Bei Aldi und Lidl kann man jetzt mit Kreditkarte bezahlen. Den Durchbruch brachte die Begrenzung der Gebühren. Darüber und über die Zukunft des mobilen Bezahlens sprachen wir mit dem Visa-Topmanager Volker Koppe.

Herr Koppe, ab dem 9. Dezember gilt die EU-Deckelung der Kartengebühren. Ist das ein schwerer Schlag für Sie?

Die Interchange-Regulierung ist da, nun müssen wir die Zukunft des Bezahlens gemeinsam gestalten. Wir helfen unseren Mitgliedsbanken bei der schnellen Umsetzung der Regulierung und arbeiten dazu intensiv mit Händlerbanken und Händlern zusammen. Unser Ziel ist es, die Visa-Akzeptanz in Deutschland weiter und schneller auszubauen. Die neuen Rahmenbedingungen werden dem Handel helfen, Innovationen wie kontaktloses und mobiles kontaktloses Bezahlen mit Visa in der Breite umzusetzen. Damit können die sinkenden Einnahmen der Banken abgemildert werden. Wichtig ist, dass auch Händler in die neuen, schnellen und kundenfreundlichen Bezahlverfahren wie kontaktlos und mobil investieren, die ihnen selbst und ihren Kunden einen wirklichen Mehrwert bieten.

Spüren Sie schon positive Effekte der Regulierung?

Viele Händler, darunter fast alle Discounter, haben sich bereits für Visa geöffnet oder wollen künftig Visa akzeptieren. Das gab es bislang nur für Debitkarten und VPAY. Wir sehen bereits, dass die Zahl der Transaktionen steigt. Ich denke, dass wir in einem Jahr ein aussagekräftiges Fazit ziehen können.

Was haben Sie getan, um den Händlern das Geschäft mit Kreditkarten schmackhaft zu machen?


Zunächst einmal ist es ja so, dass Händlerbanken Verträge mit Händlern schließen – nicht Visa. Die Händlerbanken haben intensiv mit Discountern und anderen großen Händlern daran gearbeitet, die Kreditkarten-Akzeptanz einzuführen bzw. zu erweitern. Dass dies so schnell gelungen ist, hat Signalwirkung für den gesamten deutschen Markt.

Bisher akzeptierten Aldi und Lidl nur Girocard, ausschließlich mit PIN. Ließen sich diese Geräte technisch einfach auf Kreditkarten umstellen?

Diese Händler haben auch bislang schon VPAY als Debitkarte akzeptiert. Neu ist, dass dort jetzt auch die Zahlung mit Kreditkarten möglich ist; bei Aldi Nord sogar schon flächendeckend kontaktlos. Es gibt ein paar Geräte, wo die Händler noch ein Softwareupdate machen mussten, aber meist kaufen die großen Handelsketten Standardterminals ein, die auf dem Markt verfügbar sind. Das Weitere ist dann nur noch eine Frage der Konfiguration am Terminal.

Also braucht man keine neuen Geräte?

Hier geht es eher um die Softwareeinstellung. Diese kann lokal erfolgen oder per Download. Der Händler kann im Vertrag mit dem Acquirer auswählen, ob er Debit-, Girokarten und Kreditkarten akzeptieren möchte. Technisch sind alle Geräte dazu in der Lage. Und alle Terminals, die heute verkauft werden, können schon NFC.

Und falls ich noch alte Terminals rumstehen habe?

Wenn Sie wirklich noch ein altes haben, müsste das für NFC-Zahlungen getauscht werden. Aber das dürften schon sehr alte Terminals sein, wenn sie nur Girocard oder Geldkarte akzeptieren.

Bis wann sollte die Umstellung erfolgt sein?

Die großen internationalen Anbieter wie Visa und MasterCard haben vorgegeben, dass bis 2020 alle Karten und Geräte im Markt kontaktloses Bezahlen über NFC abwickeln können. Neue Terminals müssen schon ab Januar 2016 über kontaktlose Bezahlfähigkeit verfügen.

Die großen Händler sind nun dabei. Doch wie macht man es kleinen Händlern schmackhaft, die Terminals umzustellen?

Bis die kleineren Händler mitmachen, wird es noch etwas dauern. Richtig interessant ist kontaktloses Bezahlen mit Visa dort, wo es an der Kasse schnell gehen muss und der Durchschnittsbon klein ist. Discounter oder Fastfood-Ketten sind die klassischen Segmente, aber auch in den hochfrequentierten Backshops oder Geschäften an Flughäfen und Bahnhöfen muss es schnell gehen.

Wie viele Geräte im Handel ermöglichen heute kontaktloses Bezahlen?


Derzeit sind es knapp 60.000 Terminals.

Von wie vielen insgesamt?

Insgesamt gibt es in Deutschland an die 800.000 Zahlungsterminals. Natürlich müssen vor allem die großen Händler mitmachen, um die Zahl zügig zu erhöhen. Wir gehen davon aus, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren 200.000 bis 300.000 Terminals gegen NFC-fähige Geräte ausgetauscht werden. Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen erfolgt.
 
Dennoch zahlen die meisten Deutschen Kleinbeträge immer noch am liebsten bar.

Ja, etwa drei Viertel aller Zahlungsvorgänge und die Hälfte aller Umsätze.

Wie lassen sich die Kunden dazu bewegen, künftig ihr Handy zu zücken und einfach mobil kontaktlos zu bezahlen?

Auch das geht nicht so schnell. Wir glauben fest, dass diese Zahlungsart erstmal über die Karte gelernt werden muss. Erst muss die Akzeptanz beim Kunden geschaffen werden, auch durch mehr Terminals. Wenn es in einem Markt wie Deutschland nur 60.000 Terminals gibt, stoßen die Konsumenten nicht ständig auf ein solches Gerät. In Osteuropa, Großbritannien oder Spanien sieht das schon ganz anders aus – aber auch Österreich und die Schweiz haben uns schon überholt. Zunächst ist die NFC-fähige Karte ein ganz wichtiger Schritt.

Wie viele Karten können das?

Aktuell sind in Deutschland 3,2 Millionen Visa-Karten schon kontaktlos ausgestattet. Europaweit sind es 143 Millionen kontaktlose Visa-Karten. Unsere Mitgliedsbanken in Europa geben jeden Monat ein bis zwei Millionen neue Karten mit dieser Technologie aus. Das ist einfach Standard. Wenn Banken heute neue Karten ausgeben, sind die kontaktlos.

Das heißt für mich als Verbraucher, ich zücke so oder so meine Karte – die Verkäuferin zieht sie entweder durch oder ich leg sie einfach nur drauf. Also, wo ist dann mein Vorteil als Verbraucher?

Kontaktloses Bezahlen ist viel schneller, da Sie die Karte nicht mehr aus der Hand geben müssen. Das hängt allerdings auch stark davon ab, wie der Handel den Ablauf mit den VerkäuferInnen trainiert. Hinzu kommen Faktoren wie die Ausrichtung des Terminals. Das Terminal muss in Richtung Kunden stehen. Oft zeigen die Geräte in Deutschland noch nicht zum Kunden, sondern sie stehen beim Kassierer.

Wer schult denn das Personal im Handel, Visa selbst?

Wir unterstützen dabei mit Informationsmaterial, aber grundsätzlich ist das eine Sache, die der Acquirer zusammen mit dem Handel macht.

Warum soll in Deutschland auf einmal der Durchbruch kommen?

Mit dem Wort Durchbruch tue ich mich schwer. Es ist eine langfristige Entwicklung. Wir beobachten immer mehr Aktivitäten beim mobilen Bezahlen und eine immer bessere Karteninfrastruktur.

Was haben die Discounter davon?

Es gibt viele Leute, die das Geld erst dann abzählen, wenn der Preis erscheint. Das hält auf. Kontaktloses Bezahlen dagegen spart Zeit – vor allem, wenn bei kleineren Beträgen weder PIN noch Unterschrift notwendig sind. Die Kassierer bei den großen Discountern werden so geschult, dass sie beim Bezahlvorgang ein paar Sekunden sparen. Außerdem wollen Händler wie etwa Lidl weniger Bargeld haben. Deshalb plakatiert das Unternehmen nun ganz groß in seinen Filialen, dass Visa und MasterCard akzeptiert werden.

Wie bringt man den Kunden dazu, dass er nicht die EC-Karte, sondern die Visa-Karte zückt?


Letztlich ist es Sache der Banken und Konsumenten, welche Karte sie nutzen. Wir können niemanden dazu zwingen, die Visa Karte zu nutzen. Wir können nur unsere Stärke herausstellen und sagen, was für die Visa Karte spricht: Sie wird weltweit akzeptiert; sie gibt Ihnen Sicherheit beim Bezahlen im Internet; und die Visa Karte ermöglicht Ihnen eben auch das schnelle kontaktlose Bezahlen.

Welche Rolle spielen Ihre VPAY Karten?

Es gibt ungefähr 100 Millionen Girocards, davon tragen 30 Millionen das VPAY Logo. Wenn Sie im Urlaub in Italien oder Frankreich mit der Karte zahlen oder Geld am Automaten holen wollen, dann wird das über VPAY abgewickelt. Der Kunde gibt ganz normal seine PIN ein, wie auch bei der Girocard im Inland. Bis vor sieben Jahren gab es nur die Möglichkeit, über Maestro zu bezahlen. Mit VPAY ist Wettbewerb in den Markt gekommen.

Sie werben mit mehr Sicherheit, wo liegt der Unterschied?

Die Abrechnung erfolgt ausschließlich über den Chip, nicht mehr über den Magnetstreifen. Das hat den Riesenvorteil, dass die VPAY-Karte nicht mehr missbräuchlich eingesetzt werden kann. Man muss immer die Originalkarte vorlegen, und Betrüger können mit Dubletten nichts mehr anfangen.

Was ist sicherer, Bargeld, Karte oder Handy?


Wenn ich mein Portemonnaie verliere, dann ist das Geld unwiderruflich verloren. Eine Karte kann ich sperren, und das Smartphone habe ich sowieso geschützt durch einen Passcode oder meinen Fingerabdruck.

Das Handy ist am sichersten?


Ja, dort habe ich sogar noch Lokalisierungsfunktionen. Ich kann es wiederfinden, die Karte nicht. Für mich ist das Smartphone noch das sicherste von allen. Wenn ich es verliere, kann ich die Zahlungsfunktion sofort sperren lassen.

Jetzt werben Sie für mobiles Bezahlen mit sogenannten Tokens, um die Sicherheit zu erhöhen. Was hat es damit auf sich?

Tokenisation ist die Verschlüsselung der Kreditkartennummern durch einen Platzhalter. Dieser Platzhalter kann einem Gerät wie dem Smartphone zugeordnet werden, einem Kanal wie dem
E-Commerce oder nur einem spezifischen Händler. Ein Datendieb kann damit also nur noch begrenzt etwas anfangen, wenn er überhaupt herausfindet, für welchen Anlass der Token generiert worden ist.

Wie funktioniert das genau?


Im Smartphone ist nicht nur ein solcher Platzhalter für die eigentliche Kartennummer gespeichert, sondern auch Schlüssel, die bei jeder Transaktion die Daten verschlüsseln. Übers Terminal geht also immer ein Kryptogramm. Die Schlüssel werden alle paar Stunden oder Tage erneuert – dies obliegt dem Risikomanagement der Bank.

Das heißt, der Token wird in meine App reingespielt und ich habe mit der Verschlüsselung gar nichts zu tun?


Es kann sein, dass das Smartphone aus Sicherheitsgründen nochmal Ihren Entsperr-Code einfordert. Aber in der Regel ist es so: Wenn die Schlüssel abgelaufen sind und die nächste Transaktion ansteht, lädt die App automatisch aktuelle Schlüssel herunter.

Woher kommt die Bezahl-App, von meiner Bank, oder eher von Anbietern wie Apple oder Google?

Es gibt verschiedene Anbieter für Mobile Payment Apps. Entweder bietet Ihre Bank schon eine App an – eventuell in Verbindung mit der Mobile Banking App – oder die Bank arbeitet mit anderen großen Anbietern zusammen, z. B. Google, Apple oder Samsung, sobald diese hier aktiv werden. Wir sehen aber in der Marktforschung, dass die Mehrheit der Kunden solche Apps am liebsten von ihrer eigenen Bank haben möchten, der sie in Gelddingen am meisten vertrauen.

Aber im Prinzip ist es immer die gleiche Technologie, sprich für den Händler ändert sich nichts?


Genau. Am Terminal ist es immer das Gleiche. Ob ich die Karte dagegen halte und die echte Kartennummer zum Einsatz kommt oder ein Smartphone mit einem Token darin – für den Händler ist es immer eine Visa-Transaktion, und wird auch so verarbeitet.

Haben Sie eine Strategie, wie sich der Online-Marktanteil erhöhen soll?

Ja, mit Hilfe der sicheren Wallets für den E-Commerce, in denen Sie die Kreditkarte hinterlegen können. Wenn der Karteninhaber auf der Internetseite des Händlers ist, wird er künftig auch in Deutschland ganz einfach durch Eingabe seiner Email-Adresse und Password bezahlen. Für den Konsumenten wird es viel bequemer werden. Er muss dann nicht mehr die sechzehnstellige Kartennummer, Verfallsdatum und Sicherheitsprüfziffer auf der Rückseite der Karte eingeben.

Warum läuft bei Amazon das meiste über Lastschriftverfahren?


Weil Amazon ausreichend groß ist. Die haben im Hintergrund eine so große Datenbank, dass sie die Transaktionen selbst auf ihr Risiko hin bewerten können. Die kennen ihre Kunden so gut, dass das Risiko gut gesteuert werden kann. Dann kann ein Händler auch die Lastschrift anbieten, die für ihn günstiger ist als die Kartenzahlung. Allerdings muss man natürlich den Aufbau entsprechender Scoring-Systeme und ihr Management mit einrechnen. Lohnt sich das, oder nutzt man besser die Sicherheitsmechanismen, die Kartenorganisationen bieten? Bei uns ist das Risiko sehr gering, Betrugsfälle machen nur 4 Cent pro ausgegebene hundert Euro aus.

Sicherheit und Bequemlichkeit: Steht nicht das eine dem anderen entgegen?


Nein, es ist ein logischer und schrittweiser Prozess, die Sicherheitsstufen anzupassen wenn sich die technischen Möglichkeiten dazu bieten – ohne die Bequemlichkeit der Kunden einzuschränken. Schauen wir doch auf die Entwicklung im Handel: Am Anfang gab es die Kreditkarte mit Magnetstreifen. Dann kam der Chip hinzu, mit dem die Echtheit der Karte belegt werden konnte. Und nun ist es die Kontaktlos-Technologie für noch schnellere Zahlungen, mit einem sehr hohen Sicherheitsniveau.

In der mobilen Welt schaffen nun Tokens den Spagat zwischen Sicherheit und Bequemlichkeit: Für den Kunden ist das gut, er zahlt ganz schnell und bequem. Im Hintergrund laufen aber sehr komplexe Sicherheitssysteme, die dafür sorgen, dass Betrüger keine Chance haben. Das ist vielleicht sogar der entscheidende Unterschied zu früher: Heute liegt die ganze Sicherheitstechnologie im Hintergrund, auf den sicheren Systemen der Banken. Der Kunde merkt davon gar nichts und kann sich darauf verlassen, immer abgesichert zu sein.

Das Interview führten Andreas Chwallek und Marion Schalk

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