Das neue Nintendo-Spiel Pokémon Go ist derzeit die erfolgreichste App. Binnen Stunden stürmten die Taschenmonster die Spitze der US-App-Charts. Der Ansturm auf das mobile Augmented-Reality-Spiel ist so gewaltig, dass die Server in die Knie gehen und Nintendo den internationalen Start (auch in Deutschland) verschieben muss. Was den Hype um Pokémon Go aber so faszinierend macht, ist, dass das Spiel von Nintendo und Niantics die Art verändern könnte, wie wir auf die Welt schauen und die digitalen Möglichkeiten nutzen.

Die Pokemon werden in der realen Umgebung angezeigt (Foto: Nintendo)
Die Pokemon werden in der realen Umgebung angezeigt (Foto: Nintendo)

Pokémon war immer schon ein Gesellschafts-Phänomen, ein gewaltiger Videospiele-Hit, ein Merchandising-Gigant, ein Milliarden-Geschäft.

Im klassischen Videospiel kann der Nutzer unterschiedliche Pokémon-Arten sammeln, fangen oder tauschen und gegen andere Pokémon kämpfen lassen. Das sind nur die Grundzüge. In späteren Spielverlauf wird es ein wenig komplexer und angesichts von wohl 721 Pokémon auch etwas unübersichtlicher. Zumindest für Erwachsene.

Pokémon Go, entwickelt mit der ehemaligen Google-Tochter Niantic Labs, trägt das Spielprinzip nun in die reale Welt.

Die App Pokémon Go nutzt die Informationen über den aktuellen Standort des Spielers und die Kamera des Smartphone. Der Spieler kann sich damit in der Kohlenstoffwelt auf die Suche nach Pokémon machen, die dann auf dem Display inmitten der realen Welt zu sehen sind - beispielsweise vor einem Gemüsestand am Marktplatz, auf einem Schulhof, auf einem Sportplatz, an einem See, auf einem Bahnhof, in Nachbars Garten oder irgendwo sonstwo in der Welt.
Spieler müssen also vor die Tür, immer in Bewegung sein und ihr Smartphone immer griffbereit und in Sichtweite haben, damit sie die Pokémon bemerken.

Wundern Sie sich also nicht, wenn demnächst unbekannte Menschen durch ihren Garten trampeln.

Schon jetzt ist das Spiel ein Massenphänomen, das laut ersten Daten sogar schon Twitter und Snapchat in den Schatten stellt und den Börsenkurs von Nintendo um 25 Prozent steigen lässt.

Pokémon Go wird ein gesellschaftliches Phänomen

Vor allem aber könnte das Spiel eine Menge mit uns, und der Art wie wir auf die Welt schauen, anstellen und würde damit zu einem sozialen Phänomen – mit wirtschaftlichen Auswirkungen auch für den Handel.

Es gewöhnt uns  - vor allem unsere Kinder – auf eine spielerische Art an die Verbindung von Location Based Services und Augmented Reality und macht den Einsatz von AR zu einer Selbstverständlichkeit - zu einem alltäglichen Begleiter.

Auch wenn das gegenwärtig zuweilen noch etwas komisch aussieht.

Noch ist unsere tägliche Routine davon bestimmt, dass wir ständig unseren Facebook-Feed, Twitter, unsere Mails mobil checken. Bald könnte das abgelöst werden von einem Blick aufs Handy, um zu sehen, was in der erweiterten Realität gerade passiert.

Ein erster Köder auf dem Weg dahin sind sogenannte PokéStops. Das sind Orte, die innerhalb des Spiels anzeigen, wo der Nutzer kostenlose Items bekommen kann, wenn er in der Nähe dieser Orte ist. Diese Orte können Sehenswürdigkeiten sein, aber auch Geschäfte oder Restaurants. Teilweise bieten diese PokéStops auch Informationen zur Sehenswürdigkeit.

Derlei PokéStops locken womöglich künftig mehr Nutzer in den Laden als jeder kostenlose Kaffee, der per Beacon angeboten wird. Unternehmen, die wissen, dass ihr Laden ein PokéStop ist, können sich das zudem werblich zunutze machen, wenn sie die „Laufkundschaft“ am Eingang darauf hinweisen.

Man benötigt nicht viel Phantasie, um sich außerdem Unternehmen vorzustellen, die künftig dafür bezahlen werden, dass spezielle Gadgets in ihrem Laden platziert werden. Derzeit aber werden die PokéStops von den Entwicklern noch per Algorithmus bestimmt.

Natürlich geht es Nintendo auch ums Geld, das sich nebenbei mit der Ungeduld der Spieler verdienen lässt. Wichtige Items kann man im Shop mit Pokémünzen kaufen, die man vorher gegen reales Geld erworben hat. Mikrotransaktionen werden so zum ständigen Begleiter.

Mit seinem spielerischen Stimulus wird das allerdings sehr datenhungrige Pokémon Go (im Jagdmodus muss es "Always on" sein und sammelt so dauernd Bewegungsdaten des Nutzers), damit zu einer Anwendung, die die mobile Welt und die stationäre Welt vereint, sie um eine neue Dimension bereichert. Mit seinen interaktiven Elementen (Tauschsystem) und dem Zwang zur Beweglichkeit erzeugt das Spiel zugleich neue Erfahrungs- und Erlebniswelten - indem es sogar wildfremde Menschen zusammenführt.


Gelingt es zudem, dass Jagd- und Sammelfieber nachhaltig zu sichern, verklebt Pokémon Go die Aufmerksamkeit der Nutzer auf eine Weise mit mobilen Endgeräten, die die gegenwärtige Smartphone-Abhängigkeit wie einen leichten Schwips erscheinen lassen wird.

Location based Services werden wir, oder zumindest die jüngere Generation, daher bald gar nicht mehr als Überwachung, sondern als notwendige Bereicherung des Alltags begrüßen. Mobile werden wir– so man das nicht schon heute teilweise tut - nicht mehr als Kommunikationshilfe verstehen, sondern als integralen und unverzichtbaren Bestandteil des Lebens und die normale Realität – ohne ihre künstliche Erweiterung - womöglich irgendwie zweidimensional empfinden.

An die Frage der Teenager „Wie habt ihr ohne Handy leben können?“ haben wir uns bereits gewöhnt. Gewöhnen wir uns also besser schon einmal an die Frage „Wie habt ihr ohne Augmented Reality leben können?“

Vielleicht machen uns das Spiel und kommende neue Welten dann sogar zu besseren Menschen: