Was alles passieren kann, wenn man schusselig ist und das Kreuzchen an der falschen Stelle macht. Andreas und Thomas Rebmann waren vor gut zehn Jahren schusselig - und befinden sich seitdem als Onlinehändler mit Lampenwelt.de auf einem Erfolgskurs, der kein Ende zu kennen scheint. Das liegt aber nicht nur am Zufall.

Damals buchten sie Werbung bei Google, 500 Euro im Monat wollten sie dafür ausgeben. Dummerweise klickten sie jedoch an: 500 Euro in der Woche. Viermal so viel Budget heißt, viermal so viel Werbung poppte bei Google auf. Plötzlich fiel Lampenwelt.de auf, die Kunden klickten die Seite an, bestellten - und die Umsätze explodierten.

Wenn Oliver Samwer Recht hat

So kann man auch zu erfolgreich werden, aber irgendwie passt diese Anekdote zu den Rebmann-Brüdern, die in ihrem Bereich zu Onlinegiganten aufgestiegen sind. Ein Großmeister der Branche hatte das früh gewusst: Oliver Samwer, der Mann hinter dem Firmenimperium Rocket Internet. Er sagte 2009: "Lampenwelt wird kommen."
Lampenwelt-Logistikzentrum: Fast 10.000 Quadratmeter für mehr Licht.
© Lampenwelt
Lampenwelt-Logistikzentrum: Fast 10.000 Quadratmeter für mehr Licht.
So erinnert es Andreas Rebmann heute, und er genießt es, dass Samwer einerseits Recht hatte, andererseits sich zumindest beim Thema Lampen- und Leuchtenversand zwei Männern geschlagen geben musste, die jenseits der Start-up-Metropolen wie Berlin oder Hamburg unaufhörlich an ihrer Erfolgsgeschichte schreiben. 

Eine Schnapsbrennerei und viel Provinz

Zentrum dieser Geschichte ist Schlitz. Eine Kleinstadt mit nicht einmal 10.000 Einwohnern, gelegen im Vogelsbergkreis, 25 Kilometer von Fulda entfernt. Vier Burgen, eine Schnapsbrennerei, viel Natur und noch mehr Provinz drumherum. Hier ist die Heimat der Rebmanns, hier haben sie beruflich vieles ausprobiert, und hier sind sie trotz des rasanten Aufstiegs geblieben.
Nach eigenen Angaben hat Lampenwelt.de heute rund 1,5 Millionen Kunden, die aus etwa 50.000 Produkten rund ums Licht wählen können. Es gibt mittlerweile Shops in 14 europäischen Ländern und Anfang Oktober wurde im Schlitzer Ortsteil Fraurombach das erweiterte eigene Logistikzentrum eröffnet. Die Fläche wuchs von 3.500 auf nunmehr 9.500 Quadratmeter. Mit 300 Lieferanten pflegt Lampenwelt Geschäftsbeziehungen.

Jobmaschine Lampenwelt

Allein in diesem Jahr hat Lampenwelt insgesamt 75 neue Mitarbeiter eingestellt, gut 280 Menschen arbeiten damit mittlerweile für den Versender. Und dafür gab es am Dienstagabend von der Hessischen Landesregierung auf dem 26. Hessischen Unternehmertag der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) im Wiesbadener Kurhaus die Auszeichnung als „Hessen-Campion 2017“ in der Kategorie Jobmotor.

Und dann sind ja noch die Umsatzsprünge, die das famose Wachstum von Lampenwelt dokumentieren: Noch 2010 lag man bei 10 Millionen Euro - und in diesem Jahre rechnen die Rebmanns mit 75 Millionen, was für 2018 oder spätestens 2019 die 100 Millionen realistisch erscheinen lässt. "Das wäre dann ein Grund zu feiern", sagt Andreas Rebmann.

Konkurrenz? Gibts nicht!

Lampenwelt hat ein Level erreicht, auf dem für Konkurrenten kein Platz mehr ist. Samwer musste seinen Versuch mit Lampenexperten.de vor ein paar Jahren für gescheitert erklären, und die Möbelhändler Westwing sowie die Rocket-Tochter Home24 mit ihrem Lampensortiment sorgen bei Andreas Rebmann keineswegs für Herzrasen.

"Wir sind die Nischenkiller", sagt er. Heißt: Die Nische Leuchten ist besetzt von Lampenwelt. 

Im Keller, in der Scheune, im ehemaligen Supermarkt

Dabei war der Anfang der Schlitzer Killer ein ziemliches Gewurschtel. Thomas Rebmann studiere Elektrotechnik und begann 1999 nebenbei hochwertige Lampen bei Ebay zu verticken, als dort noch der Slogan "Drei, Zwei, Eins... meins" galt. Das Lager war seine Garage, die Gewinne waren anfangs bescheiden.
Bruder Andreas lernte Technischer Zeichner, arbeitete in der Bad Schwalmstadter Außenstelle des Technologieunternehmens Freudenberg als Konstrukteur und war später erfolgreich als Versicherungsmakler unterwegs. Und ein bisschen wuselte er beim Lampenversand des Bruders mit. "Das war try and error", beschreibt er diese Phase des frühen Internethandels.

2004: Lampenwelt.de entsteht

Ab 2004 war so langsam Schluss mit dem Gewurschtel, denn ein Großauftrag zwang zur Professionalisierung. Thomas hatte es mit seinem Lager seines eigenen Webshops (gegründet 2002) immerhin schon in eine ehemalige Scheune geschafft, die Brüder gründeten erst die Rebmann Lichtsysteme GbR und erwarben dann für einen niedrigen vierstelligen Betrag die Domain Lampenwelt.de - das klang endlich nach richtiger Firma.
Lampenwelt-Verwaltung: Was aus einer alten Berufsschule werden kann.
© Lampenwelt
Lampenwelt-Verwaltung: Was aus einer alten Berufsschule werden kann.
Es sollte trotzdem bis 2007 dauern, ehe Andreas Rebmann aus seiner bis dahin nebenberuflichen Tätigkeit als Kompagnon des Bruders eine Vollzeitstelle machte und sich nur noch auf das gemeinsame Unternehmen konzentrierte. Und ab dann ging es voran.

Finanzkrise? Ach was. Vollgas!

2008, als die Finanzkrise über die Weltwirtschaft hereinbrach und überall Investitionen zurückgefahren wurden, "haben wir bei der Werbung Vollgas gegeben. Das war die entscheidende Phase für uns", sagt Andreas Rebmann. Nur ein Jahr später war der Umsatz von 1,3 auf 4 Millionen Euro angestiegen, 2010 wurde die ehemalige Schlitzer Berufsschule saniert und der neue Firmensitz, eine alte Filiale der früheren regionalen Supermarktkette Kontra das neue Lager.

Wer so schnell wächst, ist bald zu groß für Schlitz. Das merkten die Rebmanns 2009, als sie bei der örtlichen Volksbank-Filiale vorsprachen und einen neuen Kredit für die Expansion wollten. Der Bankberater war zwar freundlich und bemüht - doch Millionenbeträge waren in seinem Verantwortungsbereich nicht mehr vorgesehen. Also besorgte sich Lampenwelt erstmals Investorengeld. 2012 dann der nächste Schritt mit dem ersten richtigen Logistikzentrum in Fraurombach.

"Wir waren stets profitabel"

"Wir haben immer improvisiert", sagt Andreas Rebmann heute. Wirkliche Fehler habe man nie gemacht, zumindest im Kontext der jeweiligen Zeit gesehen. Vielleicht betont er auch deswegen: "Wir waren immer profitabel." Er kann wenig mit Geschäftsmodellen wie von Home24 anfangen, das zwar umsatzmäßig stets kernig zulegt, aber nie Gewinne ausweist.Ebensowenig kommt für Rebmann ein Handel auf dem Amazon-Marktplatz in Frage. Gut 15 Prozent Provision an den Plattformbetreiber abgeben? Auf keinen Fall. Und am Ende listet Amazon die gut laufenden Lampenweltprodukte einfach im eigenen Fullfilment-Sortiment und verkauft sie selbst. "Das ist dann der schleichende Tod für einen Händler."

Das Prinzip Fachgeschäft ins Internet übertragen

Man kann nicht gerade sagen, dass die Rebmannbrüder früher mitteilungsfreudig waren. Sie haben in Schlitz still vor sich hingewerkelt, die große Bühne überließen sie anderen Start-up-Stars. Gewiss, im Vogelsbergkreis waren sie immer die Vorzeigeunternehmer, aber ansonsten fühlten sie sich ganz wohl unter dem Radar.

Sie konzentrierten sich auf ihre Stärken - das Abwickeln aller relevanten Prozesse in Eigenregie. Lagerhaltung, Versand, Retourenabwicklung und Service - das ist alles Sache von Lampenwelt. Das Prinzip des Fachgeschäfts soll ins Internet übertragen werden.

Kurze Wege zu den großen Logistikzentren

Die Führungsstruktur von Lampenwelt ist mittlerweile stark verändert, ein Familienbetrieb ist Lampenwelt strenggenommen nicht mehr. Das Wagniskapitalunternehmen 3i ist seit Mai der Anteilseigner, 120 Millionen Euro schoss es ins Unternehmen, zudem gab es 54 Millionen Euro als Kredit. Damit will Lampenwelt in Europa wachsen, zudem das Geschäftskundengeschäft forcieren.

Die Beiräte Jochen Wilms und Walter Neumüller gehören mittlerweile zum Management. Die Rebmanns halten Minderheitsanteile und fungieren als Geschäftsführer.
 Thomas (43 Jahre) kümmert sich um Einkauf, Marketing und IT. Andreas (45) betreut Personal, Logistik und Kunden-Service. Niemals würden sie Schlitz verlassen, hier sind sie die Könige, hier bekommen sie günstig Grundstücke für ihre neuen Logistikflächen, hier haben sie keine Konkurrenz beim Kampf um gute Mitarbeiter.

Und nur Ortskundige können über die vermeintliche Provinz lächeln, denn von Schlitz aus sind es nur ein paar Kilometer hinüber zur A4 bei Bad Hersfeld, wo Logistiker wie DHL und Hermes gewaltige Zentren betreiben. 

Die Könige der Nischen haben bis auf Weiteres keine Konkurrenz

Daher kann auch Lampenwelt problemlos alle Welt mit Leuchten versorgen, egal, ob die Kunden in Großbritannien, Norwegen oder in der Schweiz bestellen. Die Nähe zu Logistikern ist gerade jetzt von Vorteil, im November, der Beginn der dunklen Jahreszeit. "Jetzt machen wir immer die besten Umsätze", sagt Andreas Rebmann. Und das wird wohl noch eine Weile so bleiben, "denn wenn wir keine Fehler machen, werden wir die Nische weiterhin besetzen". 

Schöner Gruß an Oliver Samwer.

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