Manfred Preiß, Vice President Sales, SSI SCHÄFER Graz (Foto: SSI SCHÄFER)
Manfred Preiß, Vice President Sales, SSI SCHÄFER Graz (Foto: SSI SCHÄFER)
Immer kürzere Lieferzeiten und flexible Zeitfenster-Zustellungen verlangen im Lager erhebliche Vorleistungen und machen Investitionen zur Pflicht. „Ohne Automatisierung geht es nicht mehr“, sagt Manfred Preiß, Vice President Sales, SSI SCHÄFER in Graz, im Interview mit etailment und sieht die Branche für Multichannel-Anforderungen, aber auch für Express-Lieferungen gerüstet.

 

Filialisten drängen mit immer mehr Macht ins Netz. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für Logistiker im Multichannel-Segment?

Manfred Preiß: Bei Kombination von Stationär- und Distanzhandel ergibt sich durch die unterschiedlichen Auftragsgrößen und planbare Shop-Belieferung und nicht planbare Endkunden-Belieferung die Notwendigkeit, diesen Spagat zu leisten, obwohl das Lager bisher auf Shop-Belieferung ausgelegt war. Die Herausforderung ist, die Aufträge als eine Summe von Einzelstücken zu begreifen und erst in der Verpackung zum Kundenauftrag werden zu lassen.

Ist eine Multichannel-Versandlösung nicht immer nur ein Kompromiss beider Welten, weil Online und Offline unterschiedliche Anforderungen an das Kommissionieren haben?

Manfred Preiß: Nicht unbedingt, auch bisher hat die Kommissionierung schon die Herausforderung, für den Shop die Ware Aisle-ready oder Shelf-ready mit Sortierung nach beispielsweise Modegrößen und Farben zur Verfügung zu stellen. Funktioniert das schon, ist es nur ein kleiner Schritt, die Endkundenaufträge im Online-Handel zu integrieren.

 

"Einige Planungen, die wir gemacht haben, reduzieren den Personalbedarf auf 30%."


Und der Online-Lebensmittelhandel stellt Sie da künftig noch mal vor ganz neue Aufgaben. Wie sind Sie darauf vorbereitet?

Manfred Preiß:  Interessant ist, dass diese Anforderung zuerst – nach Japan – aus UK, Russland und China aufgekommen ist. Auch in Deutschland gibt es „Abholsysteme“, die wie die Gepäckaufbewahrung im Bahnhof funktionieren. Das  bedeutet, dass die am Morgen bestellte Ware am Abend jederzeit nach Ladenschluss abgeholt werden kann. In UK wird schon angeboten, dass die bestellte Ware innerhalb von 90 Minuten an die Haustüre gebracht wird. Da einer unserer wichtigsten Märkte die Kommissioniersysteme im Pharmagroßhandel sind und wir hier seit vielen Jahren mit Auftragsdurchlaufzeiten von 45 Minuten von Auftragseingang bis zum Lieferwagen konfrontiert sind, sind wir hier bestens gerüstet. Auch die Artikelvielzahl schreckt da nicht, im Pharmagroßhandel sprechen wir von 100.000 SKU.


Gleichzeitig geht der Weg hin zu immer kürzeren Lieferzeiten, hin zum Zeitfenster. Welche Vorleistungen im Zentrallager können hier helfen, die Distribution zu beschleunigen?

Manfred Preiß:   Die Anforderung ist, zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Zeitfenster von einer halben Stunde an die Haustüre zu liefern. Hierzu werden die Produkte im Batch gepickt, einzeln in beispielsweise Taschensorter zwischengelagert und nach Tour und Lieferzeit automatisch, auch noch in der gewünschten Reihenfolge im Auftrag, sortiert und der Packstation angeboten, wir nennen das „fulfilment factory“.


Automatisierung gewinnt dabei immer mehr an Gewicht. Wo lassen sich da für Handel und Hersteller noch Potenziale heben?

Manfred Preiß:   Ohne Automatisierung geht es nicht mehr, die cut-off Zeiten werden immer kürzer und je später eine Online-Bestellung beim Kunden eintrifft, desto höher ist die Return-Quote. Bei Kleinteilen hat sich der A-Frame sehr bewehrt, bei welchem Kommissionierung und Beschickung zeitlich entkoppelt sind. Bei nicht automatentauglichen Artikeln ist das Prinzip „Ware zur Person“ am effektivsten. Hierfür gibt es ergonomische Arbeitsstationen wie „pick-to-tote“ die eine 6 bis 10-fache Pickleistung verglichen mit „Person zur Ware“ zulassen, bei gleichzeitig geringerer Belastung für die Mitarbeiter. Hierfür ist ein schnelles Bereitstellungssystem notwendig, das ein Karussell oder Shuttle sein kann.

 

Das verlangt nach Investitionen. Wann kann sich das rentieren?

Manfred Preiß:  Zum Teil ist die Frage nicht einmal, wann sich das rentieren kann, sondern eine Notwendigkeit, das Geschäft überhaupt zu betreiben. Es ist technisch nicht mehr möglich, beliebig viele Mitarbeiter im Lager arbeiten zu lassen. Einige Planungen, die wir gemacht haben, reduzieren den Personalbedarf auf 30%.

 

Ist die Modernisierung bestehender Systeme eine Alternative?

Manfred Preiß:  Durchaus, wenn die bisherige Anlage beispielsweise mit Stationen zum Batchpick genutzt wird und die Einzelteile in einen Taschensorter übergeben werden, kann auf gleicher Fläche sowohl Shop- als auch Endkundenbelieferung durchgeführt werden, da der Taschensorter als Hängefördertechnik über der bestehenden Technik angeordnet werden kann.


Eine durchgängige Supply Chain ist vielfach immer noch ein frommer Wunsch.

Manfred Preiß:  Markt und Konsument beeinflussen die Notwendigkeit des ganzheitlichen Ansatzes ganz wesentlich. So gibt es nicht nur den Weg, dass ein Offlinehändler sich das Standbein Onlinehandel zulegt, sondern - wie von Apple bis Zalando zu sehen ist - gehen reine Onlinehändler zusätzlich den Weg zum Offlinegeschäft. Speziell wenn es sich um Markenware handelt wurde festgestellt, dass der Offlinehandel das Vertrauen in die Marke stärkt.

 

Manch einer liebäugelt mit dezentraler Logistik. Macht das Sinn, solange Software und IT die logistischen Strukturen sauber und zentral abbildet? 

Manfred Preiß:   Eigentlich haben wir das schon. Wenn ein deutscher Onlinehändler 80.000 Artikel auf Lager hat, per Internet aber 4 Millionen unterschiedliche Artikel zu bestellen sind, wird die Lagerhaltung auf Hersteller oder Dienstleister übertragen, die auch die Auslieferung im Namen und mit Briefkopf des Online Händlers versenden.

 

Wie könnten Prozesse aussehen, die zentrale Disposition und Bevorratung (die das Web verlangt) mit den logistischen Vorteilen kundennaher Läger verbinden könnten?

Manfred Preiß:   Ein interessanter Ansatz ist bei Ketten, die Shops als „Lager“ zu verwenden, mit der Möglichkeit, die Ware, die in irgendeiner Filiale verfügbar ist, aus dieser direkt auszuliefern. Es wird auch angeboten in der Filiale abzuholen, z.B. eine Anprobe zu machen, dies vermindert die Returns enorm. Da die Kassensysteme meist online mit der Zentrale verbunden sind, ist die Verfügbarkeit der Ware gut zu ermitteln.

Wer Schlagzeilen über Roboter im Lager und Drohnen sieht, könnte meinen, dass die Logistik bald von autonomen Systemen beherrscht wird. Wie steht es da um die Zukunft von konventioneller Fördertechnik und Regalbediengeräten?

Manfred Preiß:   Wir haben jetzt schon einen sehr hohen und vernünftigen Automatisierungsgrad erreicht. Durch die Vielzahl an Artikeln, die nach Marketing-Gesichtspunkten verpackt sind und nicht nach logistischen Bedürfnissen, ist eine 100% automatische Kommissionierung unbezahlbar.  Die Mischung aus Automation und ergonomischen Arbeitsplätzen hat weiterhin Zukunft.

Wenn der stationäre Handel zurückgeht, Shops den Showrooms weichen, worauf sollten sich Intralogistker dann vorbereiten?

Manfred Preiß:  Das ist ein sehr interessanter Weg, den ein namhaftes Beratungsunternehmen in London für den Lebensmittelhandel aufgezeigt hat. Warum brauchen wir bunte Verpackungen, die oft teurer sind als der Inhalt, nur um den Kunden zum Kauf zu animieren. Hier genügt ein Showroom, in dem die Ware bunt angepriesen werden kann und sogar als Muster zu probieren ist. Nach der Bestellung wird im Lager kommissioniert: alle Packungen sind einfach braun und haben nur wenige unterschiedliche Formate. Dann haben wir die Voraussetzung vollautomatisch zu kommissionieren, die Technik hierfür haben wir jetzt schon verfügbar.