Ein Unternehmensgründer macht bekannten Branchengrößen erfolgreich Konkurrenz auf deren ureigensten Geschäftsfeldern. Eine Erfolgsgeschichte, die ohne Amazon nicht möglich wäre.

Ein Ingenieur bei Google gibt seinen Job auf, um sein eigenes Unternehmen zu leiten. Was wie der schablonenhafte Anfang eines Märchens aus dem Silicon Valley klingt, war die Geburtsstunde eines Unternehmens mit dem deutschen Namen Anker. Sein Gründer Steven Yang hatte eigentlich nur seiner Freundin helfen wollen. Die verkaufte per Dropshipping über Amazon und der Software-Entwickler programmierte in seiner Freizeit eine Software, um die Bestellabwicklung möglichst zu automatisieren. Das war die Initialzündung zu der Idee, etwas Eigenes machen zu wollen.

Anker will Problemlöser für die Kunden sein

Als Yang im Juli 2011 seinen Job kündigt, will er seinen zukünftigen Kunden dabei helfen, ein Problem zu lösen, das auch heute noch existiert. Wer sein Notebook intensiv nutzt, kommt früher oder später nicht um die Anschaffung eines neuen Akkus herum. Aufgrund irreversibler chemischer Prozesse erschöpft sich die Nutzungsdauer der Energiequelle im Laufe der Zeit. Und damit steckt der Kunde in einem Dilemma. Er hat die Wahl, einen Ersatzakku direkt vom Hersteller zu kaufen. Doch die Originalersatzteile werden zu, vorsichtig formuliert, sportlichen Preisen angeboten. Preisbewusste Kunden werden nach einer Alternative suchen. Und die gibt es auf dem ersten Blick reichlich. Viele Händler bieten auf Marktplätzen Ersatzakkus an, darunter teilweise auch Originalteile. Doch leider erweisen sich die "Originalersatzteile" nicht selten als gut gemachte Produktfälschungen, die im besten Fall zu wenig Energie liefern, im schlimmsten Fall sogar gefährlich sind. Oder die Akkus halten schlicht nicht das, was die Produktbeschreibung versprochen hat. Und genau dieses Dilemma will Yang mit seiner Firma Anker lösen. Preiswerteren Ersatz für Originalakkus liefern, denen die Kunden vertrauen können.

Am Anfang verstand Yang viel von Amazon und der Entwicklung von Software, aber nichts vom Geschäft mit Hardware.

Die Anfangstage von Anker
Als Yang diese Idee hatte, verstand er zwar eine Menge von Amazon und auch von Softwareentwicklung, allerdings noch nichts von der Materie. Er musste sich auf die Suche nach Produzenten machen, denen er selbst vertrauen konnte, um ein Produkt in hoher und gleichbleibender Qualität liefern zu können. Es folgte ein arbeitsreiches Jahr für die noch junge Firma, die sich aus Ersparnissen und Zuschüssen der Eltern finanzierte und auch die Übersiedlung von Yang nach China notwendig machte. Wie er in einem Interview mit dem Wall Street Journal verriet, wurde ihm rasch klar, dass es keinen Sinn ergab, in Kalifornien auf neue Produktmuster und Prototypen zu warten, die aus China eintrafen. Damit würde viel zu viel Zeit verloren gehen. Schließlich wurden 2012 die ersten Akkus unter eigenem Namen über Amazon verkauft.

Der Durchbruch kam mit dem Smartphone

Die besten Produkte sind sinnlos, wenn es dafür keinen Markt gibt. Zum Erfolg von Anker tragen zwei Umstände besonders bei. Zum einen die wachsende Nutzung von Smartphones, zum anderen, deren Hunger nach Energie. Obwohl die Kapazitäten der verbauten Akkus immer größer werden, ist nach spätestens einem Tag der Anschluss an eine externe Stromquelle notwendig. Und irgendwie sind die Akkus des Geräts immer dann nahezu erschöpft, wenn es der Besitzer am wenigsten gebrauchen kann. Damit war das erste Marktsegment für Anker hinreichend definiert. Schon bald entstanden Akkus, die eine höhere Kapazität boten, aber trotzdem in die Geräte passten. Eine lukrative Nische. Bereits im ersten Jahr wuchs die Zahl der Bestellungen pro Tag von 100 um den Faktor 10.

Anker Gründer Steven Yang über Gründung

Konsequenter Ausbau der Palette

Ersatzakkus lassen sich natürlich nur dort einsetzen, wo der Anwender auch ohne Werkzeug die Energiequelle seines Smartphones austauschen kann. Powerbanks, also externe Akkus, machen den Besitzer flexibler und mobiler. Und konsequenterweise hat Anker seine Produktpalette nicht nur auf diese externen Stromquellen erweitert, sondern gleich noch um eigene Netzteile, die in der Lage sind, angeschlossene Geräte schneller aufzuladen. Eben nicht nur die externen Akkus, sondern auch direkt angeschlossene Smartphones und Tablets. Um den maximal möglichen Ladestrom zur Verfügung zu stellen, zugleich aber Beschädigungen der empfindlichen Elektronik auszuschließen, kommt eine eigens entwickelte Software zum Einsatz. Das Logo PowerIQ prangt auf den Verpackungen der Anker-Produkte, die inzwischen alles mit Strom versorgen können, was über eine USB-Buchse verfügt. Und irgendwie schließt sich mit der Steuerungssoftware ja auch der Kreis zur ursprünglichen Wirkungsstätte des Gründers.
In der Zwischenzeit ist die Produktpalette noch weiter gewachsen. Aber im Zentrum stehen immer noch preiswerte Alternativen zu den Produkten anderer Hersteller. Ob nun Netzteile oder USB-Kabel, Bluetooth-Lautsprecher oder auch Arbeitsleuchten – schon lange ist Anker kein einfacher Händler mehr, sondern ein Hersteller für Zubehör aus dem Bereich Consumer Electronics. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen 500 Mitarbeiter und schickt sich langsam an, die Umsatzmilliarde anzupeilen.

Die Produktpalette ist gewachsen, aber es geht immer noch darum, bezahlbare Alternativen in guter Qualität anzubieten.

Anker peilt langsam die Umsatzmilliarde an.

Von Anker lernen

Es sind nach wie vor zwei Dinge, die nachhaltig zum Erfolg von Anker beitragen. Am Anfang stand die Identifizierung von etwas, was im Neusprech des Marketings gern als „Pain Point“ bezeichnet wird. Anker löste und löst Probleme der Kunden im Alltag. Und diese kundenzentrierte Sichtweise hat sich das Unternehmen bisher bewahren können. Sie hat unmittelbaren Einfluss auf die Produktentwicklung und Gestaltung.
  • Anker löst Alltagsprobleme der Kunden.
  • Die Produkte bieten einen Mehrwert (größere Kapazität, besonders stabile Kabel, mehrere Geräte lassen sich an einem Steckplatz aufladen usw.)
  • Was Amazon bei seinem Verpackungen „frustfrei“ nennt, trifft auch auf das Design von Anker zu. Die Produkte werden nicht einfach in einer Schachtel ausgeliefert, wie es bei Zubehörartikeln häufig der Fall ist. Das Auspacken, nicht selten von Konsumenten in Form von Videos zum „Unboxing“ überhöht, macht Spaß. Inklusive des typischen Geruchs, der beim Öffnen neuer Elektronikprodukte entsteht.
  • Der Support genießt großen Stellenwert in der Firmenphilosophie. Mitarbeiter verfolgen genauestens die Bewertungen und Kommentare auf Amazon und antworten auch darauf. Und zwar durch einen Muttersprachler. Und wenn es zu Problemen mit einem Produkt kommt, berichten viele Kunden öffentlich von besonders kulanten Lösungen, wie dem Austausch von Produkten, auch nach Ablauf von Garantiezeiten.
Anker ist es gelungen, vom Händler zur anerkannten Marke zu werden. Nicht nur in der amerikanischen Fachpresse und Tech-Blogs haben die Produkte einen guten Ruf und werden regelmäßig positiv besprochen. Auch hierzulande taucht der Name Anker immer häufiger bei Vorstellungen und Vergleichstests auf.
Die Produktpalette von Anker ist inzwischen stark gewachsen.
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Die Produktpalette von Anker ist inzwischen stark gewachsen.
Und Amazon nimmt im Vertrieb des Unternehmens nach wie vor die zentrale Rolle ein. Zwar gibt es inzwischen auch Artikel in Online-Shops und stationären Läden von Ketten wie Staples in den USA zu kaufen. Doch aus dem Geschäftsmodell von Anker ist Amazon nicht wegzudenken. So wird FBA, also die Abwicklung über Amazon intensiv, genutzt. Um auf den vorderen Plätzen dabei zu sein, setzt das Unternehmen von Yang neben SEO-Maßnahmen auch auf Anzeigenschaltungen auf dem Marktplatz. Hier profitiert die Firma natürlich von ihrer langjährigen Erfahrung mit diesem Vertriebsweg. Geholfen haben dem Unternehmen aber zweifellos die vielen positiven Besprechungen von Kunden. Nach wie vor werden auch kritische Kommentare beantwortet und so der Dialog mit den Kunden gesucht.
Die größte Herausforderung, die Anker zu lösen hatte, bestand letztlich darin, die Kunden davon zu überzeugen, dass sie eben nicht ein Kabel direkt bei Apple kaufen müssen, sondern dass es eine ähnliche gute Qualität zu einem attraktiveren Preis auch von einem anderen Anbieter gibt. Und das ist Anker gelungen.
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