Mit 3,5 Millionen Euro Jahresumsatz kalkuliert Herbrig, eingekauft wird bei der EK/servicegroup und Intersport. Der Sortiment-Schwerpunkt soll bei Textilien legen - im Angebot werden dabei Marken wie Madonna, Esprit oder One Touch sein.

Anbieten, was es im Ort noch nicht gibt

Im Schickedanz-Kaufhaus soll nur angeboten werden, was es am Ort noch nicht gibt. „Wir müssen uns nach den lokalen Anbietern richten", sagt Herbrig, und nennt damit einen wesentlichen Erfolgsfaktor für mittelständische Warenhäuser, von denen es in Deutschland mehr als 300 gibt.

Herrenanzüge werden bei Schickedanz nicht geführt, weil es wenige Meter weiter dafür einen alteingesessenen Fachhändler gibt. Auch auf Parfümerie- und Drogerieartikel wird verzichtet, schließlich bietet hier eine Müller­Filiale das größere Sortiment. Dafür wird es im Kaufhaus Schickedanz Kurz- und Haushaltswaren geben, dazu ein kleines Uhren- und Schmucksortiment.

Alter und neuer Geschäftsführer des Herbrucker Kaufhauses ist Frank Tiedmann - ein langjähriger Weggefährte von Herbrig bei Quelle, und ebenfalls Berliner. 29 Mitarbeiter sollen aus der alten Belegschaft (68 Beschäftigte) übernommen und in allen Häusern des kleinen Hersbrucker „Herbrig-Imperiums" tätig werden.

Besser ohne Konzern

Herbrig sagt, dass ein kleines Kaufhaus besser läuft, wenn es aus den teuren Konzernstrukturen gelöst wird: „Der Wasserkopf ist jetzt weg." In der Praxis bedeutet das, dass die Glühbirnen selber ausgewechselt oder die alte EDV wieder aktiviert werden.

Für Tiedmann war es ein fast existenzielles Erlebnis, dass er als gelernter Heimtextilfachmann einen internetfähigen Computer zum Laufen gebracht hat. Neuerdings muss für den Telefonanschluss nur noch 50 Euro Flatrate im Monat bezahlt werden - egal, wie viele Apparate angeschlossen sind. Als das Kaufhaus zum Quelle-Konzern gehörte, kostete jeder einzelne Apparat extra.

Persönliche Note zählt

Auch das Marketing steuern Herbrig und Tiedmann jetzt in Eigenregie - eine selbstgestaltetes Faltblatt wirbt in Herbruck und Umgebung für Technik-Fachgeschäft und Schnäppchenmarkt. Wichtiger Bestandteil dieses Werbeträgers ist ein Foto mit allen Mitarbeitern. In kleinen Städten wollen die Verbraucher wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Und sie schätzen Service. So gehört es zum guten Ton im Technikcenter, dass beispielsweise eine gekaufte Waschmaschine noch am selben Abend zum Kunden geliefert wird.

Kaufhaus mit Biergarten

Der alte Quelle-Fahrensmann Herbrig findet es amüsant, wenn von Einkaufsinszenierung gesprochen wird, als seien hier Revolutionen erforderlich. „Die kleinen Städte haben doch schon Ambiente und Flair. Was denen meist fehlt, ist nur ein gemeinsames Auftreten."

Frank Tiedmann weiß ohnehin den Standortvorteil für das Hersbrucker Warenhaus zu schätzen. „Wir sind das einzige Kaufhaus Deutschlands mit einem Biergarten vor der Eingangstür." Was für Perspektiven!