Der Handel mit gebrauchten Smartphones, Computern & Co. ist ein Markt mit Zukunft, von dem auch stationäre Händler profitieren können. Zu Weihnachten boomt das Geschäft.

Das Geschäft mit gebrauchten Waren wächst – gerade in der Weihnachtszeit. So verzeichnet die momox GmbH, ein Online-Ankaufservice für gebrauchte Medien, in den vergangenen Wochen einen Anstieg bei den Nutzerzahlen auf momox.de.

Für momox-Chef Christian Wegner gibt es dafür vor allem zwei Gründe: "Ein Teil der Kunden will im heimischen Bücher- oder CD-Regal einfach nur Platz schaffen für die neuen Weihnachtsgeschenke. Der andere Teil möchte darüber hinaus mit zusätzlichem Geld die Weihnachtskasse aufbessern."

Früher gab es Kleinanzeigen, mit deren Hilfe Konsumenten alte Schätzchen verkaufen konnten. Dann kam der Internetmarktplatz eBay - und heute ist der Handel mit gebrauchten Waren ein ernstzunehmendes Geschäft für gewerbliche Ankäufer. Das Geschäftsmodell heißt neudeutsch "Re-Commerce", kurz für Recycling-Commerce.

"Markt wird wachsen"

Statt Dinge wegzuwerfen, kann der Verbraucher auf den jeweiligen Onlineseiten den voraussichtlichen Ankaufpreis ermitteln und die gebrauchten Artikel per Paket einschicken. Daraufhin bereiten die Unternehmen gebrauchte Artikel - meist Elektronikgeräte wie Smartphones, Laptops & Co., aber auch Bücher, CDs, DVDs und sogar Kleider - auf und verkaufen sie wieder.

Das Geschäftsmodell ist offenbar lukrativ: "Es ist davon auszugehen, dass der Re-Commerce-Markt auch in Zukunft weiterhin wachsen wird", fasst Thomas Golly, Geschäftsführender Gesellschafter des Beratungsunternehmens Sempora Consulting aus Bad Homburg, die Ergebnisse seiner aktuellen Studie zum Thema zusammen. "Die steigende Onlineaffinität über alle Altersgruppen hinweg sowie die steigende Zahl an Akteuren im Markt begünstigen diese Entwicklung."

Der Studie zufolge gaben 53 Prozent der befragten Verbraucher an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate Secondhand-Ware - mit Ausnahme von Kraftfahrzeugen und Immobilien - gekauft zu haben. Bei den 18- bis 34-Jährigen sagten sogar zwei von drei Befragten, dass sie gebrauchte Artikel erworben haben. Im Vergleich hierzu gaben 45 Prozent der Befragten an, dass sie in dem gleichen Zeitraum mindestens ein gebrauchtes Produkt verkauft haben.

Alternative zu Handel mit Neuware

Eine parallel durchgeführte Studie in Großbritannien weist ähnliche Werte für den dortigen Markt auf. Daraus schließt der Berater, dass sich der Handel mit gebrauchter Ware innerhalb Europas als Alternative zum reinen Handel mit Neuware etabliert hat.

"Re-Commerce ist aufgrund der Vielzahl an Konsumenten und der steigenden Zahl von Händlern, die sowohl online als auch offline aktiv sind, zu einem Multichannel-Wachstumsmarkt geworden", ist Thomas Golly überzeugt. "Händler und Hersteller von Neuware sollten den Re-Commerce-Markt im Auge behalten, um die Gefahren für das eigene Geschäft zu verstehen, aber auch um Potenziale für das eigene Geschäft zu identifizieren."

Für 85 Prozent der Re-Commerce Verkäufer war demnach "entrümpeln" der wichtigste Grund für den Verkauf von gebrauchten Waren. 65 Prozent wollten mit dem Verkauf der gebrauchten Ware Geld verdienen. Auch um weiter zu konsumieren: Immerhin gibt gut jeder zehnte Befragte an, dass er sich mit dem Erlös ein innovativeres Mobiltelefon anschaffen will, genauso viele wollten mit dem Verkauf des alten Geräts ein neues Unterhaltungselektronikgerät finanzieren. Und bei der Frage, für welchen Zweck das verdiente Geld generell verwendet werden soll, gaben vier von zehn der Befragten "für geplante Neuanschaffungen" an; 33 Prozent wollten das Geld für spätere Anschaffungen sparen.

Konsumenten bleiben Re-Commerce treu

Was die Zukunft angeht, bleiben die Verbraucher dem Re-Commerce treu: Sieben von zehn der Befragten gaben an, auch im kommenden Jahr gebrauchte Ware zu kaufen, 63 Prozent planen Gebrauchtes zu verkaufen.

Daraus schließt der Berater, dass die Zahl der aktiven Re-Commerce-Marktteilnehmer in Deutschland weiter ansteigen wird: "Der Handel von gebrauchten Produkten hat sich in den vergangenen Jahren etabliert und wächst konstant. Nicht nur eBay und Amazon sind relevante Marktakteure.

Zunehmend kleine Player wie Momox oder ReBuy haben sich insbesondere im Bereich der elektronischen Waren am Markt platziert und agieren meist auch pan-europäisch", beobachtet Golly. "Sowohl für Private-Equity-Firmen als auch für etablierte Handelsunternehmen kann der Re-Commerce-Markt eine interessante Quelle für weiteres Wachstum sein."

Media-Saturn setzt auch stationär auf Re-Commerce

Davon ist offenbar auch die Media-Saturn-Gruppe überzeugt: Die Muttergesellschaft der Elektronikfachmärkte Media-Markt, Saturn und des Onlinehändlers Redcoon hat kürzlich einen Minderheitsanteil am Re-Commerce-Anbieter Flip4New erworben, der unter anderem beim Ankauf mit dem Marktplatzbetreiber eBay kooperiert - wo der "Re-Commercler" die Artikel nach der Aufbereitung im Übrigen auch größtenteils wieder verkauft. "Das Konzept setzt sich on- sowie offline erfolgreich durch", begründet Pieter Haas, Geschäftsführer der Media-Saturn-Holding GmbH, den nun auch finanziellen Einstieg ins Re-Commerce-Geschäft.

Media-Saturn und Flip4New arbeiten bereits seit Oktober 2010 zusammen.  Seitdem können Saturn-Onlinekunden ihre gebrauchten Elektroartikel gegen einen Einkaufsgutschein bei dem Elektrohändler eintauschen. Das Geschäftsmodell ist inzwischen auch auf den stationären Handel ausgeweitet worden: In mittlerweile zwölf Filialen in Berlin und Köln können Kunden ihre nicht mehr benötigten Elektronikprodukte und Medien an eigenen Flip4New-Ständen in Saturn-Filialen abgeben; bis Ende März 2013 sollen 120 Märkte bundesweit diesen Service anbieten. 

Geld bleibt im Geschäft

Als Vorteil für stationäre Händler nennt Flip4New-Geschäftsführer Michael Sauer,  dass der Kunde den Ankaufspreis in Form einer Gutscheinkarte ausgezahlt bekommt und der Kunde das Geld somit "im Haus" wieder ausgibt. "Studien zeigen zudem, dass Kunden durch die Möglichkeit des Re-Commerce eher in hochpreisige, aber auch preisstabile Unterhaltungselektronik investieren", wirbt Sauer um weitere stationäre Händler. Der durchschnittliche Warenkorb liege bei gut 150 Euro.

Neben Aktionsmöglichkeiten im Marketing nach dem Motto "Tausche den Vorgänger des Smartphones XY gegen das neueste Modell" führt er als Pluspunkt an, dass der stationäre Händler mit dem Service neue Kunden gewinnen sowie seine Bestandskunden "reaktivieren" kann. "Re-Commerce erleichtert den Kunden die Kaufentscheidung, denn die Neuanschaffung ist durch den Gutschein deutlich günstiger", argumentiert Sauer. "Das steigert nachweislich den Umsatz, ohne dass der Händler den Wareneinsatz erhöhen muss."

Alte Büroausstattung loswerden

Im Übrigen sei Re-Commerce auch für Händler interessant, die selbst gebrauchte Ware etwa aus dem Backoffice loswerden wollen: "Gebrauchte Elektronik wie Notebooks, Telefonanlagen, Drucker und Smartphones sind gebundenes Kapital. Wir kaufen solche Geräte gewerblich an", erläutert Sauer. "Auch Restposten, Lagerüberschuss oder Insolvenzware können Händler gerne an uns verkaufen."

Der Re-Commerce-Anbieter Wirkaufens bietet den Rückkaufservice seit Mai dieses Jahres ebenfalls für stationäre Einzelhändler an und kooperiert mit Händlern wie Blau.de, Deutsche Telekom, Otto und Simyo. "Wir haben im Rahmen unserer bisherigen Partnerschaften die Erfahrung gemacht, dass die Kaufbereitschaft der Kunden steigt, wenn sie ein älteres Gerät in Zahlung geben können", berichtet auch Christian Wolf, Gründer und Geschäftsführer von Asgoodas.nu, zu der Wirkaufens gehört.

Die Kunden investierten den Verkaufswert vor Ort in höherwertige Neuware wie auch in ergänzendes Zubehör wie Schutzhüllen, Taschen oder Akkus. „Hier greifen dieselben Mechanismen, die sich auch im Autohandel seit Jahrzehnten bewährt haben", stellt Wolf fest.

Sybille Wilhelm

Dieser Text ist in der Dezember-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier.