Die Zerstörung seines Lebenswerks erlebte er nicht: Basierend auf dem Nachlass des Versenders Quelle erscheint eine neue Biografie über den Unternehmensgründer Gustav Schickedanz.

Gustav Schickedanz war Zeit seines Lebens Kopf und Seele des Versandhauses Quelle und hatte das, was man den richtigen Riecher nennt: Ein Gespür für Menschen und ihre Bedürfnisse.

Und er besaß das Talent, diese Wünsche auch in Zeiten des Mangels zu erfüllen. Mit für die einfachen Leute bezahlbarer Kleidung in guter Qualität, die er seinen Kunden direkt ins Haus lieferte, legte der Großhändler für Kurz- und Wollwaren in der Wirtschaftskrise der zwanziger Jahre den Grundstein für das spätere Quelle-Imperium.

"Natürlich war das ein knallharter Unternehmer, der als Geschäftsmann genau wusste, was er wollte, der diesen Urinstinkt hatte, der die Chancen gewittert und Konstellationen erkannt hat", erläutert Professor Gregor Schöllgen von der Universität Erlangen-Nürnberg.

Der Historiker hat gerade die erste Biografie über den erfolgreichen Firmenchef verfasst konnte und dafür auf das Privatarchiv der Familie zurückgreifen. Das Buch erscheint am 7. August im Berlin Verlag.

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NS-Vergangenheit und Rehabilitierung

Schickedanz passte sich nicht nur den wirtschaftlichen, sondern auch den politischen Umständen an: 1932 trat er in die NSDAP ein. Banderolen um die Quelle-Päckchen trugen allerdings die Aufschrift "rein christliches Versandhaus".

Schöllgen betont aber: "Er war ein anständiger Geschäftsmann." Zwar habe Schickedanz von den Zeitumständen profitiert und mehrere Industrieunternehmen jüdischer Eigentümer gekauft. Doch habe er deren Zwangslage niemals ausgenutzt.

Zu dem Schluss, dass Schickedanz kein Antisemit war und die NS-Politik nicht aktiv unterstützte, kamen nach 1945 auch die Untersuchungsbehörden: Sie stuften ihn in Bayerns aufwendigstem Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer ein. Bis 1953 dauerten die Wiedergutmachungsverfahren, aus denen der Quelle-Chef laut Schöllgen ebenfalls "ungewöhnlich sauber" herauskam.

Stürmische Expansion in den Gründerjahren

Erst nach dem Abschluss der Verfahren durfte Schickedanz sich wieder uneingeschränkt um den Wiederaufbau seines Unternehmens kümmern. Darunter litt die jüngere der beiden Töchter, Madeleine. Sie bekam ihren Vater nur selten zu Gesicht, obwohl dieser ein ausgesprochener Familienmensch war.

Doch die Quelle-Umsätze vervielfachten sich in der Wirtschaftswunderzeit geradezu - und dass, obwohl bei einem Bombenangriff ein Großteil der so wichtigen Adressdatei im Fürther Stammsitz verloren gegangen war.

Die Kunden fragten von sich aus nach dem neuen Katalog, und bald platzten die vorhandenen Kapazitäten aus allen Nähten.

Nun zeigte sich die Weitsicht, aber auch die Risikobereitschaft des Unternehmers Schickedanz: Er ließ eine Produktionsanlage entwickeln, die so komplex war, dass niemand für das Gelingen garantieren wollte. Doch als die Anlage 1956 den Betrieb aufnahm, galt sie weltweit als die modernste ihrer Art.

Außerdem setzte der Hobbyfilmer bereits Ende der 50er Jahre auf die elektronische Datenverarbeitung. Und landete einen weiteren Coup: Er gewann den avantgardistischen Modeschöpfer Heinz Oestergaard als Designer.

Egozentrischer Firmenchef

"Das sind die drei wichtigsten Stationen. Die großen Weichenstellungen sind in den Fünfzigern und frühen Sechzigern vorgenommen worden. Danach war das Unternehmen so aufgestellt, dass es sich im wesentlichen um punktuelle Modernisierungsschübe und Erweiterungen handelte", fasst Schöllgen zusammen.

Allerdings trug das größte Versandhaus Europas seinen Untergang bereits in sich. 43.000 Mitarbeiter waren bei Schickedanz' Tod 1977 in der Gruppe beschäftigt, erwirtschafteten gut 8,3 Milliarden D-Mark Umsatz und verschickten jährlich fast 25 Millionen Pakete.

Trotz der enormen Arbeitslast hatte Schickedanz sein Imperium vollständig auf sich ausgerichtet - bis zu seinem letzten Atemzug. Diese Lücke zu füllen konnte seine Nachfolger, in erster Linie seine zweite Ehefrau Grete und die gemeinsame Tochter Madeleine, nur überfordern.

Madeleine Schickedanz macht den entscheidenden Fehler

Es mehrten sich die Fehler: Zu sehr setzten die Nachfahren auf den Katalog als Leitmedium, der Einstieg ins Internetzeitalter wurde verpasst. Doch vor allem hielten die Erben zu lange an den unrentablen Quelle-Kaufhäusern fest. Erst 1993 verkauften sie die Filialen - und stiegen bald darauf bei Karstadt ein, um an liquide Mittel zu kommen.

Den im Rückblick wohl entscheidenden Fehler machte schließlich Madeleine Schickedanz, die sich dem operativen Geschäft selbst nicht gewachsen fühlte.

"Mit einer geradezu atemberaubenden Konsequenz hat sie auf die falschen Manager gesetzt", erläutert Schöllgen. Einer davon war Thomas Middelhoff, der unter dem Dach von KarstadtQuelle - später Arcandor - das Tafelsilber des Fürther Traditionsunternehmens verkaufte.

Es folgte die Insolvenz. Nach spektakulären Rettungsversuchen stand am 20. Oktober 2009 endgültig fest, dass das Lebenswerk von Gustav Schickedanz zerstört ist.

Elke Richter, dpa