Schlecker-Insolvenzverwalter Geiwitz sammelt mithilfe von Verdi Informationen über vermeintlich problematische Führungskräfte des Unternehmens. Eine Bezirksleiterin wehrt sich gegen die Anschuldigungen.

Dieser Tage erhält Margrit Fink viel Post aus allen Teilen Deutschlands. Die Rechtsanwältin ist eine der Mitarbeiterinnen von Arndt Geiwitz, dem vorläufigen Insolvenzverwalter von Schlecker. Rechtsanwältin Fink kümmert sich um  problematische Personalien bei der Drogeriekette und wird dafür von Verdi mit Informationen versorgt.

Die Gewerkschaft hat für den Insolvenzverwalter Listen mit ihrer Meinung nach unzumutbaren Mitarbeitern der mittleren und unteren Führungsebene von Schlecker verfasst. Das betrifft viele Verkaufs- und Bezirksleiter. Geht es nach Verdi, sollen diese Leute das Unternehmen verlassen, weil mit ihnen kein Neuanfang möglich sei.

"Lautstark und unflätig"

Eine dieser Führungskräfe ist die Leiterin des Bezirks Darmstadt, wo die Lage "einzigartig dramatisch" sei, wie es Horst Gobrecht beschreibt. Der Verdi-Mann ist als Gewerkschaftssekretär zuständig für Südhessen und sagt zu derhandel.de, dass die Zusammenarbeit mit der Bezirksleiterin sofort nach deren Dienstantritt im Jahr 2008 schwierig gewesen sei.

Derzeit betreut die Frau 130 Mitarbeiter in insgesamt 24 Filialen - und nach der Verdi-Darstellung ist ihre Personalführung schlichtweg ein Desaster. Gobrecht sagte der Lokalzeitung "Darmstädter Echo", dass Verkäuferinnen "lautstark und unflätig" attackiert worden seien, mitunter sogar vor Kunden. Zudem seien Mitarbeiterinnen belogen und gegeneinander ausgespielt worden.

Über die angeblichen Verfehlungen der Bezirksleiterin gibt es eine stattliche Liste, die derhandel.de vorliegt. Man liest dort von Drohungen gegenüber Mitarbeiterinnen: "Glauben Sie mir, ich schaffe es schon, Sie rauszuschmeißen." Und man liest von Beleidigungen: "Wie sehen Sie denn aus mit Ihrem weiten Ausschnitt. Sie können ja an der Kasse vergewaltigt werden."

Zudem soll sie im Jahr 2008, beim Besuch einer Darmstädter Filiale,  zu einer anwesenden Bezirksleiter-Kollegin mit Blick auf eine Verkäuferin, deren Bluse beim Bücken etwas verrutscht war, gesagt haben: "Guck dir mal die Nutte an."

Reden, reden, reden

Es klingt alles nach dem normalen Schlecker-Wahnsinn mit patriachalischen Führungsstrukturen, die Geiwitz bereits vor Tagen öffentlich gegeißelt hatte.

Der Insolvenzverwalter sprach aber auch davon, dass das Unternehmen nicht transparent sei - und deswegen wundert es umso mehr, dass derhandel.de die Darmstädter Bezirksleiterin problemlos telefonisch erreicht und eine Frau trifft, die redet und redet und redet.

Sie ist eine Schlecker-Kraft durch und durch: Vor 16 Jahren als Trainee zum Unternehmen gestoßen, eine Handvoll Bezirke in Deutschland geleitet, 2008 nach Darmstadt gewechselt.

Beleidigung nur untergeschoben?

Heute ist sie 38 Jahre alt und sagt von sich, dass sie bei Schlecker bekannt sei für gutes Personalmanagement, weswegen sie auch in den Darmstädter Bezirk versetzt worden sei, wo es zuvor immer Probleme mit Gewerkschaft und Betriebsräten gegeben habe.

Sie habe eigentlich nie Ärger mit ihren Untergebenen gehabt, "da können Sie meine Mitarbeiter fragen". So würde man heute in einem Markt an der Bergstraße überhaupt nicht verstehen, warum Verdi solche Vorwürfe gegen sie erhebt. "Das ist den Leuten dort genauso rätselhaft wie mir."

Aber was war denn damals in dem Darmstädter Markt und der Beleidigung "Nutte"? Die Bezirksleiterin sagt, dass ihr die Aussage untergeschoben worden sei - von einer ehemaligen Mitarbeiterin als deren Retourkutsche. Der Frau sei wegen Diebstahls gekündigt worden. Und: Schon 2008 habe die ehemalige Verkäuferin schriftlich ihren besagten Vorwurf widerrufen.

Für die jetzt von Verdi verbreiteten Anschuldigungen gegen die Bezirksleiterin findet diese nur einen Begriff: "Das ist Rufmord." Es gehe um ihre Ehre, und dafür werde sie notfalls auch vor Gericht streiten.

Hessens Linke will ans Privatvermögen der Schleckers

Gestritten und geredet wird derzeit viel bei und über Schlecker. Die Fraktion Die Linke im Hessischen Landtag hat für diesen Donnerstag eine aktuelle Stunde einberufen. Thema: Die Kündigungen der hessischen Schlecker-Beschäftigten. Die Linke-Fraktion fordert die Landesregierung auf, sich für den Erhalt der hessischen Schlecker-Jobs einzusetzen.

Zudem solle die Regierung sich mit allen juristischen und politischen Mitteln dafür engagieren, "dass sich die Familie Schlecker mit ihrem gesamten Privatvermögen, einschließlich des möglicherweise vor mehr als zehn Jahren 'verschobenen', an der Sanierung des Unternehmens beteiligen muss".

Verdi erneuert Forderung nach Staatshilfe

Unterdessen nutzen die weiblichen Beschäftigten den 8. März als symbolträchtiges Datum für ihren Protest. Am Internationalen Frauentag demonstrierten sie in ganz Deutschlands für ihre Jobs. "Anton Schlecker geht und wir bleiben", formulierte Ursel Bieber, Betriebsratsvorsitzende von Schlecker in Würzburg, das Motto der Kundgebungen.

Wiederholt forderten die Frauen Staatshilfe für die Rettung von Schlecker. "Für Banken, Autos und vieles mehr sind die Töpfe niemals leer. Und für uns?",  fragte Katja Behrensmeier, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Bezirks Potsdam bei der Kundgebung in der brandenburgischen Landeshauptstadt.

Auch Stefanie Nutzenberger, Verdi-Bundesvorstandsmitglied für den Handel, sieht die Politik in der Verantwortung: "Die Bundes- und Landesregierungen sind aufgefordert, die Schlecker Frauen beim Kampf um ihre Existenzen mit aller Kraft zu unterstützen.

Sobald den Betriebsrätinnen die Listen vorlägen mit den 2.400 Filialen, die geschlossen werden sollen, würden sie diese kritisch prüfen. "Die Betriebsrätinnen werden ihre Kompetenz und Vorschläge einbringen, und dies hat Einfluss auch auf das Fortführungskonzept", unterstrich Nutzenberger. Dazu werde es nächste Woche Betriebsrätetreffen geben.