Der Wahnsinn um das Smartphone-Spiel Pokémon Go erreicht Deutschland. Für Händler eröffnet sich durch den Hype eine neue Marketing-Welt – sie können auf einfachem Weg neue Kunden in ihre Läden locken.

Als innerhalb weniger Minuten das vierte Pärchen vor dem Fenster schnellen Schrittes vorbeiläuft, den Blick starr auf’s Handy gerichtet, dämmert es: Sie sind auf Pokémon-Jagd. Seit dem 13. Juli kann man das Augmented-Reality-Spiel Pokémon Go offiziell auch in Deutschland als App herunterladen.

"Augmented Reality" bedeutet hier, dass die Spieler über die eingeschaltete Kamera ihres Handys die reale Welt sehen - ergänzt um Einblendungen von nur für das Spiel relevanten Informationen und Figuren. Die Suche nach den kleinen Monstern, Prämien, Kampfarenen und Kontrahenten basiert auf echten Geodaten - die Jäger gehen auf Straßen, Parks, in Krankenhäusern und in Shops auf die Jagd.

Neue Orte für Kampfarenen vorschlagen

Die Monsterjagd in der echten Welt lockt Millionen Menschen vor die Tür und bricht Rekorde - der Hype um das Smartphone-Spiel könnte auch Händlern lukrative Geschäfte bescheren. In Wien gewährt beispielsweise ein Autoteile-Händler 20 Prozent Nachlass auf Scheibenwischer oder Motoröle, wenn man auf dem Firmengelände ein virtuelles Monster fängt. Eine Saftbar im amerikanischen Gainesville schenkt Zockern einen Smoothie, wenn sie über die App weitere Spieler anlocken.

Unklar ist noch, nach welchen Kriterien der Entwickler Niantic Labs und die Nintendo-Beteiligung Pokémon Company diese Orte gesetzt haben. Fest steht: Durch die App werden sie häufiger besucht. Einige Orte in Übersee wurden regelrecht überrannt. In den nächsten Wochen und Monaten wird es möglich sein, den Schöpfern neue Orte für Kampfarenen oder Pokéstops - hier kann man seine Ausrüstung auffüllen - vorzuschlagen, heißt es aus Kreisen der Entwickler.

Berliner Souvenirshop als Kampfarena

Ein Berliner Souvenirladen in der Nähe des Brandenburger Tors ist in der virtuellen Spielwelt als Kampfarena markiert. Verkäufer Björn Rahn freut's: "Ich denke, wir können einen neuen Kundenstamm gewinnen." Besonders viele "Pokémon"-Spieler habe er vor oder in dem Geschäft allerdings noch nicht gesehen. "Einen Ansturm durch das Spiel wie in anderen Ländern haben wir noch nicht gemerkt", sagt Rahn.

In sozialen Netzwerken häufen sich Berichte, wonach Spieler ihre Restaurantsuche mit attraktiven Jagdverhältnissen abstimmen. Gaststätten etwa in Australien haben darauf reagiert und legen zu festgelegten Zeiten Köder aus, um seltene "Pokémon" anzulocken. Das soll Kunden animieren, beim Essen auf Monsterjagd zu gehen. Und glaubt man Nutzern auf Twitter, soll es bereits Beschwerden wegen fehlender Monster im Lokal gegeben haben.

Jüngere Kundschaft in die Läden holen

Für Marketing-Strategen eröffnet der Rummel um das Spiel ganz neue Möglichkeiten. Der Sprecher vom Handelsverband Deutschland, Stefan Hertel, sagt: "Die Beteiligung an Pokémon Go hat da angesichts des derzeitigen Hypes durchaus Potenzial, gerade jüngere und internetaffine Kundschaft in die Läden zu holen." Für Spieler steigere das das Einkaufserlebnis und die Verbundenheit zu den Geschäften vor Ort.

Firmen könnten in der virtuellen Welt auf sich aufmerksam machen oder mit Gutscheinen oder Rabatten auf ihre Online-Shops hinweisen, sagt Martin Groß-Albenhausen, Marketing- und Social-Media-Experte im Bundesverband E-Commerce und Versandhandel.

Mit In-App-Käufen Spieler anlocken

Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" erklärt bereits konkret, wie Ladenbesitzer vom Hype profitieren können: "Weisen Sie sie nicht zurück, locken Sie sie an". Unternehmer sollen sich eine versteckte Werbemöglichkeit zunutze machen. Durch In-App-Käufe, die sogenannten "Lure", können Spieler Köder auf die Karte setzen, die Monster für 30 Minuten anlocken. In Deutschland kostet dieser Köder derzeit 1 Euro.

Ein Trick, den auch ein Restaurant in New York angewendet hat, wie der US-Sender CNBC berichtete: Demnach hatte eine Pizzeria in New York eine "Lure" für 10 US-Dollar gekauft - der Umsatz kletterte um 75 Prozent

Der Chef des Co-Entwicklers Niantic Labs, John Hanke, sagte jüngst der "New York Times", in Zukunft werde es für Geschäfte auch ganz offiziell die Möglichkeit geben, in dem Spiel mit gesponserten Punkten aufzutauchen. Einen Zeitpunkt dafür nannte er nicht. Im Moment ist Niantic damit beschäftigt, seine Server unter dem Ansturm der Spieler nicht in die Knie gehen zu lassen.

“Die kurbeln das Geschäft bestimmt an"

Zu einem Treffpunkt für "Pokémon"-Spieler ist auch eine Bäckerei in Berlin-Kreuzberg geworden. Vereinzelt stehen bereits Zocker vor dem Laden, wischen mit ihren Fingern über die Displays ihrer Smartphones und lassen ihre Monster gegeneinander kämpfen. Erkannt haben die Mitarbeiter das zunächst nicht. Künftig hofft Verkäuferin Kübra Sahin aber auf mehr "Pokémon"-Spieler: "Die kurbeln das Geschäft bestimmt an", hofft sie.

Verbraucherschützer warnen vor ungekennzeichneter Werbung

Doch Verbraucherschützer warnen: Ist Werbung als solche nicht gekennzeichnet, könnten Kunden getäuscht werden, erklärt Florian Glatzner vom Verbraucherzentrale-Bundesverband.

Würden keine personenbezogenen Daten von Verbrauchern gesammelt, sei eine solche Praxis zumindest beim Datenschutz eher unkritisch. Dies sei aber nicht immer zu durchschauen: "Bei vielen Programmen hat der Nutzer kaum eine Chance zu sehen, welche Berechtigungen er freigibt und welche Daten fließen." Übrigens: An einer Außenstelle der Berliner Verbraucherzentrale ist ebenfalls eine Kampfarena. Die Mitarbeiter wussten davon nichts.