Die frühere Ikea-Managerin Iris Skowronek über die neue Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt, deren Qualifikationen im Handel, sowie die Motivation der Schwedin, so einen schwierigen Job anzutreten.

Beraterin Skowronek, Foto: Reinhard Rosendahl
Beraterin Skowronek, Foto: Reinhard Rosendahl
Frau Skowronek, erstmals wird mit Eva-Lotta Sjöstedt eine Frau das Traditionsunternehmen Karstadt führen. Auf was muss sie sich einstellen?

Auf viel Gegenwind. Ich merke jetzt schon, dass man bei ihr versucht, das Haar in der Suppe zu finden.

Wie denn?
Indem gesagt wird, dass sie als Frau nur zweite Wahl sei und keine Erfahrung im deutschen Einzelhandel habe.

Hat sie ja auch nicht.
Na und? Wenn jemand Einzelhandel kann, dann Leute von Ikea. Dort lernt man nicht nur Möbel unter die Leute zu bringen, sondern die grundsätzlichen Dinge des Handels. Also: verkaufen, und zwar strikt aus Kundensicht. Was will der Kunde? Welche Probleme hat er, und welche Lösungen kann man ihm anbieten. Und genau dieses Denken wird Eva-Lotta Sjöstedt mitbringen. Sie bringt Demut vor dem Kunden mit und keinen narzisstischen Größenwahn eines Unternehmenschefs. Davon gab es ja gerade bei Karstadt weiß Gott genug.

Schön und gut, aber nun kommt sie in ein deutsches Warenhaus, das nicht nur wirtschaftliche Probleme hat, sondern auch ein schlechtes Image. Die Mitarbeiter sind demotiviert - und es entwickelt sich eine neue Eigentümerstruktur, bei dem Nicolas Berggruen so langsam die Macht an René Benko abzugeben scheint. Unklar sind darüber hinaus Benkos Pläne.
Ja, diese Unklarheit wird ihr Problem sein. Eva-Lotta Sjöstedt kann Märkte analysieren, sie kann kundenorientiert denken - aber diese verworrenen Karstadt-Strukturen hatte sie bei Ikea nicht. Und hieraus erwächst der Gegenwind, der ihr ins Gesicht blasen wird. Ich hoffe, dass sie ein Gespür für Menschen hat und mit der komplizierten Lage gut umgehen kann.

Es spricht nicht viel für eine gute Zukunft von Karstadt, dafür viel für eine Fusion mit Kaufhof. Eva-Lotta Sjöstedt setzt sich auf einen Schleudersitz. Warum?
Ich glaube, dass sie nicht wegen Macht und Ruhm zu Karstadt geht. Das wäre vielleicht etwas für Männer. Meine Vermutung ist, dass es ihre Hauptmotivation ist, dieses angeschlagene Unternehmen spürbar voranzubringen. Es ist ganz sicher die berufliche Herausforderung, die Eva-Lotta Sjöstedt antreibt.

Wieviel von Ikea kann sie bei Karstadt einbringen, muss sie einbringen - und wird sie letztlich einbringen dürfen?
Das ist die große Frage. Wenn man sie lässt, kann sie sehr viel einbringen. Nicolas Berggruen hat als Eigentümer jede Menge versäumt. Es wurde nicht genug investiert, und es ist vor allem unklar, für was Karstadt steht. Nicht nur bei der Ware - sondern als Handelsunternehmen insgesamt.

Frau Skowronek, Sie waren fast anderthalb Jahrzehnte bei Ikea in führender Position tätig. Was ist denn das Markante dieses Unternehmens? Das Duzen der Kunden?
Unsinn. Bei Ikea lernt man, einen Markt strikt aus Kundensicht zu analysieren. So etwas fehlt ja generell im deutschen Handel, nicht nur bei Karstadt. Wenn man sie lässt, dann wird sie sich jede Karstadtfiliale anschauen und abwägen, was dort unter Berücksichtigung der lokalen Begebenheiten zu tun. Und sie wird darüber nachdenken, ob man beispielsweise wirklich noch vor Ort zwei Karstadthäuser benötigt, wenn der Konkurrent Kaufhof um die Ecke auch noch eine Filiale betreibt.

Ihr Vorgänger, der Brite Andrew Jennings, ist auch durchs Land gereist, aber immer mit Dolmetscherin. Dieses Defizit hat die Kommunikation im Unternehmen erschwert, auch mit den Betriebsräten. Wird sich das unter Eva-Lotta Sjöstedt ändern?
Es war immer eine Stärke von Ikea, dass man dort mit den Menschen arbeitet und auf sie zugeht. Ich bin fest davon überzeugt, dass die neue Karstadtchefin in kurzer Zeit die deutsche Sprache beherrschen wird.

Interview: Steffen Gerth

Zur Person: Iris Skowronek war zwischen 1991 und 2007 bei Ikea Deutschland in Führungspositionen tätig. Unter anderem leitete sie die Filialen in Regensburg, Großburgwedel und Koblenz. Heute arbeitet sie in Bad Kreuznach als Beraterin für Handelsunternehmen.