Die Läden müssen auch sonntags offen sein, damit wir gegen das Internet eine Chance haben. Sagt der klassische Handel. Wird das aber auch von den Statistiken gedeckt? Ja. Nein. Denn für jeden Zweck sind entsprechende Studien-Ergebnisse greifbar.

Im Einzelhandel hat ein Kampf begonnen. Der Kampf um den verkaufsoffenen Sonntag. Während der Handelsverband Deutschland (HDE) die politische Flanke besetzt, argumentiert die "Initiative selbstbestimmter Sonntag" aus Unternehmenssicht. Gefühlter Anführer der mit dem HDE abgestimmten Bewegung ist Karstadt-Chef Stephan Fanderl beim Trommeln für die Ausweitung der Sonntagsöffnungszeiten im stationären Handel.

Das Argument: Weil die Läden fast immer sonntags geschlossen haben, kaufen die Verbraucher woanders ein - im Internet. Und dieser Wettbewerbsnachteil wird als ungerecht empfunden. Man wolle "Waffengleichheit", war eine der Forderungen der Initiative, der auch Kaufhof sowie der Shoppingcenter-Betreiber Unibail Rodamco angehören.

Böser, böser Onlinehandel

Und schon war die Front aufgemacht zwischen dem bösen und immer bereiten Onlinehandel, der die Umsätze des Offlinegeschäftes auffrisst. Stimmt ja gar nicht, beeilte sich der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) zu versichern, und bemühte sich, diese Behauptung mit einer Studie zu untermauern: Der beliebteste Wochentag fürs Online-Shopping ist demnach bei 30 Prozent der Befragten der Samstag. Freitags klicken sich 16 Prozent durchs Netz - und erst auf Platz drei folgte der Sonntag (15 Prozent). Generell würden die meisten Onlinekäufe am Abend, also zwischen 18 und 24 Uhr getätigt. Sagt der bevh.
 Was die Befragung von 1.000 Konsumenten bezwecken sollte, ist logisch: Beweisen, dass der Onlinehandel gar nicht böse ist. Leider wurde die Studie etwas zu spät fertig und kam daher nicht rechtzeitig auf den Markt, so dass sie ihre beabsichtigte Wirkung verfehlte. Die "Initiative Selbstbestimmter Sonntag" hatte bis dahin das mediale Feld abgeerntet.

Bei einer Studie ist nicht nur das Ergebnis interessant

Nun sind bei Studien stets nicht nur deren Ergebnisse zu bewerten - sondern auch, wer sie in Auftrag gibt. Die obersten Lobbyisten des deutschen Onlinehandels musste nach dem Vorpreschen der stationären Konkurrenz in den Verteidigungsmodus schalten. 

Es gibt jedoch zu dem Thema jede Menge Studien und Untersuchungen. Der E-Commerce-Papst Gerrit Heinemann verweist auf eine Statistik aus dem Jahr 2014, als das Shoppingportal Hitmeister bei den Verbrauchern fragte, wann man denn im Internet einzukaufen gedenke. Das Ergebnis dieser Langzeitstudie von 2012 bis 2014: montags, knapp dahinter sonntags. "Und diese Studie ist heute noch relevant", sagt Heinemann.

Machen wir einfach mal den Praxistest

Montags? Hm. Das ist bekanntlich der maueste Tag im stationären Handel. Weil die Leute alle ihre virtuellen Warenkörbe füllen? Hm. Gut, immerhin funkelt in der alten Hitmeisterstudie der Sonntag schon bedrohlich. Ist also was dran an der Angst von Karstadt und den anderen? Und ist damit die Erhebung des bevh wertlos?

Jenseits der Studien hilft zuweilen ein Praxistest - bei Onlinehändlern. Doch viele Unternehmen drücken sich vor Antworten. Amazon verschweigt auf Anfrage von Etailment den Haupteinkaufstag ebenso wie Zalando. Das überrascht nicht. Denn wer sich bei diesem Thema aus der Deckung wagt, riskiert, dass die Konkurrenz genau an diesem Tag mit Werbung gegensteuert und Kunden auf ihre Seiten zieht.

Amazon und Zalando mauern. Otto nicht.

Es gibt aber Unternehmen, die weniger verschlossen sind als Amazon oder Zalando. Outfittery, zum Beispiel. Beim Anbieter für den kuratierten Herrenmodeeinkauf heißt es ehrlich: Die Männer suchen vor allem am Wochenende nach dem passenden Textil, und der Sonntag ist dabei der präferierte Tag.

Ebenso offen ist auch Otto.de, hinter Amazon die Nummer zwei im deutschen Onlinehandel. "Sonntags haben wir die höchste Frequenz und die meisten Käufe", sagt ein Sprecher. Vor allem abends werde die höchste Aktivität auf der Seite registriert. Das deutet auf das Modell "Second Screen" hin: Man schaut sich im TV den "Tatort" an, während parallel per Tablet oder Notebook auf dem Schoß im Netz eingekauft wird. Am Dienstag wiederum registriert Otto enorme Aktivitäten bei der mobilen Rückverfolgung des Versandes der Pakete.

Und noch bemerkenswerter sieht es beim Online-Optiker Mister Spex aus: „In unserem Onlineshop messen wir am Sonntag die meiste Aktivität. Dieser Trend ist aber auch in unseren Stores an verkaufsoffenen Sonntagen zu erkennen, die von Kunden immer sehr hoch frequentiert sind", heißt es auf Anfrage von Etailment. Also: Der Sonntag ist hier sogar ein Multichannel-Tag.

Das IFH sagt: Das Wochenende gehört der Freizeit

Die Sorgen von Karstadtchef Fanderl wirken also plausibel. Doch da gibt es schon die nächste Studie, diesmal vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH). Hier heißt es, dass lediglich 23 Prozent der Konsumenten am Wochenende online einkaufen, der Rest dagegen unter der Woche, am Nachmittag oder am Abend.

Dreiviertel der Deutschen bestellen unter Woche im Netz? Ja, sagt das IFH: "Das Wochenende bewahren sich die Online-Shopper für andere Freizeitaktivitäten auf. Ergo: Onlinehändler erreichen ihre Kunden am besten unter der Woche zwischen 14 Uhr und 21 Uhr im Netz."

Das ist verblüffend. Könnte aber damit erklärt werden, dass viele am Sonntag im Netz recherchieren, eine Nacht darüber schlafen - und dann am Montag am PC im Büro bestellen. Wohin es dann auch geliefert wird. 

Immer wieder montags

Die Büro-These stützt ein bisschen auch die nächste Studie - diesmal vom Vergleichsportal Check24. Denn hier ist wie beim IFH der Montag der populärste Onlineeinkaufstag. Zumindest wenn es um Einkäufe über im Shoppingbereich bei Check24 geht. Samstags kauft diese Klientel am wenigsten auf der Seite ein. 
© obs/CHECK24.de
Aber was ist mit dem Sonntag? Der liegt knapp nach dem Montag auf Rang zwei. Karstadtchef Fanderl wird nun wieder sagen: Seht ihr, der Sonntag! Doch die Check24-Leute sagen: "Die Stoßzeit für Onlinebestellungen ist zwischen 20 und 22 Uhr, zur Primetime im TV." Das überrascht auch weniger, denn zu dieser Zeit klotzt das Vergleichsportal mit TV-Spots. Doch dann haben ja die meisten Läden geschlossen. Montags, sonntags, immer. Also doch alles kein Problem für den stationären Handel?
Fazit: Nichts ist klar. Oder zumindest gibt es keine Eindeutigkeit. Jede Studie hat ihre Logik, weil jeder Auftraggeber seine Zwecke hat. Doch die Behauptung, dass der Sonntag eine eher untergeordnete Bedeutung beim Onlinekauf hat, ist gewagt. Zumal ja der Rückstand zum Montag oft nur hauchdünn ist. Der Kampf des stationären Handels wird also weitergehen.

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