Der starke Franken treibt die Schweizer in deutsche Läden. In Konstanz nehmen Händler den Mehrumsatz gerne mit, bleiben aber eher gelassen - denn mit diesem Phänomen haben sie reichlich Erfahrung.

Reisebusse aus aller Herren Länder steuern die Bodenseeregion an. Wer durch die engen Altstadtgassen von Konstanz flaniert, hört hier spanisch, italienisch, französisch, japanisch und deutsch - mal mit schwäbischem oder badischem, mal mit schweizerischem Zungenschlag.

Natürlich erkenne man Kunden aus der Schweiz in der Regel an der Sprache, sagt der Uhrmachermeister und Juwelier Rolf Weber, dessen Geschäft nur einen Steinwurf vom 2008 sanierten, makellos in der hellen Sonne strahlenden Münster entfernt liegt.

Knapp die Hälfte der Kunden sind Schweizer

Dem kräftigen Mann mit der ruhigen Stimme ist Zürich weit näher als Frankfurt oder gar Berlin. Und das in jeder Hinsicht. "Mehr als die Hälfte" der Menschen in der Bodenseeregion würden bei einem Referendum für den Beitritt zur Schweiz votieren, schätzt er und zitiert eine Studie der "Weltwoche" aus dem Jahre 2010, wonach 48 Prozent der Baden-Württemberger liebend gerne dem Schweizer Staatsgebiet beitreten würden. „Ich übrigens auch."

Weber hat den Betrieb von seinem Vater übernommen. Die Geschäfte gehen offenbar gut, die Klingel über dem Eingang zur Ladentür kündet alle paar Minuten vom Nahen eines neuen Kunden.

"Zu etwa 40 bis 50 Prozent", schätzt Weber, komme die Kundschaft aus dem Nachbarland, das man von der Konstanzer Altstadt aus am allerbesten zu Fuß erreichen kann. „Und das seit Jahr und Tag."

Eine Zahl, die die Geschäftsleute in der Stadt mit kleinen Abweichungen unisono bestätigen. So wie Harm-Udo Müller, der die Zahlen für sein Optikergeschäft nur geringfügig nach unten korrigiert.

Keine neue Entwicklung

"Traditionell etwa 45 Prozent Schweizer Kunden" seien es auch bei ihm, sagt er, "die sind ja nicht in den letzten Wochen vom Himmel gefallen."

Auch Rolf Weber ist irritiert, dass die Medien von einem "Boom" sprächen, seit durch den starken Franken für Schweizer der Einkauf in der Euro-Zone so attraktiv ist. Der rege Grenzverkehr, darauf legt Weber wert, sei ja keine Entwicklung der letzten Monate, sondern seit Jahrzehnten gelebte Realität entlang des Rheins.

Und dennoch: Die Preisunterschiede sind in manchen Bereichen in den letzten Monaten deutlich größer geworden. "Vor allem Lebensmittel und Drogerieartikel" seien in Deutschland "zurzeit fast halb so teuer", berichtet eine junge Mutter, die mit Tochter und Kinderwagen gerade aus einer Müller-Filiale kommt. "Vor zehn Jahren war das noch genau umgekehrt."

Umsatzplus von 6,3 Prozent

Dass die ganze Region seit jeher enorm von der Nähe zur Schweiz profitiert, ist unbestritten und wird von den neuesten Zahlen auf beeindruckende Weise unterfüttert. Manfred Noppel, Hauptgeschäftsführer des südbadischen Einzelhandelsverbandes, geht davon aus, dass die Geschäfte entlang der Schweizer Grenze "ihren Umsatz zu 55 Prozent mit den Nachbarn tätigen."

Doch in den vergangenen Monaten hat sich die Zahl der Kunden aus der Schweiz noch einmal rapide erhöht. Die rund 8.000 Händler zwischen Oberrhein und Bodensee erzielten nach Zahlen des Einzelhandels­verbandes in den vergangenen acht Monaten ein Umsatzplus von durchschnittlich 6,3 Prozent, am Hochrhein (wo Städte wie Walds­hut-Tiengen oder Lörrach von der Nähe zu Zürich und Basel profitieren) plus 13,1 Prozent, am Bodensee plus 10,9 Prozent.

Allein in Konstanz stammen etwa 30 Prozent der 70.000 Menschen, die pro Woche zum Einkaufen in die Stadt kommen, aus der Schweiz. "Dieser Anteil dürfte auf etwa 38 Prozent, also etwa 27.000 Menschen gestiegen sein", weiß Ulrich Hilser.

Geben und Nehmen

Der Pressesprecher der Stadt Konstanz, der sich dabei auf Zahlen der "Wirtschaftsförderung Konstanz" beruft, legt aber Wert auf die Feststellung, dass man den Zustrom aus der Schweiz nicht aktiv befördere: "Man sieht die großen Probleme der Schweizer Einzelhändler, es wird daher keine zusätzliche Werbung jenseits der Grenze geschaltet."

Schon jetzt müsse die Stadt zu außergewöhnlichen Maßnahmen greifen, um der Besucherströme Herr zu werden. "Die Mitarbeiter der Ortspolizeibehörde sind in verstärktem Einsatz", weiß Hilser. In der Innenstadt wurde ein zusätzlicher Behelfsparkplatz eingerichtet, am Rande der Altstadt wurden zusätzliche Park-and-Ride-Flächen ausgewiesen.

Auch der Umsatz von Rolf Webers Juweliergeschäft ist in den vergangenen Monaten um 10 bis 15 Prozent gestiegen. Doch das sind keine Zahlen, die den gelassenen Mann aus der Ruhe bringen würden. Es sei noch gar nicht so lange her, da seien die Deutschen in den Grenzgebieten zum Einkauf in die Schweiz gefahren, um sich dort mit Lebensmitteln und Benzin einzudecken. „Das ist hier in der Region doch ein ständiges Geben und Nehmen. Irgendwann sind die Besucherströme auch wieder auf der anderen Seite", ist sich der Händler sicher.

Christoph Ruf

Dieser Artikel ist in der Oktober-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Ein kostenfreies Ansichtsexemplar erhalten Sie hier.