Der HDE verbreitete Zahlen über einen enormen Beschäftigungszuwachs im Einzelhandel seit den neuen Ladenöffnungszeiten. Doch ein genaues Bild geben die Statistiken nicht her.

Herbert Jöris ist verärgert. Irgendwie will dem Einzelhandelsverband HDE niemand abnehmen, dass seit der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten Ende 2006 sage und schreibe 60.000 neue Stellen in der Branche geschaffen worden sein sollen. HDE-Geschäftsführer Jöris verweist aber auf die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, auf die sich der Verband berufen hatte, als er im Spätherbst 2008 dieses mittlere Jobwunder vermeldete.

Jöris sagt im Gespräch mit Der Handel, dass sogar der HDE über den Anstieg der Beschäftigung seit der Liberalisierung überrascht gewesen sei. Ein erster Blick auf die Statistik der Bundesagentur für Arbeit bestätigt diesen Eindruck. Denn im März 2007 gab es im Einzelhandel 2.001.750 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Genau ein Jahr später waren es 2.034.755 Beschäftigte (immer ohne Kfz-Handel) - das ist ein Plus von 33.000 Stellen. Aber keine 60.000.

Minijobs und saisonale Schwankungen

Die Differenz dazu machen Minijobs aus, sagt Jöris mit Verweis auf die Zahlen der Arbeitsagentur. Minijobs sind allerdings nicht zu verwechseln mit Vollzeitstellen, von denen die Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Wie volatil zudem der Stellenmarkt im Einzelhandel ist, beweist der Statistikvergleich aus unterschiedlichen Jahren zu verschiedenen Stichtagen: Im Dezember 2006, einen Monat nach der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten, zählte die Bundesagentur 2.016.712 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Handelsbranche. Im Juni 2007 waren es dann nur noch 1.997.320, während im Dezember desselben Jahres 2.047.530 Mitarbeiter erfasst worden sind. Alles ohne Minijobber.

Es ist daher schwer, von einem dauerhaft gestiegenen Beschäftigungsstand im Einzelhandel zu sprechen. Jöris verweist auf saisonale Schwankungen, wie dem branchenüblichen Sommerloch.

Skepsis über "Zweckoptimismus"

Auch in der Branche herrscht teilweise Skepsis über den vermeintlichen Stellenboom. „Das neue Ladenschlussgesetz hat keine neuen Arbeitsplätze geschaffen. Wer das behauptet, verbreitet Zweckoptimismus", sagt der Frankfurter Parfümerie-Händler Frank Albrecht zu Der Handel. Der Präsident des Hessischen Einzelhandelsverbandes war und ist ein Kritiker der Ladenöffnungszeiten-Liberalisierung.

Waltraud Loose, Geschäftsführerin des Einzelhandelsverbands Nordrhein-Westfalen versucht, den HDE-Nachrichten etwas Gutes abzugewinnen: „Hier vertraue ich einmal Hauptgeschäftsführer Stefan Genth, er wird diese Zahlen auch belegen können. Ich hoffe aber, dass diese neuen Jobs auch langfristig Bestand haben."

Für Dieter Perk hat sich nach der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten vor allem eines verändert: die Menge der Teilzeitkräfte. „Es ist aus meiner Sicht eher der Trend zum Abbau der Vollzeitbeschäftigten und zur Erhöhung der Teilzeitbeschäftigten mit niedrigeren Einkommen festzustellen. Ein quantitativer Zuwachs der Beschäftigtenzahlen ist aus meiner Beratungspraxis nicht zu erkennen", sagt der Einzelhandels-Unternehmensberater aus Lotte-Wersen in Nordrhein-Westfalen.

Steffen Gerth
Dieser Artikel erschien in Der Handel, Ausgabe 1/09