Gehört die Zukunft wirklich den Pure Playern? Werden Innenstädte nur noch Ausstellungsfläche für Pflanzenkübel? Das Sterben der Innenstädte gilt fast schon als ausgemacht. Langfristig mag das stimmen: In the long run we are all dead.

Doch wenn sich der stationäre Handel nicht allzudumm anstellt und schneller als bislang bewegt, dann kann er sogar Amazon noch schlagen. Es gibt Zahlen, die darauf hindeuten. Es gibt ernstzunehmende Experten, die das glauben. Es gibt gute Gründe und Player, die die Argumentation stützen.

Schon auf dem etailment-Kongress im vergangenen Jahr sorgte Dennis J. Gerson, Chief Techologist bei IBM, für Aufsehen, als er dem lokalen Händler dank Same-Day-Delivery, Augmented Reality und Location-based Services eine sichere Zukunft versprach und den Store der Zukunft als Fulfillment Center skizzierte. Seine  kontroverse These: Offline beats Online.

Händler als Hub für Service, Logistik, Click & Collect und Markenerfahrung. Vielleicht ein bisschen wenig, damit sich der Beton rechnet?

Sicher ist: Onlinehändler treibt es gegenwärtig mit langsamen Schritten, aber in Serie auf die Fläche. Scarosso, MyMuesli, Cyberport suchen nach Standorten, Shoepassion setzt weitere stationäre Akzente. Das sind einige Namen der vergangenen Wochen. Weitere Beispiele gibt es zu hauf.

Alle jene Onliner nicht einmal mitgezählt, die hier und da mit Pop-up-Stores experimentieren und Erfahrungen mit Multichannel sammeln.  Und da ist sogar Amazon. In den USA hatte der Online-Riese ein Auge auf die Filialen der insolventen Kette RadioShack geworfen, ging aber leer aus.  

Das passt so gar nicht ins Narrativ vom schnellen Massensterben des stationären Handels.

Auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes passen nicht dazu. Danach ist der deutsche Einzelhandelsumsatz im Januar 2015 um 5,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gewachsen (Zum Vergleich: Online-Umsatz plus 14 Prozent). Das sind mehr als finale Zuckungen. Denn es ist das stärkste Wachstum seit Juni 2010, wenn auch angetrieben von der derzeit übergroßen Shopping-Lust der Deutschen.

Noch mehr Balsam für die gequälten Krämerseelen hat Scott Galloway parat. Der Marketing-Professor an der New Yorker Stern School of Business, sieht Pure Player die ohne ein Ladenkonzept auskommen wollen gar als die kommenden Verlierer.




Den Mann muss man ernst nehmen.

Nicht weil er prominenten Pleiten als Zeugen aufruft, die Legion jener Top-Shops benennt, die alle auch nach Jahren noch keinen Profit machen. Sondern weil er nachweist, dass auch Onliner im Laden einen ziemlich hübschen Umsatz pro Quadratmeter machen können.

Stimmig wird seine These aber eher, wenn er auf all jene Player wie Macys hinweist, die mit gewaltigen Anstrengungen digitale Innovationen vorantreiben und den technischen Wandel aktiv und mit jeder Menge Geld in die Hand nehmen. Die würden, legt Galloway dar, sogar schneller wachsen als Amazon.

Dessen Achillesferse sieht Galloway vor allem beim Versand und seinen beinahe explosionsartigen Kosten. Schnelligkeit geht eben ins Geld. Obendrein würden künftig Dienste wie Uber die Option bietet, mit entsprechenden Servcies konkurrieren zu können. Womöglich wird damit die Warenlieferung sogar kostengünstiger als sich das Amazon erlauben kann.

Und so Galloway, da sei natürlich auch noch Click & Collect. Vielleicht der Strohhalm schlechthin im Onlinehandel



Doch das muss man auch richtig beherrschen, um beispielsweise wie Ernsting´s family vorweisen zu können, dass 80 Prozent der Online-Bestellungen in einer Filiale abgeholt werden und dann noch 30 Prozent der Kunden zusätzlich etwas einkaufen. Auch Media-Markt und Saturn kommen auf einer Abholer-Quote von bis zu 50 Prozent.

Prognose des US-Experten: Amazon wird sich offline strecken müssen. Nachdem es mit RadioShack nicht geklappt hat, wird Amazon nach anderen Zukäufen bei Brick & Mortar Ausschau halten. 

Als Entwarnung sollte man derartigen Glaskugeleien aber nicht sehen. Wenn der HDE prognostiziert, dass bis 2020 in Folge des Strukturwandels 50.000 Standorte vom Markt verschwinden könnten, dann bleibt das richtig. Denn Überleben wird nur der, der sich der Digitalisierung auf allen Ebenen stellt. Viele aber werden genau das nicht tun, oder nur halbherzig oder zu spät. Der Onlinehandel aber kann noch abwarten, ob die stolze Wette auf den Multichannel aufgeht. Er hat den Trend nämlich auf seiner Seite und die Bequemlichkeit des Kunden.