Rewe-Chef Alain Caparros erläutert im Interview, wie der Handelsriese auf die Erweiterung des Aldi-Sortimentes um Markenartikel reagieren will und welche Strategie die Rewe-Gruppe verfolgt.

Foto: Rewe Group
Foto: Rewe Group
Aldi verkauft jetzt auch Coca-Cola. Gibt es einen Preiskampf?

Alain Caparros: Ich beginne keinen Krieg, den ich nicht gewinnen kann. Die Integration von Markenprodukten bei Aldi kommt für uns nicht überraschend. Im Ausland testet Aldi das schon lange. Für uns ist das auch ein Beweis, dass Aldi nicht mehr so wächst wie gewohnt. Aber für uns bringt der Vorstoß von Aldi natürlich auch Probleme mit sich: Jeder Markenartikel bei Aldi birgt für uns die Gefahr einer Umsatzeinbuße.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Aldi? Sie haben ja selbst vor Ihrer Zeit bei Rewe viele Jahre bei dem Discounter gearbeitet.
Fragt man sich, wie Aldi so populär wurde, muss man zurück in die 80er Jahre blicken. Der Startschuss des Erfolgs fiel mit den Nonfood-Artikeln. Ich denke an den ersten Billig-PC. Aldi hat damit neue Zielgruppen erreicht und sich neue Ertragsquellen erschlossen. Heute ist der Nonfood-Anteil rückläufig durch die Online-Konkurrenz und Fachgeschäfte. Dazu kommt, dass Supermärkte ebenfalls Produkte zu Discountpreis anbieten. Bei Rewe sind das rund 500 "Ja"-Produkte.
Wenn Aldi nun Markenprodukte integriert, sind wir irgendwann auf Augenhöhe.

Auch die Rewe-Discounttochter Penny wirbt stark mit Markenartikeln. Gefährdet der Vorstoß von Aldi die laufende Sanierung von Penny?
Die Penny-Sanierung geht planmäßig voran dank der Unterstützung der Mutter Rewe. Wir haben dieses Jahr 600 Penny-Märkte renoviert, nächstes Jahr werden wir 700 Märkte renovieren. Wenn ich von Renovierung spreche, dann sind das nicht nur ein paar Lampen und Möbel. Wir haben auch unser Personal geschult. Denn freundliches Personal ist ein Pluspunkt. Penny hat als nahversorgender Discounter eine Daseinsberechtigung. Wir sind vorsichtig zufrieden mit der Entwicklung von 2012. Die Umsätze des Penny-Stammsortimentes sind um 5 Prozent gewachsen.

Womit können die Supermärkte noch wachsen?

In Deutschland haben wir in unseren Supermärkten 45 bis 50 Millionen Kundenkontakte pro Woche! Wir könnten mit einem Plakat und einem Flyer in unseren Märkten jeden Politiker bei einer Wahl enorm nach vorn bringen. Im Ernst: Wir müssen jede Frequenz, jede Bewegung von Menschen mitnehmen. Wir warten nicht auf die Kunden, wir gehen auf die Kunden zu. Das können zum Beispiel auch Kochkurse oder Gastronomieangebote in unseren Supermärkten sein. Wir haben außerdem unser Touristikpotenzial längst nicht ausgeschöpft.

Passen Lebensmittel und Reisen zusammen?
Annähernd jeder Kunde fährt in den Urlaub, ob der teuer oder billig ist. Die Reiseangebote in den Supermärkten funktionieren bereits sehr gut. Aldi und Lidl haben uns das nachgemacht. Jetzt testen wir ein neues Shop-in-Shop-Konzept für ein noch umfangreicheres Angebot und mehr Service.

Benötigen Sie für Reisen Servicemitarbeiter?

Im Test ist ein großes Rewe-Center mit 3.000 Quadratmetern Verkaufsfläche in Bad Nauheim. Wir haben dort einen Stand in einer zum Urlaub passenden Kofferform, an dem eine Mitarbeiterin berät.

Welche Vorteile hat Rewe von der Touristik?

Rewe-Touristik steuert 600 bis 700 Millionen Euro pro Jahr an Liquidität bei, die wir uns nicht bei Banken zu borgen brauchen. Es kann aber nicht nur um den Liquiditätsvorschuss gehen. Wir müssen mehr Synergien zwischen der Handels- und der Touristiksparte finden.

Planen Sie weitere Zukäufe in der Touristik?
Wir stehen bereit, auch für eine große Akquisition. Wir haben eine Eigenkapitalquote von 30 Prozent, wir haben sehr solide Finanzen. Wir haben unsere Schulden seit 2006 abgebaut. Wir haben bereits einen Reiseveranstalter in Osteuropa gekauft und ein kleines Online-Geschäft, das ein Schnupperkurs ist. Für uns wäre vor allem Online-Geschäft interessant. Die Größe ist für uns nicht entscheidend.

Planen Sie auch Zukäufe im Lebensmittelhandel?

Größere externe Akquisitionen in Deutschland sind wohl kaum mehr möglich. Dafür sorgt das Bundeskartellamt. Wir wollen organisch wachsen.

Rewe gehören auch Bau- und Elektronikmärkte. Ist es nicht an der Zeit, den "Gemischtwarenladen" auf das Kerngeschäft zu reduzieren?
Wir prüfen Jahr für Jahr routinemäßig, ob es eine Daseinsberechtigung für jedes Format gibt. Wir müssen uns aber auch über Länder Gedanken machen. Jedes Jahr ein neues Land zu erschließen, ist Selbstmord. Das wollen wir nicht. Wir wollen wachsen in den Märkten, in denen wir stark sind, um dort nicht mehr angreifbar zu sein. Wir müssen Schritt für Schritt unser Portfolio optimieren. Wie gesagt: Wir diskutieren das aber nur einmal im Jahr. Das Gespräch mit dem Aufsichtsrat ist immer im Mai.

Welche Erwartungen haben Sie für 2013? Teilen Sie die Sicht von
Metro-Chef Koch, auch der Konsum in Deutschland schwäche sich langsam ab?
Das kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil, ich glaube sogar, dass die Deutschen genussorientierter werden. Genuss ist wie Balsam für die Seele. Solange der Arbeitsmarkt stabil bleibt, gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass sich der Konsum verändert.

Interview: Simone Hett, dpa-AFX und Volker Danisch, dpa