Die Lebensmittelindustrie wettert gegen den Preisdruck des Einzelhandels. Die Hersteller sind aber nicht unschuldig an der Entwicklung, sagt Handelsexperte Joachim Zentes. Preiserhöhungen bringen nichts - der Saarbrücker Professor hat eine andere Lösung.

Erst jüngst eskalierte der Streit um die Preisdruck im deutschen Einzelhandel, als wichtige Markenhersteller wie Müller die Lieferung an Real verweigerten. Nun füllen sich die Regale bei der SB-Warenhauskette langsam wieder, weil das Unternehmen mit Müller-Milch, Danone und Mondelez eine Einigung erzielt habe, sagte eine Sprecherin von Real. Auch Haribo beliefert die Kette wieder. Bei anderen Lieferanten hingegen steht eine Einigung offenbar noch aus.

Der Streit mit den Lieferanten bei Real ist nicht das einzige prominente Beispiel der vergangenen Woche. Der Deutschland-Chef des Konsumgüterherstellers Unilever, Ulli Gritzuhn, forderte medienwirksam, dass der "Wahnsinn ein Ende" haben müsse - die Preiskämpfe auf Kosten der Markenhersteller könnten die Unternehmen auf Dauer nicht verkraften, sagte er der Zeitung "Die Welt".

"Preiserhöhungen bringen nichts"

Die Industrie sollte sich beim Thema Preiskampf im Lebensmittelhandel jedoch nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Die Preisdominanz "ist nicht allein die Schuld des Handels. Die Industrie hat einst die expansiven Handelsunternehmen gefördert durch gute Einkaufskonditionen und großzügige Zahlungsziele", sagt Professor Joachim Zentes, Leiter des Instituts für Handel und Internationales Marketing an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, im Gespräch mit Der Handel. Dass die Entwicklung besorgniserregend ist, da stimmt der Experte zu. "Die Preisdominanz ist im Vergleich zu allen anderen europäischen Ländern in Deutschland exorbitant hoch. Das ist ein Zeichen einer Fehlsteuerung."

Doch Preiserhöhungen, wie die Lebensmittelhersteller fordern, bringen nichts, ist sich Zentes sicher. "Industrie und Handel brauchen einen Quantensprung beim Thema Wertschöpfung", ist die Meinung des Hochschullehrers. Soll heißen, der Kunde wird nicht bereit sein, für die gleichen Produkte mehr zu zahlen. Doch werde die Qualität erhöht, könne ein Umdenken stattfinden, sagt der Experte. Dabei gehe es nicht nur um die Qualität des Produkts, sondern "auch um Qualität bei sozialen und ökologischen Fragen."

Wie die Preisspirale durchbrochen werden kann

Zudem sei die Komplexität der Wertschöpfungsketten so hoch, dass sie nicht mehr steuerbar sei. "Das Outsourcing-Niveau muss und wird sich zurückentwickeln", sagt Zentes. Diese Entwicklung beginnt bereits, beobachtet der Forscher. Die Handelsbranche übernimmt zunehmend selbst die Produktion, und verantwortet so immer mehr die Wertschöpfungsstufen. "Der Anteil der Produkte, die der Handel selber produzieren lässt oder produziert, nimmt zu", hat Zentes beobachtet.

Diese neue Form der Vertikalisierung mache den Handel unabhängiger von Marken. Umgekehrt vertikalisiere die Industrie nach vorn, eröffne eigene Stores. Die zunehmende Verschmelzung von Handel und Industrie könnte eine mögliche Lösung zur Sprengung der Preisspirale sein. Nespresso, Adidas oder Boss seien einige Beispiele. "Und das Internet bietet noch mehr Vertriebsmöglichkeiten", sagt Zentes. "Der Konsumgüterhersteller Procter & Gamble macht es vor."

Marion Schalk mit Material von dpa