Von Velbert bis München: Viele ehemalige Hertie-Filialen sind wieder geöffnet oder noch im Umbau. Es sind dabei nicht nur neue Fachmarktzentren, die beweisen, dass diese Standorte attraktiv sind.

Was das Gegenteil von besenrein ist, musste Stephan Schnitzler erfahren, als er die Hertie-Filiale in Mettmann in Augenschein nahm. "Schlichtweg vermüllt" sei dieses Haus gewesen, erinnert sich der Prokurist von Phoenix Development in Bonn, dem neuen Eigentümer der Immobilie. Selbst Sondermüll wie Batterien musste entsorgt werden.

Die Phoenix-Leute fanden sogar datenschutzrechtlich brisantes Material: Das frühere Hertie-Personal hatte auch die Kartei mit Namen von Ladendieben zurückgelassen.

Einen Parkplatz dazu gekauft

Vor gut einem Jahr erwarb der Projektentwickler Phoenix die Filiale vom bisherigen Eigentümer Dawnay Day, den Kaufpreis will Schnitzler nicht nennen. Derzeit wird das Gebäude entkernt, es folgt eine gut einjährige Umbauzeit - im Frühjahr 2011 soll das Haus dann unter dem Namen "Königshof-Galerie" in neuem Glanz erstrahlen. Phoenix will ein modernes Einkaufszent­rum bauen.

Um die dafür benötigte Verkaufsfläche auf 13.500 Quadratmeter zu verdoppeln, hat das Unternehmen von der Stadt Mettmann noch einen Parkplatz erworben.

Die "Königshof-Galerie" wird künftig aus drei Objekten bestehen: einem Altbau, einem Neubau auf dem bisherigen Parkplatzgelände sowie einem Parkhaus. Schnitzler beabsichtigt ein "gehobenes Mieterniveau". Die Vermarktung der Flächen übernimmt Rusche Retail Business Consult in Solingen. Rewe wird einer der Ankermieter.

Ende mit Zerwürfnis

Am 15. August 2009 wurden alle verbliebenen 54 Hertie-Filialen für immer geschlossen. Etwa 2.600 Menschen verloren durch die Insolvenz der Warenhauskette ihre Jobs und viele Städte ihren Einkaufsmagneten. Der monatelange Streit zwischen Dawnay Day, dem ebenfalls insolventen englischen Eigentümer der Immobilien, und Hertie-Insolvenzverwalter Biner Bähr endete in einem Zerwürfnis.

Wie gefragt die alten Hertie-Standorte sind, beweist ein Blick auf über die bereits verkauften Filialen. Phoenix Development hat auch das Haus in Wesseling südlich von Köln erworben und will ebenfalls ein Innenstadtcenter errichten. Zudem interessiert sich der Projektentwickler für das schönste aller Hertie-Häuser - den denkmalgeschützten Jugendstilbau in Görlitz.

Schon im Dezember 2009 hat die ECE-Gruppe das Objekt in Essen-­Altenessen gekauft. Dieses Haus gehört zum Allee-Center, das die ECE betreibt. Das zur Schwarz-Gruppe gehörende SB-Warenhausunternehmen Kaufland hat allein sechs Häuser erworben, der Flensburger Immobilienentwickler Hanse-Kontor will neun Filialen übernehmen.

Hahn Gruppe wandert ins Zentrum der Städte

In Erkrath wird die Hahn Gruppe, ein Spezialist für großflächige Einzelhandelsimmobilien, ein Fachmarktzentrum erstellen. Ankermieter wird hier der bisherige Ergänzungsmieter Rewe sein, der seine derzeitige Fläche von 1.600 auf 3.200 Quadratmeter ausweiten will. Die Eröffnung des Centers ist für Juni dieses Jahres geplant.

Für die Hahn Gruppe ist das Projekt der Beginn eines Strategiewechsels hin zu innerstädtischen Objekten. Bislang konzentrierte sich das Unternehmen auf Fachmarktzentren in der Peripherie.

Kritik an den Banken

Dirk Richter hat am 22. Oktober 2009 in München-Fürstenried das erste ehemalige Hertie-Haus nach der Insolvenz der Warenhauskette wieder eröffnet. Als Geschäftsführer der 31 Jahre alten Kaufhaus am Ostbahnhof GmbH & Co. KG betreibt er noch zwei weitere kleine Warenhäuser in München, eines am Ostbahnhof, ein zweites im Stadtteil Pasing unter dem Namen der früheren Einkaufsgemeinschaft Kaufring.

Der Standort Fürstenried ist eines der wenigen Häuser, das nicht zum Portfolio von Dawnay Day gehörte. Richter war sich schnell mit dem Eigentümer, der Münchener Siedlungsgesellschaft Bavaria, einig. Die EK/servicegroup und Katag unterstützten den Neustart als Lieferanten - nur die Banken machten Sorgen. "Die meisten Finanzhäuser winken ab, wenn sie die Begriffe Einzelhandel und Warenhaus hören", klagt der Unternehmer.

Gerade einmal 150.000 Euro Kredit

Nach wochenlangen ergebnislosen Verhandlungen mit Kreditinstituten fand sich die Raiffeisenbank München Süd, um ein Darlehen in Höhe von 150.000 Euro zu gewähren. 600.000 Euro steuerten die 20 Kaufring-Gesellschafter per Kapitalerhöhung und Darlehen bei.

Drei Viertel der alten Belegschaft wurden übernommen, dazu kamen noch einige Kräfte aus der geschlossenen Hertie-Filiale im Münchener Stadtteil Laim. 43 Mitarbeiter sind heute in Fürstenried beschäftigt.

Günter Dechant ist der alte und neue Geschäftsführer und sagt, dass er heute wieder zu der Arbeit komme, die er am meisten an seinem Job mag: Verkaufen. Zu Hertie-Zeiten habe sein Tagwerk aus Verwaltungstätigkeiten bestanden, "es gab eine tägliche Flut an E-Mails aus der Zentrale", klagt er.

Zusammen mit Richter haben die ehemaligen Hertie-Mitarbeiter aus dem Standort Fürstenried ein schmuckes Nachbarschaftskaufhaus gemacht mit Schwerpunkten auf Haushalts-, Spiel- und Lederwaren, Elektrokleingeräten sowie einem deutlich größeren Modeangebot. Die Marken Tally Weill, edc und Madonna gibt es bereits, "Gerry Weber wollen wir noch haben", erklärt Dechant. Richter glaubt, dass sein drittes Kaufring-Haus schon in diesem Jahr Gewinn abwerfen wird.

In Velbert heißt es: "Den Blick nach vorne richten"

600 Kilometer weiter nördlich ist mit dem Hertie-Aus ein Ruck durch den Einzelhandel der Stadt Velbert im Bergischen Land gegangen. Die ­Filiale zählte zu den größeren Häusern des Warenhauskonzerns, die 7.000 Quadratmeter Verkaufs- und insgesamt 14.000 Quadratmeter Nutzfläche beschreiben gar ein Viertel der innerstädtischen Einzelhandelsfläche.

Nils Juchner trauert nicht über das Ende des Hauses. „Den Blick nach vorne richten", war der Anspruch des früheren Filialleiters in Velbert. Er wechselte auf den Posten des Geschäftsführers der City­Marketinggesellschaft und entwickelte ein Konzept, mit dem die Velberter Einzelhändler das Sortiment von Hertie übernehmen sollten, damit die Kunden weiter wie gewohnt einkaufen konnten.

Dafür durften die Händler in den Schaufenstern des geschlossenen Warenhauses werben. Nach dem Motto: "Was Sie nicht mehr bei Hertie finden, gibt es jetzt eine Straße weiter."

In der Fußgängerzone finden die Kunden sogar neue Läden, die es zu Hertie-Zeiten nicht gegeben hat. Die Velberter Filiale war im Warenhauskonzern eine herausragende, in die noch spät investiert wurde. Adidas, Jack Wolfskin und die Modekette Steilmann eröffneten hier beispielsweise Shop-in-Shop-Flächen - die so gut liefen, dass Jack Wolfskin mittlerweile in Velbert einen eigenen Shop betreibt. Gerry Weber wird am 25. März mit einem eigenen Geschäft nachziehen.

Aufschwung in Velbert

Velbert emanzipiert sich von Hertie. Seit dem Aus der Filiale wurden die Pläne für ein neues Shoppingcenter inklusive Kino und Volkshochschule mit insgesamt 20.000 Quadratmetern Fläche forciert. Das Center soll nur wenige hundert Meter von Hertie entfernt gebaut werden. Die 85.000-Einwohner-Stadt will verhindern, dass die Konsumenten im nahen Wuppertal oder Düsseldorf einkaufen.

Und Juchners Wunsch nach einer Revitalisierung seines alten Hertie-Hauses ist mittlerweile in Erfüllung gegangen. Nachdem wochenlang hier ein Restpostmarkt logiert hat, ist wurden immerhin 1.000 Quadratmeter der Verkaufsfläche an an die x friends GmbH vermietet. x friends bietet laut Mitteilung der Velberter Stadtverwaltung zunächst im Erdgeschoss Bekleidung, Heimtextilien, Haushaltswaren sowie weitere Sortimentsbereiche an und steht unter dem Dach der Casasensi AG mit Sitz in Essen.
 
x friends ist Ende Februar auch auf 1.200 Quadratmeter des ehemalige Hertie-Hauses in Herne eingezogen. In Essen-Steele ist ein weiterer Standort.

Sollte sich das das Geschäft für x friends in Velbert lohnen, könnte das Unternehmen sein Engagement hier ausweiten. Der Restpostenmarkt muss dann das Gebäude, das ebenfalls Dawnay Day gehört, besenrein hinterlassen.

Steffen Gerth

Dieser Artikel ist in der März-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Klicken Sie hier um ein kostenloses Probeexemplar anzufordern.