Die wohl weltgrößte Digitalkonferenz SXSW in Austin, Texas, ist vielleicht das wichtigste Trendbarometer für digitale Innovationen und Entwicklungen. Auf dem South by Southwest Festival mit seinem Mix aus Festivals, Konferenzen und Fachausstellungen werden aus kleinen Startups Shootingstars, aus kleinen Ideen große Tsunamis, die auch den E-Commerce verändern können. Stephan Ritter, Director Commerce bei SapientNitro Deutschland, ist seit Jahren Gast bei der Konferenz.  Für etailment fasst er auch in diesem Jahr zusammen, welche Trendthemen der SXSW auf die To-do-Liste des Handels gehören und welche Startups man unbedingt kennen muss.

Das „E” aus Ecommerce ist weg.

Ehrlich gesagt, nicht erst seit der diesjährigen South by Southwest (SXSW) in Austin, aber hier sehr deutlich spürbar. War in den vergangenen Jahren die Verschmelzung von Content und Commerce noch ein großes Thema, ist Commerce dieses Jahr selbstverständlicher Bestandteil der Customer Experience.

Panels, die das Innovationspotenzial dieses neuen Denkens hervorheben wollten, nutzten statt Ecommerce eher einen neuen Begriff wie „Contextual Commerce”: „Contextual retailing (inspiration blended with relevancy) is flourishing, boosted by new tech tools providing more immersive, seamless and connected experiences. From shoppable media and trading on live trends, to topical content marketing and editorialised or test-oriented store formats, the best new strategies hold benefits for brands in every sector.“ (Stylus.com)

Neiman Marcus und die GIF-Selfie-Bude

Um diesen Kontext greifbar zu machen, setzten sich dieses Jahr so viele Fashion-Retail-Marken auf der SXSW innovativ in Szene wie nie zuvor. Eine der interessantesten Retailer-Aktivitäten war die von der Nobelkaufhauskette Neiman Marcus präsentierte „School of Self Expression“ – inklusive GIF-Selfie-Bude, Luxus Fashion-Panels und Augmented Reality Experience.

Tatsächlich war Neiman Marcus alles andere als ein Einzelfall: Fashion-Blogs bemerkten schnell, dass in diesem Jahr so viele Fashion Brand Retailer und Modemedien auf der SXSW präsent waren, wie noch nie. Den Grund nannte "Marie Claire" Editor-in-chief Anne Fulenwider: „Music has always had an outsized influence on fashion, but technology has taken over as a source of inspiration. The whole festival is filled with the creative, curious, entrepreneurial women Marie Claire speaks to." Kontextueller Gesprächsstoff also.
Das bestätigte "InStyle" Editorial Director Ariel Foxman: The SXSW „... used to cater to a very niche audience, but now, especially for fashion and retail, technology is a common mover. It's imperative for growth."

Die Rolle der Influencer

Welche Rolle Influencer für Mode und Handel spielen, beleuchtete das Modemagazin als Gastgeber einer vielbeachteten Diskussion zwischen Ariel Foxman und Schauspielerin Kerry Washington um Social Media und Personal Branding. Washington wurde zu einem Beauty- und Diversity-Star mit einer Reichweite von 3,9 Millionen Twitter- und 2,4 Mllionen Instagram-Followern. Aktuell ist sie „Brand-Ambassador“ für Neutrogena. Nachdem es einiges empörtes Getöse der Black Community gab, da Neutrogena nur Kosmetik für helle Hauttöne im Sortiment hatte, kündigte man die gemeinsame Arbeit an einer Line Extension für dunklere Hauttypen an. Ein großartiger Schachzug.

Übrigens nebenbei ein gutes Beispiel für die stetige Fortenwicklung der SXSW: Letztes Jahr wurde sehr viel über Influencer Marketing aus Firmensicht gesprochen, 2016 waren die Influencer auf den Bühnen.

Conversational Commerce

Das zweite hochinteressante Commerce-Feld wurde in hochrangigen Panels zusammen mit Messenger Marketing als „the next Multibillion-Dollar Opportunity’ bezeichnet.

Die Rede ist von „Conversationel Commerce“, der folgendermaßen definiert wird: Conversational commerce largely pertains to utilizing chat, messaging, or other natural language interfaces (i.e. voice) to interact with people, brands, or services and bots that heretofore have had no real place in the bidirectional, asynchronous messaging context.“

Womit man als Standard-Messenger-Nutzer erst einmal nicht so viel anfangen kann, ist in anderen Regionen ein Geschäftserfolg: WeChat ist in China bereits eine der wichtigsten Ecommerce-Plattformen und alle großen Player arbeiten an ihren Content-Strategien für ‚Conversatonial Brand Experiences’. Kein Wunder, haben doch die Top 4-Messenger – WhatsApp, Facebook Messenger, WeChat und Viber – zusammen knapp 2 Milliarden Nutzer.

In Zukunft werden wir alle – einigen Ankündigungen der großen Plattformen zufolge – bald über Facebook Messenger, WhatsApp, Telegram oder Slack mit Marken und Unternehmen kommunizieren. Und hierbei ganz selbstverständlich kaufen. Direkt im Dialog. Commerce ist zudem für viele auch das interessanteste Anwendungsfeld für AI (künstliche Intelligenz): Der persönlich interagierende Verkaufsrobot ist ein überzeugendes Szenario.

Als weitere Social Media Plattform dominierte Snapchat die diesjährige SXSW – ohne selbst vor Ort zu sein! Es gab keine Präsenz, keine Party oder sonstiges auffälliges Sponsoring. Der Instant-Messaging-Dienst hat die Panels dennoch klar beherrscht: Kaum ein Vortrag, kaum eine Diskussion, in der nicht mindestens einmal Snapchat erwähnt wurde. Dieses Potenzial verlangt natürlich nach neuen Social Listening- und Influencer Analytics-Lösungen.

Darüber hinaus stehen weitere Neuentwicklungen an: Nachdem Cross-Plattform-Startups wie LikeToKnow.it („SHOP YOUR FAVORITE INSTAGRAMS“) äußerst erfolgreich sind, geht die Branche davon aus, dass alle großen Plattformen inklusive Facebook/Instagram an Commerce-Integrationen und APIs arbeiten. Die erwartete Ankündigung auf der SXSW blieb jedoch aus.

Zwischenzeitlich bringen sich Serviceprovider bereits in Stellung: Shopgate vereinfacht Commerce Apps in Apple TV. Und eine der größten US-Banken – Capital One – stellte eine API für Third-Party Ecommerce vor, die unter anderem eine Zweifaktor-Authentifizierung bietet: „People don’t look at banks as technology software companies. Now we’re reinventing banking to see where developers will create the next level of consumer experience,” sagte Naveed Anwar, Capital One Managing Vice President. „We’re reshaping the way our customers are interacting with us.”

Spannende Retail Start-ups

Während Car Shopping auch auf dieser SXSW „The Final Frontier for Ecommerce“ blieb, wurden in einem Startup-Panel namens "Future of Retail: Meet the Disruptors” aus 120 Bewerbern eine kleine Runde von interessanten Retail-Startups rund um In-Store Tech, Wearables, Omni-Brands, Personalization, Data Analytics, Marketing, Rewards, Delivery und Mobile Payment vorgestellt:

Alive Shoes

Alive Shoes ermöglicht seinen Nutzern nicht nur eigene Designs zu erstellen, sondern eine eigene „Storefront“, um diese zu verkaufen.

Blue Fox:

In-Store Advertising Platform, die Camera- und Sensor-Technology nutzt.

Memomi

Einer der besten interaktiven Spiegel, die ich je gesehen habe.

Two Tap

Ecommerce API Gateway für Transaction Processing, Fraud Detection, Inventory, Shipping, Fulfillment etc.

Trendalytics

Trendalytics für Fashion Retailer

Trustev

Fraud Detection Specialist

Pixlee

„Market and Sell with Real Customer Photos“

Tulip Retail

Store Associate Mobility for Stores of the Future

Fazit

Die SXSW hat mir erneut eine großartige Themenkombination geboten sowie einen Informationsstrom, der sich kaum verarbeiten lässt. Davon werde ich mich wieder über Monate inspirieren lassen.

Besonders beeindruckend ist wieder die Konsequenz, mit der sich US-Unternehmen auf den digitalisierten Konsumenten einstellen – selbst wenn der organisatorische und prozessuale Wandel im Hintergrund ihnen häufig ähnlich schwer zu fallen scheint wie deutschen Unternehmen. Die USA sind auch in weiteren Punkten ein Vorbild bzw. Vorreiter: Fast alle in Austin vertretenen Marken haben schon die Komplett-Abkehr von der in Deutschland noch verbreiteten Kampagnen-Denke vollzogen. Und Daten-basierte Entscheidungen entlang der Customer Journey sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Mit „Conversational Commerce“ kommt die nächste Komplexitätssteigerung des Commerce bereits auf uns zu. Diese umfasst auch auf lokale Unterschiede präferierter Plattformen einzugehen: WeChat z.B. spielt in Europa kaum, in China eine sehr bedeteutende Rolle.

Eine spannende Herausforderung für global agierende Marken.