Wühlen, drängeln, Schnäppchenjagd: Der Ausverkauf bei Quelle ist glanzlos. "Die Welt" schreibt indes von weiteren Kaufangeboten für lukrative Töchter des Versenders.

In Scharen fallen sie in das Kaufhaus ein, reißen verschlossene Kartons auf, wühlen durch die Regale und suchen nur nach einem: dem knallroten Rabatt-Preisschild. Seitdem das Aus des Versandhändlers Quelle beschlossene Sache ist, schlägt auch in dessen Einkaufszentrum in Nürnberg die große Stunde der Schnäppchenjäger.

"Es ist die Hölle. Das ist wirklich, als wenn ein Krieg ausgebrochen wäre und die Leute die letzten Lebensmittel kaufen", erzählt Verkäuferin Angelika Will, während sie Handtücher auspackt und auf Wühltische stapelt. Von der Decke hängen riesige Schilder mit dem Aufdruck "Schnäppchen" in den Raum, überall stehen halb ausgepackte Kisten herum.

Rabatte bis zu 50 Prozent

"Ich komme gar nicht mehr dazu, die Tische richtig aufzufüllen, so schnell sind sie wieder leer", erzählt die 39-Jährige. Beim Anblick des Chaos' um sie herum bricht die Frau plötzlich in Tränen aus. Seit 24 Jahren arbeitet sie für Quelle, im August bekam sie wie ihre Kollegen die Kündigung. Immer war es ihr wichtig, dass die Ware ansprechend präsentiert wird. Dass jetzt alles so lieblos herumsteht: "Das ist ganz schlimm."

"Es geht wild und bedrückt zu", stellt Kunde Steffen Georgi in dem ganzen Trubel fest. Der Oberbayer, den es für einige Tage beruflich nach Nürnberg verschlagen hat, war zwar noch nie zuvor in dem Kaufhaus, doch auch er hofft auf das eine oder andere Schnäppchen. In seinen Händen hält er jede Menge Spielzeug. Die Rabatte von teils bis zu 50 Prozent möchte er für frühzeitige Weihnachtseinkäufe nutzen.

Stau an der Rolltreppe

"Wenn die Kunden schon früher so eingekauft hätten wie jetzt, dann wären wir nicht an dem Punkt zu schließen", sagt eine Verkäuferin aus der Damenmodenabteilung. Mit ungläubigem Blick beobachtet sie die Menschenmassen, die sich an halb leergekauften Ständern vorbei über die Flure schieben.

Selbst an der Rolltreppe kommt es zu kurzen Staus. "Egal, ob Sommer- oder Wintersachen, momentan kaufen sie alles", erzählt die 23-Jährige und wirft frustriert hinterher: "Ich komme mir vor wie beim Discounter."

An den Umkleidekabinen bilden sich immer wieder lange Schlangen. Viele Kleidungsstücke, die letztlich nicht gekauft werden, bleiben in den Ankleiden zurück. Weil sich die Verkäuferinnen nicht mehr anders zu helfen wissen, haben sie eine Ecke des Raumes mit rot-weißem Baustellenband abgesperrt. Hierher schieben sie die Ständer mit der Kleidung, um sie von dort zurück auf die Verkaufsfläche zu sortieren.

"Die Leute, die jetzt kommen, sind nicht unsere Stammkunden", sagt eine Verkäuferin enttäuscht. Das seien die typischen Schnäppchenjäger,  "die Leichenfledderer".

18 Millionen Artikel

Um die Lager zu räumen sollen 18 Millionen Artikel auf 25.000 Paletten mit großen Rabatten so schnell wie möglich unter die Leute gebracht werden. "Das ist eine Riesenaufgabe", sagte Thomas Schulz, Sprecher von Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg, am Donnerstag.

Zugleich geht Görg daran, die Filetstücke der Arcandor-Versandgruppe Primondo, etwa das Quelle-Auslandsgeschäft, einzeln zu verwerten. Für die Filetstücke der Primondo-Gruppe wie das Quelle- Auslandsgeschäft gebe es eine Reihe von Interessenten.

Immer mehr Kaufangebote?

Als interessante Unternehmensteile gelten daneben die Call Center, der Technische Kundendienst Profectis und der Homeshopping-TV-Sender HSE24. Nach Informationen der Tageszeitung "Die Welt" ist die Zahl der Kaufangebote in den vergangenen Tagen sprunghaft angestiegen. Dem Blatt zufolge halten Marktexperten die Verkaufschancen für gut. Spezialversender wie Hess Natur, Baby Walz oder Madeleine könnten 200 bis 300 Millionen Euro einbringen.

Davon allerdings werden laut "Welt" die bis zu 75.000 Gläubiger der Arcandor-Gruppe wenig haben. Denn die Spezialversender seien, ebenso wie die Rechte an der Quelle-Eigenmarke Privileg, an den KarstadtQuelle Mitarbeitertrust verpfändet. Dieser Pensionsfonds soll die Altersversorgung für frühere Arcandor-Mitarbeiter sicherstellen.

Görg hatte schon früher gesagt, der Verkaufsprozess sei unter anderem deshalb komplex, weil man sich mit verschiedenen Pfandgläubigern verständigen müsse.

Das Schweigen der Frau Schickedanz

Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz (66) schweigt derweil zum Zusammenbruch des Versandhauses. Der "Bild-Zeitung" sagte ihr Ehemann Leo Herl: "Meine Frau gibt derzeit keinen Kommentar ab. Wir fürchten, dass alles missverstanden würde. Dabei hat meine Frau doch alles getan, was sie tun konnte."

Laut "Bild" ist Madeleine Schickedanz seit einem Schwächeanfall, den sie im Juni nach dem Insolvenzantrag erlitten habe, gesundheitlich angeschlagen.

DHL wird in den Strudel hineingezogen

Das Ende von Quelle wird auch bei der Deutschen Post DHL zu Stellenverlusten führen. Es sei geplant, drei zuständige DHL- Logistik-Standorte in Bochum, Lehrte und Nürnberg mit insgesamt rund 400 Mitarbeitern zu schließen, sagte DHL-Sprecher Claus Korfmacher.