Der Mensch hat es halt gern bequem. Und Digitalisierung und Vernetzung werden das Leben in den eigenen vier Wänden tiefgreifend verändern. Der Dash Buttion von Amazon macht da gerade den Anfang. Aber sind die smarten Lösungen für das Zuhause der Zukunft nur ein weiteres Produkt für den Fachhandel? Oder steckt da mehr dahinter?

Ikea-Forschungschef Mikael Ydholm lässt in einem Interview mit der FAZ schon einmal die Zukunft anklingen:

“Vielleicht werden wir auch bald schon smarte Fenster haben, sodass man seine E-Mails auf der Fensterscheibe lesen oder darauf fernsehen kann.”

Derzeit ist das zwar noch Science Fiction, aber weltweit wird an immer dünneren Display und neuen innovativen Werkstoffen entwickelt, um eine solche Vision Realität werden zu lassen. Viel realer sind bereits die heute schon verfügbaren Lösungen für das “intelligente” Haus.

Milliardenmarkt Smart-Home - der Handel reibt sich die Hände

Das Zuhause der Zukunft ist smart - bisher unterschiedlichste Bausteine sind darin miteinander vernetzt: Lüftungssysteme, Heizung, Beleuchtung genauso wie Alarmanlagen und Überwachungssysteme. Das Smart-Home ist kein Thema mehr, das nur die Geeks und Nerds betrifft, sondern kommt langsam in weiteren Kreisen an. So hat Ebay in Kooperation mit der Telekom und dem Unternehmen Yoursmarthome gerade erst Smart-Home-Starterpakete angeboten. Hinter dem Smart-Home steckt ein Milliardenmarkt, der bis zum Jahr 2020 auf 2,4 Mrd. Euro anwachsen soll.

Verlockende Aussichten für den Handel.

Die Schlacht der Standards

Beim Thema Smart-Home wiederholt sich die Geschichte. Denn wie bei allen technischen Neuerungen der vergangenen Dekaden kämpfen erneut unterschiedlichste Systeme gegeneinander, die ebenso wenig kompatibel sind, wie es VHS und Betamax im Wettstreit der Videokassetten waren.

  • Z-Wave: Zählt weltweit zu den Marktführern. Mehr als 200 Hersteller setzen dieses Protokoll in ihren Geräten ein. Die mit Z-Wave vernetzten Komponenten leiten Mitteilungen für andere Geräte intern weiter. Das erhöht die Reichweite des gesamten Systems. Zu den bekannteren Herstellern in Deutschland, die auf diesen Standard setzen, gehören Devolo, Hauppauge oder Fibaro.
  • ZigBee: Dieser Standard wird international ebenfalls stark genutzt. Philips verwendet ihn beispielsweise in seinen Hue-Lampen. Allerdings sind Geräte, die ZigBee nutzen, nicht automatisch miteinander kompatibel und damit nicht so leicht zu vernetzen.
  • Home Kit: Wurde von Apple entwickelt. Es setzt auf iOS auf, und ermöglicht so den Anwendern, das Smart-Home mit iPhone oder iPad zu steuern. Home Kit arbeitet eher wie ein Framework, um Apps und Steuerungseinheiten zu bündeln. In Deutschland bietet u.a. Elgato Produkte nach diesem Standard an. Über spezielle Hardware kann auch eine Brücke zu den anderen Standards geschlagen werden.

Die verschiedenen Standards beschreiben erst einmal nichts anders, als die technischen Möglichkeiten der Vernetzung der Geräte untereinander.

Über Steuerungsmodule und Displays können die Bewohner die verschiedenen Geräte programmieren und damit an ihre Bedürfnisse anpassen. Mittels Sensoren arbeiten die Module dann auch teilweise selbstständig. Wird ein Regenguss bemerkt, schließen sich Fenster automatisch. Dämmert es, schaltet sich die Beleuchtung ein. Das sind einfache und klassische Beispiele für die Möglichkeiten in einem smarten Home.

Was indes fehlt, sind tatsächlich intelligente Vorschläge für die Programmierung, die sich an den Gewohnheiten der Bewohner orientieren. Es fehlt aber vor allen Dingen noch eines: Die Steuerung per Sprache. Denn damit wird die Steuerung sehr viel einfacher, als sich erst durch verschiedene Menüs diverser Apparaturen hangeln zu müssen.

So geht Smart-Home mit dem Echo: Einfach per Sprache. Hersteller sind reichlich an Bord
So geht Smart-Home mit dem Echo: Einfach per Sprache. Hersteller sind reichlich an Bord

Und an dieser Stelle treten dann globale Player auf, deren Strategien sich wenig an den Bedürfnissen des (deutschen) Handels orientieren.

Amazon, Google, Apple und Microsoft - unterschätzte Bedrohung für den Handel

Die großen Schwergewichte in Sachen Digitalisierung arbeiten alle bereits seit Jahren an der Erschaffung von digitalen Assistenten, die die Wünsche ihrer Nutzer zwar nicht von den Augen, aber (fast) von den Lippen ablesen können. Und die Hersteller haben noch eine weitere Gemeinsamkeit. Sie verfügen über Unmengen an Daten und Informationen über die Kundschaft. In der Aggregation kennen Sie den Kunden besser, als es jeder Händler mit einem noch so perfekten CRM jemals könnte.

Spracherkennung ist der Schlüssel für die Schaffung einer Plattform. Die Bildung eines Ökosystems, das ohne den Handel funktioniert.

Apple hat Siri, sein “Speech Interpretation and Recognition Interface”. Das kennt jeder Nutzer eines iOS-Geräts und bald auch die Anwender des neuen Betriebssystems macOS, das in wenigen Tagen auf den klassischen Macs Einzug halten wird. Die freundliche Stimme beantwortet Fragen nach Verabredungen und dem Wetter, schlägt gern auch etwas im Internet nach und richtet bei Bedarf Termine und Erinnerungen ein. Etwas untypisch für Apple, hat man lang dem Treiben der Mitbewerber zugesehen, so dass Siri in seinen Möglichkeiten den anderen hinterherhinkt. Das dürfte sich aber recht schnell ändern. Denn auf der Entwicklermesse WWDC wurden erste Ausblicke gezeigt. Apple öffnet sich für Drittentwickler. Und plötzlich werden Bestellungen von Waren und Dienstleistungen direkt per Sprache über Siri möglich sein. Und mit Siri und HomeKit in Kombination, verfügt Apple über wichtige Bausteine, um eine Plattform in den vier Wänden der Kundschaft zu errichten. Dass der freundliche Assistent Musik, Bücher und Filme direkt aus dem Apple-Kosmos ordern kann, versteht sich da schon fast von selbst.

Microsoft tut das, was es auch in der Vergangenheit bereits gut gemacht hat. Es kümmert sich um die Bereitstellung eines Betriebssystems. Das Unternehmen aus Redmond unterstützt derzeit massiv mit seinem “Windows 10 IoT Core” die Entwicklung von vernetzten Geräten. Dabei bietet das Unternehmen noch keine eigene Plattform, hat aber die technischen Grundlagen dafür geschaffen, dass Dritte dies könnten. Denn Microsoft bietet das Betriebssystem, stellt Schnittstellen zu seiner Sprachsteuerung Cortana zu Verfügung und unterstützt eine ganze Reihe von Einplatinencomputer (die bekannteste ist derzeit sicherlich der Raspberry Pi), die die Basis für intelligente Geräte bilden können. Schnell wird angesichts der Allmacht von Google übersehen, dass auch in Redmond dank der Suchmaschine Bing und dessen Werbenetzwerk viel Wissen versammelt ist.

Google wäre nicht Google, wenn es sich um die bisherigen Standards Gedanken machen würde. Stattdessen versucht es mit Weave und Brillo, einen eigenen Standard für die Vernetzung von Geräten zu etablieren. Und die Chancen stehen gar nicht einmal so schlecht. Mit den Produkten des Herstellers Nest, der zu Google gehört, bietet das Unternehmen bereits eine breite Palette an Bausteinen für das smarte Home an. Licht und Heizungssteuerung, Einbruchsschutz, Home Security - das alles ist bereits vorhanden. Und der Sprachassistent von Google wird immer vielseitiger. Auf seiner Konferenz I/O waren auf verschiedenen Folien bereits die Logos einiger Dickschiffe zu sehen, die Google Home und Voice unterstützen werden. Von Uber über Ticketmaster bis zu WhatsApp. Ein Ass im Ärmel von Google sind unzweifelhaft Daten und Informationen, die der Konzern eifrig sammelt und auswertet, die die Nutzer aber auch freiwillig zur Verfügung stellen. Denn mit dem Android-Smartphone mit verknüpften Google Konto weiß Google einfach, wann der Bewohner kurz davor ist, das Haus zu erreichen. Dann kann das Smart-Home schon einmal gelüftet oder geheizt werden. Es könnte aber auch bereits einmal eine Pizza bestellen. Oder aber dem Online-Händler mitteilen, dass jetzt der Zeitpunkt erreicht ist, die bestellte Lieferung zuzustellen.

Amazon bietet in den USA seit einiger Zeit sein Gerät “Echo” an. Ein eher unscheinbares Gerät (ähnlich wie auch die Lösung von Google), das auf die Befehle der Bewohner wartet. Im Kern handelt es sich zunächst einmal nur um einen elektronischen Assistenten, der auf Basis von Alexa (zu Amazon gehörendes Technologieunternehmen) die Kommandos der Benutzer interpretiert. Damit eröffnet sich den Nutzern neben den klassischen Annehmlichkeiten (Erinnerungen, Termine, Abspielen von Musik) auch die Option, direkt bei Amazon einkaufen zu können.

Echo ist also das in Kunststoff manifestierte Entrée zum Ökosystem von Amazon. Aber noch viel wichtiger. Amazon hat bereits einige Dritthersteller von Smart-Home-Lösungen gewinnen können, sein System zu unterstützen. Echo übernimmt also die Aufgaben einer Informations-, Einkaufs- und Steuerungszentrale. Seit einiger Zeit kann es auch über die Z-Wave-Schnittstelle mit Geräten kommunizieren. Technologisch ist Amazon damit einen Hauch vor seinen Mitbewerbern angekommen. Bei der Betrachtung des Ökosystems aus dem Hause Amazon darf schließlich Dash nicht übersehen werden.

Mit der Technologie der Spracherkennung und vielen Anbindungen zu Smart-Home-Systemen dürften Amazon, Apple, Google und Microsoft die Schnittstellen beherrschen, über die Kunden einkaufen. Und klar ist auch, dass derjenige, der diese Schnittstellen unter seiner Hoheit hält, auch bestimmt, wo der Kunde kauft.

Die Begeisterung für die technischen Möglichkeiten und die glänzenden Umsatzaussichten täuschen darüber hinweg, dass der Handel Gefahr läuft, mit vielen Kunden den letzten Euro Umsatz zu machen. Oder sich anschließend für viel Geld wieder in die Ökosysteme der Hersteller einkaufen darf.