Schufa-Vorstand Dr. Michael Freytag im Interview über die Zahlungs­moral der Deutschen, den Kauf auf Rechnung und Facebook & Co. als Datenquelle.

Foto: Schufa
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Wie ist es um die Bonität der Deutschen bestellt?

Die Bonität der Deutschen ist sehr gut. Wir haben Informationen über rund 66 Millionen Personen in unserer Datei und kennen deren Zahlungsverhalten sehr exakt. 97,5 Prozent aller Kredite werden zurückgezahlt, und diese Quote ist seit Jahren stabil, obwohl die Anzahl der Kreditaufnahmen in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent zugenommen hat. Daraus lässt sich Dreierlei ablesen: Das Risikomanagement des Handels und der Banken funktioniert, unsere Bonitätsauskünfte stimmen und die Konsumenten sind in der Lage, ihre Kreditengagements richtig einzuschätzen und Zahlungsverpflichtungen einzuhalten. Das Kreditsystem in Deutschland funktioniert also.

Gibt es bei der Zahlungsmoral signifikante regionale Unterschiede?
Wir haben zum Teil in Großstädten und Ballungsräumen eine etwas andere Situation als im ländlichen Raum. Es gibt aber keine großen Unterschiede. In allen Teilen Deutschlands funktioniert der Kauf auf Kredit gleichermaßen.

Und wie sieht es mit Unterscheidungsmerkmalen wie dem Alter der Konsumenten aus?
Es gibt in keinem Bereich signifikante Unterschiede, nur leichte graduelle Abweichungen. Bei jüngeren Kreditnehmern beträgt die Rückzahlungsquote 96,5 Prozent und bei älteren Kreditnehmern, deren Zahl stark zunimmt, ist die Zuverlässigkeit noch höher, der Wert liegt bei über 98 Prozent.

Welche Handelsbranchen nutzen die Auskünfte der Schufa am häufigsten?
Der Kfz-Sektor, die Möbelbranche und der Handel mit Unterhaltungselektronik – und natürlich der Versandhandel, insbesondere der boomende Onlinemarkt. Dabei geht es zunächst um Identitätsfeststellungen, Adressauskünfte und Volljährigkeitschecks. Und natürlich will der Händler Infor­mationen über das Zahlungs­verhalten des Kunden haben. Wir speichern dabei nicht nur negative Einträge, sondern vor allem positive Daten. Bei 91 Prozent der 66 Millionen Personen, die wir kennen, geben wir ausschließlich positive Zahlungsinformationen an den Handel weiter. Das ist unser Alltagsgeschäft.

E-Commerce und der Trend zum Kauf auf Rechnung im Internet müssten der Schufa doch einen regelrechten Boom bescheren?
Der Bereich Handel und E-Commerce ist für uns ganz klar ein Wachstumssegment, auf das wir uns auch noch stärker konzentrieren wollen. Erfahrungsgemäß ist die Preisgabe von Informationen wie Kreditkartendaten für viele eine Hemmschwelle beim Einkauf im Internet. Unsere Dienstleistung ist daher für Onlinehändler Gold wert. Wir ermöglichen den Kauf auf Rechnung mit einem Klick, da die Daten des Kunden in Sekundenschnelle mit unseren Daten abgeglichen werden. Das ist für den Handel hilfreich, aber auch für den Kunden, denn der Kauf auf Rechnung ist die verbraucherfreundlichste Art zu bezahlen.  

Dennoch gibt es immer wieder Berichte – jüngst erneut von der Stiftung Warentest – über falsche oder schlechte Daten von der Schufa ...
Die Qualität unserer Daten ist sehr gut. Der neutrale Ombudsmann Professor Dr. Winfried Hassemer hat im vergangenen Jahr 25 Fehler festgestellt. Bei 103 Millionen Abfragen im Jahr dokumentiert das die Qualität unserer Auskünfte.

Im vergangenen Jahr sorgte eine geplante Kooperation mit dem Hasso Plattner Institut (HPI) für Aufregung. "Die Schufa will Daten bei Facebook sammeln", lautet der Vorwurf. Was waren die Hintergründe?
Wir brauchen und nutzen keine Daten aus sozialen Netzwerken. Denn wir haben eine über Jahrzehnte aufgebaute, hervorragende Datenbasis über die Bonität der Deutschen.

Warum sollte das HPI dann erforschen, wie sich im Internet verfügbare Daten für Bonitätsbewertungen nutzen lassen?
Uns interessiert sehr wohl, wie andere Unternehmen, die nicht über die gleichen Datenbestände verfügen wie wir, öffentlich zugängliche Informationen  im Internet für Geschäftsmodelle nutzen könnten – ohne dass der Ver­braucher davon weiß oder dies erlaubt hat. Deshalb wollten wir erforschen lassen, welche Daten heute bereits verfügbar sind und wie man diese verwenden könnte.

Für die Schufa, als ein im Wett­bewerb stehendes Unternehmen, ist es von großer Bedeutung, wenn Firmen die private Nutzung des Netzes für Profilbildungen kommerzialisieren. Dies transparent zu machen und öffentlich zu diskutieren, war unser Ziel. Ich bedauere sehr, dass es offenbar immer noch möglich ist, mit dem Namen "Schufa" Ängste zu schüren und dass das Projekt nicht zustande kommt. Die grundsätz­liche Debatte über die Thematik wird aber sicherlich ­weitergehen.

Interview: Hanno Bender

Zur Person
Dr. Michael Freytag ist seit November 2010 Vorsitzender des Vorstands der Schufa. Nach zehn Jahren Corporate & Investmentbanking bei der Deutschen Bank wechselte der Jurist 2001 in die Politik und war unter anderem von 2004 bis 2010 als Senator der Freien Hansestadt Hamburg zunächst für das Ressort Stadtentwicklung/Umwelt und später für ­Finanzen verantwortlich.

Zum Unternehmen
Die Keimzelle der Schufa war 1927 das Berliner Versorgungsunternehmen Bewag, das Küchengeräte per Ratenzahlung verkaufen wollte. Heute nutzen rund 7.000 Unternehmen aus den Bereichen ­Banken, Telekommunikation, Wohnungswirtschaft und Handel die Auskünfte der Schufa und melden ihre Daten bei der Schutzgemeinschaft ein. Der größte Gesellschafter der Schufa aus dem Handel ist die Otto Group.

Dieses Interview ist in der Januar-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier