Erst sanieren, dann investieren. Das wird auf Karstadt zukommen. Die Mitarbeiter werden auf Opfer vorbereitet, wieder einmal. Es geht dabei auch um Symbolhaftes wie das Weihnachtsgeld.

An dieses Versprechen klammert sich auch Norbert Sachs. "Wir haben die Zusage, dass wir in diesem Jahr Weihnachtsgeld bekommen", sagt der Betriebsratsvorsitzende der Karstadt-Filiale auf der Frankfurter Zeil. "Und dieses Geld erwarten die Leute jetzt auch."

62,5 Prozent vom Monatsgehalt ist die Höhe dieser Gratifikation, und die meisten Karstadt-Mitarbeiter haben dieses Geld längst eingeplant für notwendige Ausgaben. "Weihnachtsgeld dient immer mehr der Existenzsicherung", sagt Sachs zu Der Handel.

Doch dieser finanzielle Zuschuss dürfte für die Beschäftigten bald wegfallen. "Wir müssen über Einsparungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld sprechen und darüber, die Tarifpause über 2015 hinaus zu verlängern", sagte der neue Chef des Warenhausunternehmens Stephan Fanderl dem "Handelsblatt".

Eine Verkäuferin verdient jetzt 120 Euro im Monat weniger

Sachs kann sich aber nicht vorstellen, dass diese Einsparungen noch in diesem Jahr, kurz vor Beginn des für Karstadt so immens wichtigen Weihnachtsgeschäfts, durchgesetzt werden. Wenn doch, dann dürfte die frustrierte Belegschaft aufbegehren. Schließlich haben die Mitarbeiter in den zurückliegenden Jahren Einbußen in Millionenhöhe gehabt und es gab die Kündigung des Tarifvertrags. "Ein Verkäuferin verdient heute im Monat 120 Euro weniger als vor anderthalb Jahren", sagt Sachs und fragt verbittert: "Sollen wir jetzt auch noch Blut spenden?"

Fanderl muss nun einen Spagat schaffen. Da sind die betriebswirtschaftlichen Härten  und die menschlichen Tragödien. Wie erklärt man einem Mitarbeiter, der jahrelang fürs Unternehmen Opfer gebracht hat, das alles sei umsonst gewesen? Wenn dieser beispielweise beim Frühstück im Radio hört, dass sein Arbeitsplatz wegfällt, weil Karstadt in Hamburg-Billstedt geschlossen wird?

Flächen, Flächen, Flächen

Fanderl muss auch die Gewerkschaft Verdi mit ins Boot holen. Die Arbeitnehmervertreter werden sich damit anfreunden müssen, dass die Vertriebsform Warenhaus nur noch bedingt wettbewerbsfähig ist. Der Stuttgarter Verdi-Landesfachbereichsleiter wettert zwar angesichts der angekündigten Schließung der Karstadt-Filiale vor Ort: "Hier saniert sich der Immobilienbesitzer Benko auf dem Rücken der Stuttgarter Belegschaft", sagte er über den Neu-Eigentümer René Benko.

Karstadt Stuttgart gehöre schon immer zu den besten Standorten und entwickele sich seit Jahren besser als der Konzern, erklärte Franke. In der Stuttgarter Innenstadt haben erst jüngst zwei Einkaufszentren eröffnet, die Umsätze von bis zu 350 Millionen Euro im Jahr erwarten - etwa ein Drittel der Erlöse, die derzeit in der Stuttgarter Innenstadt erzielt werden. "Wahrscheinlich wäre das Haus längst in den schwarzen Zahlen, wenn der Ertrag nicht durch übermäßig hohe Mieten abgesaugt würde", sagt Franke.

Zwei neue Innenstadtcenter, Breuningerland will offenbar seine Fläche erweitern, dazu noch Karstadt - wo sollen die Kunden noch alles einkaufen? Fachhändler in Stuttgart und im Umland klagen immer lauter über sinkende Umsätze.

Geld von Signa

Sechs Karstadt-Filialen sollen fürs erste geschlossen werden. Fanderl hat darüber hinaus angekündigt, bei weiteren acht bis zehn Häusern werde er individuelle Lösungen suchen. "Wir sprechen etwa mit den Vermietern, ob es alternative Nutzungen für den Standort gibt und eine Chance besteht, früher aus den laufenden Mietverträgen herauszukommen", sagte der 51-jährige Manager dem "Handelsblatt".

Zugleich kündigte er an, die Karstadt-Eigentümerin Signa-Holding werde weiteres Geld zur Verfügung stellen. "Signa wird nach der erfolgreichen Sanierung über die kommenden Jahre in dreistelliger Millionenhöhe in das präsentierte Zukunftskonzept investieren." Das heißt nichts anderes, dass zunächst das Filialnetz ausgedünnt werden soll, um dann dort zu investieren, wo noch Perspektiven bestehen.
Schon im Frühjahr, spätestens im Sommer, sollen einzelne neue Warenhausformate vorgestellt werden, kündigte Fanderl an. Hier Erlebnishäuser, dort Nahversorger - so könnte die Zukunft der Filialen aussehen. Die Frage ist nur, welche übrig bleiben. Und schließlich bleibt noch die Option, dass Benko, der Mann hinter Signa, auch Kaufhof übernimmt, um das Unternehmen mit Karstadt zu vermählen.

"Wie in einem Labor"

Norbert Sachs' Leidenschaft für Benko hält sich in Grenzen. "Er ist Immobilieninvestor. Mit Einzelhandel hatte er bisher nichts zu tun", sagt der Betriebsratsvorsitzende. Doch auch die gestandenen Einzelhändler, darunter Fanderls Vorvorgänger Andrew Jennings, müssen nicht zwangsläufig richtig liegen.

Der britische Warenhausroutinier wollte Karstadt mit flotten internationalen Modemarken verjüngen.  Manches lief sogar, das meiste wurde aber wieder ausgelistet. Unterm Strich ist das Projekt Jennings gescheitert. "Man kam sich vor wie in einem Labor, wo ständig etwas getestet wurde", erinnert sich Sachs an die dreijährige Jennings-Epoche.

Frohe Weihnachten, Karstadt.

Steffen Gerth, mit Material von dpa