Als Onlinehändler reicht es nicht mehr, nur die Bonität oder Identität des Kunden zu checken. Längst nutzen Betrüger auch fremde Geräte oder Kundenkonten.  Darauf hat sich auch die Schufa eingestellt. Wir haben nachgefragt, wie sie Händlern bei der Betrugsprävention unterstützt - und ob die Schufa-Manager die Konkurrenz neuer Big Data-Dienstleister fürchten.

Jens Junak, verantwortlich für den Bereich Wachstumsmärkte bei der Schufa, erklärt, wie die "Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung" das Risiko der Händler minimieren will und ob sie bei der Internationalisierung der Geschäfte helfen kann.

Herr Junak, wie geht es dem Handel?

Die Arbeitslosenquote in Deutschland ist niedrig, das Bruttoinlandsprodukt hat sich positiv entwickelt, das Konsumklima ist sehr gut. Die Menschen haben Geld und geben es aus. Wir hören aus dem stationären Einzelhandel, dass der Umsatz im Dezember der stärkste war, den es je gab. Andererseits verschwinden kleinere Ladengeschäfte, weil sie sich dem Trend der Digitalisierung nicht stellen.



Ist die Digitalisierung die größte Herausforderung?

Die Digitalisierung treibt den Strukturwandel sehr stark. Der Einkauf beginnt heute häufig auf dem Smartphone und wird im Geschäft abgeschlossen oder anders herum. Dann will der Kunde über das Smartphone bestellen und möglicherweise auch bezahlen. Der Trend geht zu Mobile Commerce und Mobile Payment. Für den Handel bedeutet dies, er macht zunehmend Geschäfte mit Personen, die er nicht kennt. Zudem sehen die Händler die Gefahr, dass sie die Hoheit über die Kundendaten an zwischengeschaltete Payment-Dienstleister verlieren.

Jens Junak, Leiter Vertrieb Wachstumsmärkte bei der Schufa Holding AG.
© Schufa Holding AG
Jens Junak, Leiter Vertrieb Wachstumsmärkte bei der Schufa Holding AG.
Wie kann sich der Händler davor schützen?

Der Händler müsste die gesamte Zahlungsabwicklung selbst steuern, das ist gerade für kleinere Geschäfte schwierig.

Welche Konsequenzen hat dieser Strukturwandel?

Studien besagen, dass der Umsatzanteil des E-Commerce weiter stark wachsen wird. Lokale Grenzen werden unwichtiger. Die Anonymität steigt. Der Verkäufer benötigt aber Informationen über den Käufer, die er früher über den persönlichen Kontakt im Laden hatte. Ein großes Thema ist – neben der Bonität – der Schutz vor Betrug. Damit beschäftigen sich bereits viele große Onlinehändler, da durch Betrugsversuche massiver Schaden entsteht. Was früher der Ladendiebstahl war, ist heute der Onlinebetrug.

"Wir können für nahezu alle volljährigen und wirtschaftlich aktiven Menschen in Deutschland in Echtzeit eine Auskunft zur Verfügung stellen"

Jens Junak, Schufa Holding
Wie reagiert die Schufa darauf?

Es gibt zwei Arten des Betrugs. Den Eingehungsbetrug – ich bestelle Ware, habe aber von vornherein nicht die Absicht oder die Mittel, sie zu bezahlen; und den Identitätsmissbrauch - ich verwende eine Identität, die gestohlen oder erfunden ist, um Waren zu bestellen und diese nicht zu zahlen. Die Schufa bietet verschiedene Lösungen für Händler an, sich ein Bild von ihrem Kunden hinsichtlich Identität und Bonität zu machen. Gerade im Bereich der Betrugsprävention merken wir eine steigende Nachfrage.

Können Sie Beispiele nennen?

Es gibt die klassische Bonitätsprüfung. Wir können für nahezu alle volljährigen und wirtschaftlich aktiven Menschen in Deutschland in Echtzeit eine Auskunft zur Verfügung stellen. So erfahren Händler, ob ein Kunde in der Vergangenheit schon einmal seine Rechnungen nicht gezahlt hat und können entsprechend reagieren. Unsere Scores liefern aufgrund der Positivdaten trennscharfe Prognosen zur Rückzahlungswahrscheinlichkeit. Wir unterstützen Händler zum Beispiel auch bei der Abwicklung von Rücklastschriften, indem wir innerhalb von 24 Stunden Namen und Adresse eines Kunden liefern, damit der Händler mit ihm in Kontakt treten kann. Alternativ müsste der Händler jedes Kreditinstitut einzeln anschreiben und um diese Informationen bitten.

"Bei einer Vielzahl von Betrugsarten im Onlinehandel genügt die herkömmliche Identitäts- oder Bonitätsprüfung nicht mehr"

Jens Junak, Schufa Holding

Und im Hinblick auf die Identitätsüberprüfung?

Hier bieten wir mehrere Produkte an, etwa den Identitätscheck Jugendschutz. Er prüft, ob Käufer volljährig sind. Bei einer Vielzahl von Betrugsarten im Onlinehandel genügt jedoch die herkömmliche Identitäts- oder Bonitätsprüfung nicht mehr, da Betrüger die Daten von real existierenden dritten Personen verwenden, zum Beispiel bei Identitätsdiebstahl oder der „Übernahme“ eines bestehenden Kundenkontos durch unbefugte Dritte. Wir bieten daher auch eine Lösung zur Betrugsprävention durch Geräteidentifikation im Onlinehandel.
Hier wird zu dem Gerät, mit dem eine Bestellung getätigt wird, eine Risikoeinschätzung vorgenommen und an den Händler übermittelt. Dazu arbeiten wir mit einem Partner zusammen, der über die Gerätedaten verfügt. Die gerätebezogenen und die personenbezogenen Daten sind strikt getrennt.

Wie funktioniert diese Geräteüberprüfung?

Geräte sind anhand spezifischer Informationen, die beim Aufrufen einer Webseite zwischen diesem Gerät und der Seite ausgetauscht werden, identifizierbar; etwa Informationen über die verwendete Softwareversion oder Spracheinstellungen. Die Gerätedaten sowie eventuell vorliegende negative Erfahrungen bilden die Grundlage der Risikoeinschätzung. So helfen wir Unternehmen im Handel, ihr Risikomanagement zu komplettieren und schützen gleichzeitig auch Privatpersonen, deren Gerät - ähnlich dem Identitätsklau – gehackt und für Betrug missbraucht wird.

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Immer mehr Online-Händler richten ihr Geschäft international aus. Arbeiten Sie mit internationalen Partnern zusammen, um Risiken für die Händler zu minimieren?

Wenn Händler ein Problem mit Debitoren oder Kunden im Ausland haben, dann können wir auf unser Netzwerk an internationalen Partnern zurückgreifen. Unser Hauptgeschäftsfeld liegt aber in Deutschland.


Trotz der zunehmenden Verflechtung trennt die Schufa immer noch stationären Handel und E-Commerce. Wieso?

Es ist eher eine Begriffstrennung in der Kundenansprache, weil es Unternehmen gibt, die sich etwa primär als Onlinehändler gegründet haben oder solchen, die aus dem klassischen Einzelhandel kommen. Auf Produktebene ist die Trennung gar nicht mehr so vorhanden. Wir unterstützen beide Kundengruppen, und wer online und offline verkauft, bekommt Lösungen, die für beide Kanäle anwendbar sind.

Welche Handelsbranchen nutzen die Auskünfte der Schufa am häufigsten?

Grundsätzlich sind alle Branchen als Schufa-Vertragspartner vertreten. Mode, Elektronik, Medien & Entertainment, der Lebensmitteleinzelhandel und die Möbelbranche sind Schwerpunkte. Auch Multiplikatoren wie Zahlungsdienstleister oder Anbieter von Kundenkarten mit Bezahlfunktion greifen auf uns zurück. Immer wichtiger wird auch das B2B-Geschäft. Unternehmen verkaufen ihre Produkte zunehmend nicht mehr nur an Privatpersonen, sondern auch an andere Unternehmen. Gerade im Onlinehandel gewinnen Plattformen wie Amazon Business, Mercateo oder Rakuten massiv an Bedeutung.

Händler können sich bei der Schufa über die Bonität anderer Händler informieren?

Auch im Wirtschaftsinformationsbereich können wir Auskunft über die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls geben. Dazu gehören Informationen über die Bonität und Stammdaten der Firma bis hin zu Informationen über Verflechtungen, Vertretungsbefugnisse, Bilanzkennzahlen. Für Händler im Onlinebereich interessant dürfte die "Kurzauskunft Direkt" sein, hier bekommt man in Echtzeit Informationen über Firmenkunden.

Welche Preise rufen Sie ab?

Das ist abhängig davon, welche Leistungen ein Unternehmen von uns beziehen möchte. Es ist eben nicht so, dass man nur eine Zahl zurückbekommt. Will man nur sein Ausfallrisiko minimieren und nutzt dafür unseren Branchenscore oder möchte man eine umfassendere Absicherung vom Zahlungsausfallrisiko bei Zahlung per EC-Karte an der Kasse bis zur Betrugsprävention im Online-Geschäft. Wir verstehen uns als Lösungsanbieter und bieten unseren Kunden auf sie abgestimmte Angebote und Preismodelle.  

Im Onlinegeschäft gibt es immer mehr Zahlungsabwickler, die selbst Daten sammeln, auswerten, und nur noch stichprobenartig auf Schufa-Daten zurückgreifen. Sehen Sie mittelfristig das Schufa-Geschäftsmodell in Gefahr?

Ich würde eher von einer perfekten Ergänzung sprechen. Die Anbieter haben Informationen zu den Zahlungserfahrungen von wiederkehrenden Kunden. Wenn es um Neukunden geht oder um die Prüfung von Kunden, die länger nicht aktiv gewesen sind, greifen auch diese Anbieter auf uns zurück. In der Regel sind diese Anbieter also auch Kunden der Schufa und nutzen unsere branchenübergreifenden Informationen als Mehrwert zu ihren eigenen Daten.

Wer wissen will, wie es um das Zahlungsverhalten der Deutschen steht und warum es nicht nur einen Schufa-Score gibt, kann hier weiterlesen: Der Handel, Ausgabe 02/2017.
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