Die Räder stehen still (Foto: DHL / Jennifer Zumbusch)
Die Räder stehen still (Foto: DHL / Jennifer Zumbusch)
Während die Big Player der Branche nur wenig unter dem am 8. Juni gestarteten Arbeitskampf bei der Post leiden, müssen kleinere Anbieter sowie Online-Modehändler zum Teil erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen. Profiteure des Streiks sind unter anderem Hermes und Amazon. Eine Postsprecherin bestätigte, dass dem Onlinehändler eine Vorzugsbehandlung gegönnt wird. 

Wie der Webanalyse-Anbieter Etracker für die TextilWirtschaft ermittelte, haben sich bei den Modeanbietern des insgesamt 9000 Online-Shops umfassenden Etracker-Panels die Umsätze in der ersten Streikwoche um 14 Prozent reduziert. In der zweiten Woche waren es sogar 17 Prozent gegenüber der Vorstreikwoche. Damit entwickelte sich der Online-Modehandel deutlich anders als der gesamte E-Commerce. Dieser hatte sich nach einem Minus von 12 Prozent in der ersten Streikwoche zuletzt wieder erholt. Die Umsätze stiegen in der zweiten Streikwoche um 19 Prozent. „Möglicherweise fällt es leichter, im Textilbereich auf den stationären Handel auszuweichen oder den Kauf ganz zu verschieben“, vermutet Etracker-Direktor Olaf Brandt, dessen Team direkt die Bestellzahlen der Panel-Teilnehmer einsehen kann.

Bei den Mitgliedern des Online-Handelsverbands BVOH, der hauptsächlich die Interessen kleinerer und mittelgroßer Online-Händler vertritt, sind die Umsätze dagegen branchenübergreifend deutlich gesunken. Fast jeder Dritte (32 Prozent) der 120 Befragten vermeldet einen Umsatzverlust von bis zu 10 Prozent. Bei 18 Prozent waren es bis zu 25 Prozent. Bei mehr als jedem fünften Händler (22 Prozent) brachen die Umsätze sogar um über 25 Prozent ein. Lediglich 28 Prozent blieben von den Streikfolgen verschont.

Verschwindend gering ist dagegen der Anteil der Online-Händler, die ihre Erlöse in den vergangenen zwei Wochen steigern konnten. Dies gelang nur 1 Prozent der Befragten, zum Beispiel indem sie rechtzeitig auf andere Paketdienstleister umstiegen. Insgesamt wichen fast 62 Prozent der 120 befragten Händler auf andere Paketdienstleister aus. Über 28 Prozent der Unternehmen gaben an, dass mehr als die Hälfte ihrer Sendungen verspätet bei den Kunden ankam. Jeder vierte Händler berichtet von bis zu 25 Prozent, bei rund 28 Prozent waren es bis zu 10 Prozent. Der Paketdienstleister DHL, der laut Bundesnetzagentur für fast ein Drittel (31,3 Prozent) der Umsätze im deutschen Paketgeschäft verantwortlich ist, beziffert die Quote der bundesweit verspätet ausgelieferten Pakete mit rund 20 Prozent.

Marktplatz-Händler leiden noch lange

Die E-Commerce-Anbieter, die ihre Ware hauptsächlich über Marktplätze wie Amazon und Ebay vertreiben, werden womöglich noch lange nach dem Streik wirtschaftliche Einbußen hinnehmen müssen. Der Grund: Rund 58 Prozent der Befragten haben wegen der Lieferschwierigkeiten schlechte Bewertungen bei Amazon, Ebay & Co. erhalten. Ebay hatte bereits am ersten Streiktag seine Mitglieder in einem Newsletter über den Streik und seine möglichen Folgen informiert - und um faire Feedbacks gebeten: „Berücksichtigen Sie bitte die besonderen Umstände bei Ihrer Bewertung und Ihrer detaillierten Verkäuferbewertung“. Zehn Tage später wurde der Aufruf wiederholt. Immerhin: eBay hat sich laut Wortfilter entschlossen, bei betroffenen Händlern alle Mängelmeldungen der Kunden zu löschen, die durch den Streik verursacht worden sind.

„Der mittelständische Online-Handel wird durch den Poststreik besonders stark belastet“, sagt BVOH-Präsident Oliver Prothmann. Der Grund sei der „enorme Mehraufwand in der Kundenkommunikation sowie bei der Einbindung neuer Versanddienstleister bzw. der Versand zu höheren Gebühren“. An den Folgen des Streiks mit zig Millionen liegengebliebenen Paketen werde aber auch die Marktstellung des Online-Handels deutlich. „Erst jetzt, wo die bestellte Ware nicht am Folgetag beim Verbraucher ist, wird den Kunden klar, wie reibungslos und schnell der Online-Handel normalerweise in Deutschland funktioniert. Ein Service, der jetzt schmerzlich vermisst wird“, sagt Prothmann, dessen Verband hauptsächlich die Interessen kleinerer und mittelgroßer E-Commerce-Unternehmen vertritt.

Bei Branchengrößen wie Amazon, C&A, Esprit, Klingel, Tchibo und Zalando waren die Auswirkungen des Arbeitskampfes, mit der die Gewerkschaft Verdi die Auslagerung der Paketzustellung in schlechter zahlende Regionalgesellschaften rückgängig machen will, dagegen kaum spürbar. Das gleiche gilt für die rund 80 Online-Mode-Shops, die vom E-Commerce-Dienstleister Arvato betreut werden. Wie die Bertelsmann-Tochter mitteilt, bewegt sich die Quote der Pakete mit einer Laufzeit von mindestens drei Tagen im unteren einstelligen Prozentbereich. „Es ist deutlich zu merken, dass die Konsumenten gezielt die Paketdienstleisterauswahl vornehmen“, sagt ein Sprecher. So bietet etwa C&A seinen Kunden an, die Pakete alternativ durch Hermes oder in eine Filiale liefern zu lassen. Die Folge: „Der Anteil von Click and Collect-Lieferungen hat sich um rund 2 Prozent erhöht“, berichtet E-Commerce-Manager Knut Brüggemann. In der Folge hätten einige DHL-Konkurrenten zweistellige Zuwachsraten verzeichnet.

Mehr Click and Collect bei C&A

Die Online-Kunden von C&A können alternativ die Lieferung per Hermes wählen oder die Ware in die nächstgelegene Filiale bestellen (Click & Collect). „Der Anteil von Click & Collect-Lieferungen hat sich um rund 2 Prozent erhöht“, berichtet E-Commerce-Manager Knut Brüggemann. Insgesamt liege der Anteil der Umbestellungen (Hermes oder Click & Collect) im einstelligen Prozentbereich. Die Quote der verspätet ausgelieferten Pakete bewege sich im unteren einstelligen Prozentbereich.

Den Folgen des Poststreiks widmet sich auch die aktuelle Ausgabe der TextilWirtschaft
Den Folgen des Poststreiks widmet sich auch die aktuelle Ausgabe der TextilWirtschaft
Der Modekonzern Esprit warnt seine Kunden am Ende des Bestellvorgangs vor möglichen Verzögerungen und bietet neben dem Versand per Hermes auch die Lieferung an eine Packstation oder Filiale der Deutschen Post an, die in der Regel schneller erfolgt als die Direktzustellung. Dadurch sei es gelungen, die Zahl der Online-Bestellungen stabil zu halten. Ähnliches berichtet Tchibo. „Was wir merken ist, dass die Anzahl der Kunden, die sich ihre Bestellung in die Filiale oder das Depot liefern lassen, weiter zunimmt“, sagt ein Sprecher. Der Online-Shopping-Club Brands4friends macht seine Kunden gleich auf der Startseite auf mögliche Streikfolgen aufmerksam und zeigt gleich eine Alternative auf: „Innerhalb Deutschlands kannst Du auch Hermes wählen.“

Auch Kataloge kommen verspätet an

Die im klassischen Katalogversand beheimateten Multichannel-Anbieter Klingel und Creatrade klagen hauptsächlich über Verzögerungen im Versand von Katalogen und Werbe-Mailings. „Das spiegelt sich auch im Umsatz wider“, sagt ein Creatrade-Sprecher. Unter anderem, weil es im Briefgeschäft – anders als in der Paketzustellung – keine Alternativen gebe. Im Paketversand hat die Mutter von Conleys, Impressionen und miaVilla ein Drittel des Volumens kurzfristig an DHL-Konkurrenten gegeben.

Völlig entspannt gibt sich der Online-Modehandel Zalando: „Bei uns laufen die Geschäfte nicht schlechter, wir spüren keine Veränderung in der Kundennachfrage", sagte ein Sprecher auf TW-Anfrage. Die Zahl der Beschwerden sei kaum angestiegen. „Die Leute wissen ja, dass die Post streikt.“ Der Ärger der Kunden, so der Zalando-Sprecher, richte sich deshalb weniger gegen den Online-Händler, sondern vielmehr gegen die Post und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die bei Redaktionsschluss rund 30.000 der 140.000 tariflich beschäftigen Mitarbeiter der Deutsche Post DHL Group mobilisiert hatte.

Vorzugsbehandlung für Amazon

Der weltgrößte Online-Händler Amazon schweigt sich weiterhin über die Streikfolgen aus. Eine Postsprecherin bestätigte aber auf Anfrage Branchengerüchte, wonach die Kunden des Premium-Dienstes Amazon Prime bevorzugt behandelt würden. „DHL muss sich an das Lieferversprechen von Amazon halten.“ Dieses beinhalte in der Regel die Zustellung am Folgetag, vorausgesetzt, der Artikel wird nicht erst abends oder in abgelegene Regionen bestellt. Über die Kosten für die Vorzugsbehandlung macht die Post keine Angaben.

Größter Profiteur des Streiks dürfte die Otto Group sein. Nicht nur, weil die Versender des Hamburger Handelskonzerns (u.a. Otto, Bonprix, Witt, Baur, MyToys, Heine und Schwab) hauptsächlich mit Hermes zusammenarbeiten. Sondern auch, weil eben diese Konzerntochter durch den Streik neue Kunden an Land zieht. „Uns liegen zahlreiche Anfragen vor, Mengen zu übernehmen“, sagt ein Hermes-Sprecher. Dabei gehe es in der Regel um Sendungsmengen von 10.000 bis 50.000 Sendungen pro Tag. Die dazu nötigen Kapazitäten seien vorhanden: „Wir können aufgrund unserer modernen und leistungsfähigen Infrastruktur bis zu einem gewissen Grad kurzfristig aufkommendes zusätzliches Volumen verarbeiten“, heißt es. Es sei aber absehbar, dass die Kapazitäten „irgendwann mal erschöpft“ seien.

Der Mitbewerber DPD verzeichnet dagegen kein erhöhte Nachfrage. „Wir wollen die großen Volumen auch gar nicht haben, weil wir uns eher als Premium-Dienstleister sehen“, sagt ein Sprecher.

Über diese Website der DHL  lässt sich feststellen, ob eine Sendung von den Streiks betroffen ist.

Bert Rösch berichtet für die Fachzeitschrift TextilWirtschaft über E-Commerce, Logistik und IT in der Modebranche. Sie erscheint, ebenso wie etailment, in der dfv Mediengruppe.