Foodwatch-Geschäftsführer Dr. Thilo Bode plädiert in einem Beitrag für das Wirtschaftsmagazin Der Handel für die Einführung der Nährwert-Ampel für Lebensmittel.

Niemand weiß, wie oft die Spitzenfunktionäre der Ernährungswirtschaft die Nährwert-Ampel bereits für tot erklärt haben. Neuerdings fordern sie das schnellstmögliche Ende der Debatte. Ein gutes Indiz dafür, dass erstens die Ampel immer noch nicht tot ist - und zweitens die Debatte jetzt erst richtig los geht.

Längst ist erwiesen, dass die meisten Verbraucher die Ampel wollen, Emnid zufolge fordern sie zwei Drittel der Konsumenten. Der exakte Gehalt der vier wichtigsten Nährwerte wird in vier Feldern je nach Menge mit "hoch", „mittel", "niedrig" und mit der entsprechenden Ampelfarbe unterlegt angegeben - im Vorschlag von Foodwatch zusätzlich der Kaloriengehalt. Alles einheitlich je hundert Gramm. Nicht mehr, nicht weniger. Das ist so einfach wie möglich und so komplex wie nötig.

Gegen Werbelügen und Verbrauchertäuschung

Die Ampel löst bestimmt nicht alle Probleme im Lebensmittelmarkt, aber allein ihre Existenz hat die Dreistigkeit von Werbelügen und die Kundenverachtung vieler Produktneuheiten ins Bewusstsein gehoben.

Die "Guideline Daily Amounts" (GDA) hingegen zeigen, wie man Nährwertinformationen gestaltet, die den Kunden möglichst wenig auffallen, vielmehr irritieren, Produktvergleiche erschweren und so das Marketing nicht stören. Eine von Foodwatch beauftragte Studie der GfK belegt das eindrucksvoll: Beim Vergleich zweier Produkte mithilfe der GDA-Grafik hielten rund 70 (!) Prozent der Befragten das zuckerreichere für das zuckerärmere. Wer verantwortlich im Sinne der Verbraucher handelt, muss zu dem Schluss kommen: Diese Form der Kennzeichnung ist gescheitert.

15 Prozent der Kinder gelten in Deutschland als übergewichtig und auch jeder zweite Erwachsene. Im Gesundheitswesen verursacht dies jedes Jahr Kosten von 70 Milliarden Euro. Es besteht also nicht nur ein moralisches, sondern auch ein wirtschaftliches Interesse, Verbrauchern den Nährwertgehalt ihrer Lebensmittel verständlich zu machen.

Verantwortung übernehmen und informieren

Warum ist bislang kein Handelsunternehmen bereit, die ihm zukommende Verantwortung zu übernehmen, seine Kunden zu respektieren und wenigstens besonders komplex zusammengesetzte Produkte wie etwa Convenience oder Cerealien mit Nährwertinformationen im Ampelschema auszuloben? Es ist ja nicht so, dass die Umsätze oder die Reputation von Sainsbury's in England darunter gelitten hätten, seit sie die Ampel einsetzen.

Die Firma Frosta hat nun den Anfang gemacht - aus Respekt vor dem Wunsch vieler Verbraucher. Das Echo darauf war laut und deutlich, in den Medien ist von der "Revolution im Supermarkt" die Rede. Höchste Zeit, dass auch andere Hersteller die Vorlage aufnehmen und der Handel bei seinen Eigenmarken Verantwortung übernimmt.

Dr. Thilo Bode
Ehemaliger Deutschland-Chef von Greenpeace sowie Gründer und Geschäftsführer des gemeinnützigen Verbraucherschutzsvereins Foodwatch.

Dieser Artikel ist im Rahmen eines Pro&Contra-Beitrages zur Lebensmittel-Ampel in der Juli-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen.

Lesen Sie hier den Contra-Beitrag von Josef Sanktjohanser, Vorstandsmitglied der Rewe Group und Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), der sich gegen die Nährwertauszeichnung per Ampel-Farben ausspricht.